Filmkritik | Jackie Chan ist Nobody (Hongkong, 1998)

Jackie Chan ist NobodyEben hat sich Jackie Chan mit Rush Hour im Westen endgültig einen Namen gemacht, da besinnt er sich auch schon wieder seiner Heimat und dreht wieder einen Hongkong-Streifen—nämlich den Film Jackie Chan ist Nobody vor so exotischer Kulisse wie Südafrika und Holland.

Jackie Chan arbeitet in streng geheimer Mission in einem internationalen Söldnertrupp, der nach getaner Arbeit liquidiert werden soll. Jackie, seines Zeichens einziger Überlebender mit klaffender Erinnerungslücke, wird von einem primitiven Eingeborenenstamm gesund gepflegt und tölpelt sich in viel zu langen, überflüssigen und viel zu unsensiblen Sequenzen durch den afrikanischen Busch. Wer er ist, weiß er nicht mehr. Was geschehen ist, hat er ebenfalls vergessen. Mit seiner neuen, halbgaren Identität als primitiver Wilder namens »Who am I« hilft er Yuki (Mirai Yamamoto), die eben bei einer Wüstenrallye für Mitsubishi-Gefährte mitmacht und—eine Hand wäscht die andere—ihn zurück in die Zivilisation bringt. Doch dort beginnen Jackies Probleme erst richtig. Plötzlich sind böse Buben hinter ihm her, die ihn lieber waagrecht als senkrecht sehen wollen, CIA-Agenten heften sich an seine Fersen und auch die vermeintliche Reporterin Christine (Michelle Ferre) weicht ihm bald schon nicht mehr von der Seite. Und so tut Jackie das, was er am besten kann: er flieht mit Hilfe einiger sehenswerter Stunts und verteilt, wenn nötig, einen Satz heiße Ohren, bewahrt die Bösewichter aber dann doch wieder vor dem tödlichen Sturz vom Hausdach und ist auch sonst—trotz verlorener Identität und seiner offensichtlichen geheimen Spezialausbildung, deren Tricks er immer noch drauf hat—der liebenswerte Gutmensch, den er in so vielen seiner familientauglichen Rollen spielt. Erst in Rotterdam spitzt sich die eigentlich recht fade Story zu einem Showdown auf dem Dach zu, als Jackie längst weiß, dass er niemandem mehr vertrauen darf.

Jackie Chans Name im Titel verrät es schon—Jackie Chan ist Nobody ist zu einer One-Man-Show verkommen. Nicht nur, weil Jackie Chan Hauptrolle, Regie und Drehbuch übernommen hat, auch weil es im Film fast permanent um Jackie geht und alle anderen neben ihm sowieso verblassen. Zwar bildet man zur Mitte hin mal das typische Dreiergespann aus Jackie und zwei nervtötenden Frauen—doch Yuki wird nur kurz als Mittel zum Zweck eingesetzt und dann vergessen und Christine ist in ihrer Rolle als vermeintliche Reporterin viel zu unwichtig. Die Bösewichter beschränken sich auf die üblichen grimmigen Bösewichte in dunklen Klamotten (von denen die Endgegner freilich perfekt Kung-Fu beherrschen) und ziehen Jackie Chan ist Nobody unnötig ins Lächerliche.

Lächerlich ist übrigens auch die Idee der Story: Aus einem Meteoriten wird ein Gestein gewonnen, das so viel Energie freisetzt, dass man auf der ganzen Welt damit Gutes bewirken könnte (und außerdem für einige sehr schlechte Computereffekte sorgt)—doch dann gerät die Formel auf CD-Rom inklusive der zuständigen Wissenschaftler in die schmierigen Hände der Gangster, die diese neuen Erkenntnisse lieber in der Waffenindustrie zu Geld machen wollen. Und plötzlich steckt Jackie Chan—ohne zu wissen warum—mittendrin im Schlamassel, wird von Südamerika nach Holland gejagt, will aber auch die Transaktion von CD-Rom zu Geld verhindern und ist am Ende der lockere Held wie eh und je.

Zwischendrin wird es schon mal schön rasant, doch bis dahin vergeht eine ganze Weile. Nachdem wir uns viel zu lange mit Jackies Slapstick im Busch aufhalten müssen, gewinnt der Film aber schnell an Fahrt, wenn Jackie nur noch von einer Szene in die nächste gehetzt wird. Langeweile dürfte so also nicht aufkommen, aber obwohl Jackie Chan sich für den Streifen stark ins Zeug gelegt hat, zeigt er uns nur sein Standardprogramm. Seine sauberen Stunts (die hier viel mit Hinauf- oder Hinabklettern zu tun haben), Mitsubishi-Verfolgungsjagden und das ein oder andere recht harmlose Handgemenge mit Stuhl, Holzschuhen oder der bloßen Hand dürften jeden Chan-Fan zufrieden stellen. Trotzdem fehlt Jackie Chan ist Nobody der Kick, das besondere Etwas. Trotz Thriller-Elemente kommt in der Actionkomödie nämlich kaum Spannung auf, da der Zuschauer immer viel zu viel weiß (sei es durch Vorhersehbarkeiten oder Mängel am Drehbuch) und man auch aus Jackies Amnesie nicht gerade ein intelligentes Psycho-Spielchen macht. Insgesamt bleibt Jackie Chan ist Nobody zu harmlos, zu oberflächlich, zu flapsig (obwohl der Humor sich hier sehr wohldosiert verhält) und auch viel zu naiv (»Sie haben mir doch versprochen, dass Sie damit nur Gutes bewirken wollen!«). Für Kinder ist der Film aber trotzdem nicht unbedingt etwas—dafür ist er viel zu schnell und dann doch wieder zu actionlastig.

Jackie Chan ist Nobody ist also Popcornkino ohne großen Nachhalleffekt. Man konsumiert und vergisst sofort wieder. Jackie Chan hat sich für den Streifen zwar mächtig ins Zeug gelegt, doch über den Standard kommt er dabei nicht hinaus. Man wird mit einer recht guten Mischung aus jeder Menge Jackie-Chan-Action, zurückgeschraubtem Witz und Tempo unterhalten, verpasst aber im Grunde nicht viel. Jackie-Chan-Fans ist der Film vorbehaltlos zu empfehlen, der Rest hat nichts verpasst. Mit Jackie Chan ist Nobody kann aber kaum einer etwas falsch machen, so lange man weiß, worauf man sich einlässt.

© Shaoshi, 22. Oktober 2009
6/10

我是誰
Hongkong • 1998 • 108 Min. • FSK 12 • Actionkomödie
Alternativtitel | Who Am I?
Regie | Jackie Chan, Benny Chan Muk-Sing
Drehbuch | Jackie Chan, Susan Chan, Lee Reynolds
Darsteller | Jackie Chan, Michelle Ferre, Mirai Yamamoto, Ron Smerczak, Ed Nelson, Tom Pompert

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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