Filmkritik | Lost On Journey (China, 2010)

Ein Geschäftsmann will rechtzeitig zum Frühlingsfest heim nach Changsha. Ein Bauerntölpel hat den gleichen Weg, um seinen Festtagsbonus einzutreiben. Klar, dass das ungleiche Gespann die chaotische Reise quer durch China schon bald gemeinsam antreten muss. Das klingt verdächtig nach der US-Komödie Ein Ticket für zwei. Ob das chinesische Remake Lost On Journey trotzdem punkten kann?

Lost On Journey
人在囧途

Remakes finde ich meistens doof. Remakes von Filmen, die ich mag, finde ich meistens noch doofer. Ich mag z.B. die US-Komödie Ein Ticket für zwei (1987). In dieser will Steve Martin rechtzeitig zu den Feiertagen zu Hause bei seiner Familie sein, doch diverse Hindernisse sowie sein Reisegefährte John Candy erschweren die Reise. Der Film ist perfekt so wie er ist. Wozu also ein Remake? Und wozu aus China?

Moment, aus China?

Die Idee klingt gar nicht mal so schlecht. Ein Mann aus der Mittel-/Oberschicht will pünktlich heim zum Frühlingsfest und hat auf seiner Reise mit allerlei Hindernissen zu kämpfen und im besten Fall noch einen Typen aus der Unterschicht an seiner Seite. Wer schon mal in China gereist ist, weiß, dass es hier auch sehr viel Potenzial für kompliziertes Reisen gibt. Die perfekte Grundlage also. Und so kommt es, dass ich vielleicht zum ersten Mal sage: das Remake (oder der Ideenklau) hat sich gelohnt! Das Thema bietet sich direkt an, es in eine völlig andere Kultur zu verlegen.

Und so wie ich es erwartet habe, ist es dann auch: Li Chenggong (Xu Zheng) ist der gut situierte CEO einer Spielzeugfirma, der pünktlich zum Frühlingsfest heim zu Frau und Kind ins mehr als 1000 km entfernte Changsha möchte. Sein späterer Gefährte soll der in einer Milchfirma arbeitende Niu Geng (Wang Baoqiang) sein, der seit Monaten auf seinen Lohn wartet und von seinem Chef statt Festtagsbonus nur einen Schuldschein bekommt, um das Geld persönlich einzutreiben. Zu diesem Zwecke muss Niu Geng nach Changsha und soll zum ersten Mal in seinem Leben fliegen. Und so trifft sich unser ungleiches Paar also im Flieger, der wegen schlechter Wetterbedingungen bald wieder umkehren muss. Die Reise mit Pannen kann beginnen.

Obwohl sie sich so offensichtlich von der 80er-Jahre-Komödie inspirieren ließen, haben es die Chinesen endlich einmal geschafft, trotzdem etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Lost On Journey ist keine billige 1:1-Kopie, sondern wirkt wie eine kreative Neuinterpretation des Stoffs. Dabei wurde die Reise mit Hindernissen mit viel Liebe zum Detail in einen chinesischen Kontext übertragen. Der Klassenunterschied funktioniert auf seiner komischen wie leicht gesellschaftskritischen Seite und auch der Verlauf der Reise ist nachvollziehbar und typisch chinesisch. Waren es im US-Vorbild ausgebrannte Autos, verkohlte Kreditkarten und Zugpannen, sind es in China klapprige Reisebusse, eingestürzte Brücken, gefälschte Tickets, Lotteriegewinne, Betrüger oder Geflügelbauern, die je nach Bedarf die Reise behindern oder vorantreiben.

Xu Zheng im Kaschmirmäntelchen mimt den perfekten reichen Chinesen, der so auf Erfolg getrimmt ist, dass sich das sogar in seinem Namen (chenggong = Erfolg) widerspiegelt, der wenig geduldig ist und schon gar kein Verständnis für einfache, ordinäre Dorftrottel wie seinen Mitreisenden hat. Wang Baoqiang, der meistens ins anspruchsvolleren Produktionen wie Blinder Schacht oder Hello, Mr. Tree! mitspielt, gelingt es mal wieder vortrefflich, eine Figur aus dem gesellschaftlichen Bodensatz zu spielen, für die man trotz wenig Intelligenz und einem eher vorlauten, ordinären Gehabe eine gewisse Sympathie entwickelt. Seine Rolle in Lost On Journey ist prädestiniert für den Trottel, über den alle lachen. Doch ist Niu Geng so viel mehr als ein einfältiger Arbeiter. So hat der einfache Mann trotz allem das Herz am rechten Fleck und definiert sich nicht nur als der naive, vielleicht sogar ein bisschen abstoßende Bauerntölpel, für den man ihn sonst vielleicht gehalten hätte. Somit erhält hier sogar eine unterschwellige Sozialkritik Eingang in die Komödie. Obwohl Niu Geng trotzdem viele Lacher auf seiner Seite hat, kriegt auch Chenggong sein Fett weg. Wenn die beiden miteinander agieren, laufen sie zu Höchstform auf, aber auch einzeln haben die beiden ihre heiteren Momente. Gerade Chenggong wünscht man das Unglück, denn so herrlich trocken wie Xu Zheng den Humor an den Mann bringt, ist teils echt zum Schießen. Da kommt echte Schadenfreude auf, wenn der griesgrämige Businessman wieder eine Niederlage einstecken muss, oder als einziger schlecht gelaunt im klapprigen Reisebus sitzt, während alle anderen fröhliches Liedgut anstimmen. Highlight auch, als sich die beiden ungleichen Gefährten nachts ein Bett teilen müssen und Chenggong nicht schlafen kann – was auch an den anderen Hotelgästen liegt.

Fazit

Auch wenn Lost On Journey ganz unverhohlene Parallelen zu Ein Ticket für zwei zieht, so haben sich die Chinesen immerhin bemüht, aus dem Stoff etwas Eigenständiges zu machen. Und das ist ihnen auch gelungen. Es ist eben nicht einfach, plausible Gründe zu finden, warum die Reise immer und immer wieder verzögert wird, aber neben den bekannten Pannen (Flugzeug kann nicht fliegen, Einschlafen hinterm Steuer, sich ein Hotelzimmer teilen) hatten die Chinesen eigene Ideen, die eben auch perfekt zum Land passen. Ob man nun unsanft mit Bauern zusammenstößt, betrogen oder vermöbelt wird – die Komödie ist ein herrlicher Spaß. Und obwohl ich das Original mochte, muss ich zugeben: die chinesische Kopie ist auch nicht übel.

© Shaoshi, 28. Dezember 2012
8/10

Und wie gefällt Euch der Film?

人在囧途 | Ren Zai Jiong Tu
China • 2010 • 92 Min. • Komödie
Regie | Raymond Yip Wai-Man
Drehbuch | Liu Yiwei
Darsteller | Wang Baoqiang, Xu Zheng, Li Man, Zuo Xiaoqing, Zhang Xinyi, Zhang Chao, Qiu Lin, Ma Jian, Huang Xiaolei, Chen Xiao, Li Xiaolu

Cover-Quelle: movie.douban.com

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2 Gedanken zu “Filmkritik | Lost On Journey (China, 2010)

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