Filmkritik | Shanghai Kiss (USA, 2007)

Shanghai KissKaum zu glauben, dass sich unter Direct-to-DVD-Produktionen echte Perlen finden lassen. Der/die/das Dramedy Shanghai Kiss ist so eine Perle, selbst wenn man es erst nicht für möglich gehalten hätte. Zunächst gibt es kaum einen US-Film, in dem Chinesen etwas anderes spielen dürfen als Kung-Fu-Künstler oder die Bösen. Umso schöner also, dass sich Shanghai Kiss ernsteren Themen widmet und den Chinesen im Mittelpunkt tatsächlich als echten, ganz normalen Menschen darstellt. Bezeichnend allerdings, dass man auf dem Cover trotzdem lieber mit dem schönen Gesicht von Hayden Panettiere wirbt, die in den USA als Heroes-Star zugkräftiger wirkt als Ken Leung, der filmtechnisch zwar auch kein unbeschriebenes Blatt, aber trotzdem irgendwie ein Chinese ist. Und das, obwohl der Gute doch in New York geboren ist.

Die Rolle des Liam Liu, Ende zwanzig, scheint ihm damit wie auf den Leib geschneidert. Denn auch im Film spielt Ken Leung einen Schauspieler auf der Suche nach der Rolle seines Lebens (wobei es allerdings meist schon beim Casting für kleine Werbespots scheitert), er ist ebenfalls in New York geboren, verhält sich wie ein US-Amerikaner und kann praktisch kein Chinesisch. Ein echter Ami also. Wäre da nicht das asiatische Aussehen, mit dem er in den USA einfach nicht als richtiger Amerikaner durchgeht. Ziellos schläft er mit einer Frau nach der anderen, um die große Leere in seinem Inneren zu füllen, und fühlt sich in seiner Heimat kaum zu Hause. Lediglich bei der sechzehnjährigen Adelaide (Hayden Panettiere) fühlt er sich wohl, versteht allerdings, dass eine Liebesbeziehung zu einer Minderjährigen schlimme Konsequenzen hätte. Also bleibt ihre Beziehung eine platonische Freundschaft, selbst wenn es Adelaide immer wieder auf das Gegenteil anlegt. Als Liam ein Haus in Shanghai erbt, entschließt er sich zum ersten Mal in seinem Leben nach China zu fahren. Dort trifft er die betörende Micki (Kelly Hu) und fühlt sich plötzlich, endlich zu Hause. Sehr zum Leidwesen Adelaides beschließt Liam in Shanghai zu bleiben, doch schnell merkt er, dass er auch hier nicht richtig dazugehört. Denn hier halten ihn alle für einen Amerikaner und fehlende Sprachkenntnisse machen die Sache auch nicht einfacher.

Shanghai Kiss erzählt sehr realistisch die Geschichte eines Mannes zwischen den Kulturen. Die Suche nach Identität und Heimat, die Suche nach sich selbst steht hier immer im Mittelpunkt. Dabei ist die Geschichte nicht in ein reinrassiges Drama verpackt, sondern punktet auch mit Humor, der sehr natürlich rüberkommt. Fast jeder Tourist in Shanghai dürfte schon ähnliche Erlebnisse gehabt haben. Und so werden die kleinen Witzchen, wenn Liam etwa vom Taxifahrer nicht verstanden, deshalb an mehrere falsche Orte gefahren und schließlich beschimpft wird, umso größer. Dass Liam die meiste Zeit des Films über als redenschwingender, leicht arroganter Nichtsnutz nicht unbedingt der Sympathischste ist, stört denn auch gar nicht.

Obwohl prominent auf dem DVD-Cover zu sehen, hat Hayden Panettiere wirklich nur eine Nebenrolle inne. Sie spielt die aufgeweckte Sechzehnjährige, die ausgerechnet mit einem gut zehn Jahre älteren Mann auf einer Wellenlänge liegt, überzeugend. Trotzdem ist Shanghai Kiss Ken Leungs Film. Und das ist gut so.

Shanghai Kiss gefällt rundherum. Die Charaktere, wenn auch nicht sonderlich sympathisch, wirken realistisch und erhalten vor allem im Fall von Liam im Laufe des Films eine interessante Tiefe. Die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen ist auch immer wieder ein ergiebiges Thema. Wenn der Film dann nicht nur mit Drama, sondern auch gelungenem Humor punkten kann, ist das die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Shanghai Kiss ist ein Beweis dafür, dass man auch unter B-Filmen mal eine Perle finden kann. Manchmal braucht es eben keine teuren Produktionen, die berühmtesten Gesichter Hollywoods und bahnbrechende Effekte. Manchmal ist es besser, wenn man einen kleinen, aber feinen Film dreht, in den man sein ganzes Herzblut steckt. Dann kann so etwas Gutes dabei herauskommen wie Shanghai Kiss.

© Shaoshi, 19. November 2012
9/10

Shanghai Kiss
USA • 2007 • 100 Min • Drama/Komödie
Alternativtitel | The Shanghai Kid
Regie | Kern Konwiser, David Ren
Darsteller | Ken Leung, Hayden Panettiere, Kelly Hu, Joel Moore, Oliver Yan, James Hong, Byron Mann, Spencer Redford, Summer Altice, Timothy Bottoms, Kathleen Lancaster, Ken Arden

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s