Filmkritik | Welcome To Shamatown (China, 2010)

Welcome to ShamatownWelcome To Shamatown! In dem chinesischen Wüstendorf fliegen neuerdings die Tomaten tief. Denn seine Bewohner denken gar nicht daran, den Banditenschatz, der in ihrer Gegend vergraben sein soll, herzugeben. Hinter dem teils etwas plumpen Klamauk von Li Weiran verbirgt sich eine intelligente Satire rund ums kapitalistische China. Das ist unterhaltsam. Allerdings finden hier wohl nur Zuschauer mit China-Erfahrung vollen Zugang.

Welcome To Shamatown
决战刹马镇

Chinesische Komödien sind eine Sache für sich. Overacting stößt im Westen sauer auf, gehört im asiatischen Raum aber schon fast zum guten Ton. Was für ein Glück, dass Welcome To Shamatown andere Wege beschreitet. Vor plumpen Übertreibungen ist man zwar nicht gefeit. Man bekommt aber trotzdem eine geschickt inszenierte, relativ intelligente Satire zu sehen, die amüsiert und kritisiert. Dazu müssen wir uns allerdings erst einmal nach Shamatown begeben, einem kleinen Städtchen im Nordwesten Chinas, wo die Bewohner nicht ganz so helle sind, ihr Boden aber offensichtlich Schätze birgt.

So täten die Bewohner von Shamatown am besten daran, wie vom Bezirksvorsteher vorgeschlagen Tomaten anzubauen. Shamatowns Bürgermeister, Tang Gaopeng (klasse besetzt: Sun Honglei), glaubt allerdings fest daran, mit Touristen das große Geld machen zu können. Dummerweise verirrt sich von diesen so gut wie keiner in das abgelegene Wüstenstädtchen, das außer einem heruntergekommenen Freizeitpark mit fragwürdiger Live-Show über das Leben des einst ortsansässigen Banditen Hu Shuanzi nichts zu bieten hat.

Als nun die Kunde vom vergrabenen Schatz ebenjenes Banditen die Runde macht, zieht das den schmierigen Antiquitätensammler Zhou Dingbang (Lee Li-Chun) an, der samt Gefolge in Shamatown anklopft, um als angeblicher Investor die Gunst der Bewohner und anschließend den Schatz zu erschleichen. Doch ganz so einfach wie es zunächst den Anschein hat, lassen sich die Bewohner Shamatowns nicht um den Finger wickeln. Ihr Land wollen sie nicht verkaufen und den Schatz — so es ihn denn wirklich gibt — schon gar nicht mit Fremden teilen.

In seinem Erstlingswerk spricht Werbefilmer Li Weiran ein aktuelles Thema an. Der Kapitalismus greift natürlich auch in China bis in die hintersten Winkel um sich. Die einfachen Bauern in der Provinz träumen ebenso vom großen Geld wie diejenigen, die es eigentlich schon haben, den Rachen aber nicht vollkriegen können. Weil die unerfahrenen Bauern keine Lust haben, wie im vorliegenden Fall im großen Stil Tomaten anzubauen und stattdessen viel lieber auf der trendigen Tourismusschiene mitfahren möchten, werden sie schnell zum Ziel der Gewiefteren. Defizite im Marketing und der Haushaltskasse führen nun mal nicht zu gut durchdachten Touristenattraktionen.

Investoren müssen her. Und die kreisen schon wie die Fliegen um das Aas, um sich mit dreisten Lügen an der Einfältigkeit der Armen zu bereichern. Dementsprechend dauert es nicht lange, bis der gut betuchte Zhou mit seinem kunterbunten Taiwan-Gefolge und Luxuswohnwagen an der mobilen Straßensperre vor Shamatown Halt machen und mit dem Bürgermeister verhandeln muss, der sich gern übers Ohr hauen lässt, so lange er im Gegenzug bloß keine Tomaten anbauen muss.

Absolute Dummheit kann man den Bewohnern Shamatowns allerdings auch wieder nicht unterstellen. Zwar scheinen einige Nebenfiguren geistig nicht unbedingt auf dem richtigen Dampfer zu sein, aber zumindest Bürgermeister Tang sowie seine Freundin (Lin Chi-Ling) sind mit einer gewissen Bauernschläue gesegnet, die zwar nicht vor Naivität, wohl aber vor dem Schlimmsten bewahrt. Denn den Schatz, um den sich bald alles dreht, wollen Tang und Co. nur ungern aus ihrem Besitz geben. Dabei ist zunächst nicht einmal sicher, ob er tatsächlich existiert.

Fortan wird in Shamatown rund um die Uhr gegraben, am liebsten hinter dem Rücken der anderen Partei, und wer den anderen doch mal einen Schritt voraus ist, bleibt das nicht lange. Die Gemüter erhitzen sich, die Lage spitzt sich zu, es wird verhandelt, gegaunert und gesoffen, bis der Kampf um den Schatz beim jährlichen (das heißt erstmalig ausgetragenem) Tomaten-Festival in Shamatown eskaliert und die Paradeiser tief fliegen.

Li Weiran greift dabei auf Slapstick zurück, der im Finale fast schon etwas ausartet, und setzt die Gags treffsicher, aber nicht immer sehr subtil ein. Viel besser gefällt die Situationskomik und der teils furztrockene Humor, welche die Komödie so witzig machen. Klar, dass der Humor oft auf Kosten der einfachen Landbevölkerung geht, wenn auch auf sehr amüsante und treffende Weise.

Wer in China als Tourist unterwegs ist, wird wohl selbst so manches Mal auf so beschämend fehlorganisierte »Touristenattraktionen« treffen wie Shamatowns tristen Freizeitpark, der sich auf eine vergleichbar unspektakuläre Legende bezieht.

Li Weiran hat seine Vorlagen für Welcome To Shamatown genau beobachtet und spannt ein detailreiches Bild voll geldgieriger Kerle, unprofessioneller Touristenwerbung, naiver Bauern, chinesischem Kulturgut und fast schon dekadenter Mittelstandstouristen (die kurze Szene in einem Reisebus ist in ihrer Ernsthaftigkeit zum Schießen). Als i-Tüpfelchen ist das alles auch noch vor toller Wüstenkulisse gedreht worden und bleibt bis zum Ende spannend.

Fazit

Es ist schon lange nicht mehr vorgekommen, dass ich einen Film direkt zweimal hintereinander sehen wollte. Bei Welcome To Shamatown hätte ich das aber gern getan. Die Satire ist auf der plumperen wie auf der subtileren Ebene witzig, vor allem aber auch fesselnd und, in weiten Teilen, intelligent erzählt. Li Weiran setzt gezielt einige Klischees über das moderne China ein und kritisiert und unterhält damit gleichermaßen.

Mag sein, dass der ein oder andere Punkt dem Westen eher verschlossen bleibt, aber wer sich vielfältig mit China beschäftigt, dürfte sich hier königlich amüsieren.

© Shaoshi, 27. Februar 2012
10/10

Und wie gefällt Euch der Film?

决战刹马镇 | Jue Zhan Cha Ma Zhen
China • 2010 • 104 Min. • Komödie
Regie | Li Weiran
Drehbuch | Zhou Zhiyong, Li Weiran
Darsteller | Sun Honglei, Lin Chiling, Lee Li-Chun, Gan Wei, Huang Haibo, Xie Yuan, Bao Beier, Ma Jian, Zhou Weitong, Ma Li, Cao Bingkun, Zhao Ziqi, Ma Delin, Zhang Zidong, Zhao Leiqi, Qin Yue, Zhu Yubin

Cover-Quelle: movie.douban.com

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