Filmkritik | Red Cliff (China, 2008)

Red CliffLange hat der einstige Großmeister des Hongkong’schen Actionkinos nichts Brauchbares mehr auf die Beine gestellt, was vielleicht auch mit seinem doch eher in die Hose gegangenen Ausflug nach Hollywood zusammenhängt. Nun aber ist John Woo zurück in der Heimat und hat sich für seinen neuesten Coup einen Stoff ausgesucht, auf den die Chinesen ganz besonders stehen: ein Ausschnitt aus einer historischen Geschichte, nämlich die der drei Reiche—ein Thema, das in Asien schon so manchen zum Film- und Seriendreh verleitet hat und es immer noch tut. Tatsächlich zählt Red Cliff inzwischen in China als erfolgreichster Film aller Zeiten.

Am Anfang des 2. Jahrhunderts hat Cao Cao (Zhang Feng-Yi) den Norden gewaltsam vereint und will sein Reich nun Richtung Süden ausdehen, wo Liu Bei (Yau Yung) sein Reich regiert. Dessen Militärberater Zhuge Liang (Takeshi Kaneshiro) sucht Hilfe beim Nachbarreich, in dem Sun Quan (Chang Chen), dessen Schwester Sun Shangxiang (Vicky Zhao) und Zhou Yu (Tony Leung) das Sagen haben. Man schließt sich zusammen, doch die Skepsis bleibt. Denn selbst nach dem Zusammenschluss ist man dem Feind aus dem Norden immer noch um ein Vielfaches unterlegen. Und Cao Cao rückt mit seinen Truppen unaufhaltsam näher.

Das Thema ist auf den ersten Blick etwas unglücklich gewählt, versuchte sich doch zur selben Zeit Regisseur Daniel Lee am selben Stoff. Dass man John Woo dabei ein größeres Budgetbündel schnürte, ist klar; dass er insgesamt größere Darsteller kaufen konnte, ebenfalls. Somit konnte trotz ausgeschlachteter Thematik nichts schief gehen, zumal die Geschichte in China jeder kennt und schätzt. Was dann auch zeigt, dass sich Woo hier eher an das chinesische denn an das westliche Publikum richtet. Das zeigt sich auch an der Inszenierung, die nicht lehrreich sein will, sondern einfach nur wiedergibt. Nur der Zuschauer mit Vorwissen wird sich hier gleich völlig zurechtfinden, was eine Auswertung im Westen etwas schwierig machen dürfte.

Red Cliff hält sich nicht lange mit Belanglosigkeiten auf. Man steigt gleich direkt ins Geschehen ein, bekommt im Prolog die Hintergrundgeschichte als mundgerechten Happen zusammengefasst. Darunter leiden unglücklicherweise die Charaktere. Viel mehr als Kriegsstrategien austüfteln und Kämpfen steht nicht auf dem Plan. Die Figuren bleiben blass und steif, zu eindimensional. Wer will was, wer ist wer? Da ist hohe Aufmerksamkeit beim Zuschauer gefragt, um nicht den Überblick zu verlieren—da auch noch zahlreiche Nebenfiguren, die sich meist aus Politikern, Feldherrn und Beratern zusammensetzen, das Ensemble schnell unübersichtlich werden lassen. Die Figuren bleiben isoliert und unnahbar. Ihre Zusammenarbeit ist überschattet von der Ungewissheit des Krieges, so dass hier niemals verklärte Momente brüderlicher Loyalität aufkommen können, was aber früher gerade eine wichtige Säule war, um John Woos Stil zu stützen. Bei Red Cliff konzentriert sich der Regisseur definitiv auf etwas anderes. Er möchte historische Ereignisse erzählen und tut dies leider so schnörkellos und sachlich wie ein Geschichtsbuch. Der Krieg steht im Mittelpunkt, der Verlauf der Schlacht dient als Handlungsbogen. Da bleibt nicht viel Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen, für Gefühle oder visuelle Poetik.

Auch auf dem Schlachtfeld sieht es so aus. Hunderttausende von Statisten in schweren Rüstungen kloppen aufeinander ein und das durchaus in feinster John Woo-Manier. Exzellent eingesetzte Zeitlupen und saubere Schnitte, pompöse Aufnahmen von Schiffsflotten und Reitern aus der Vogelperspektive machen für das Auge schon was her. Nur der oft nervige, pseudo-bombastische Score mit Hollywood-Anleihen passt überhaupt nicht zum Bild von der asiatischen Schlacht. Schön auch, dass bei Red Cliff fast gänzlich auf den bunten kitschigen Pomp ähnlicher Historienfilme der letzten Jahre verzichtet wurde. So ist Red Cliff überall aufs Wesentliche reduziert—und wird dabei zum reinen Männerfilm. Kriegstaktik und Schlachten mit Speeren und Schwertern als Actionballett—und dabei noch relativ unblutig—dürften jeden Fan solcher Filme zufrieden stellen.

Trotz handwerklichem Geschick und groß angelegten Kampfszenen fehlt es Red Cliff an Schwung. Recht behäbig zieht sich die Geschichte dahin und ist ja auch nur Auftakt zu Red Cliff: Part II, das nahtlos an das offene Ende des vorliegenden Teils anknüpfen wird. Die Dynamik von John Woos alten Meisterwerken sucht man hier leider vergeblich. Hier und da hält er sich zu lange mit einer Szene auf und nimmt dem Film so ein wenig den Wind aus den Segeln. Darunter leidet leider die Spannung, die bei einem Film dieses Kalibers eigentlich schon ganz weit vorn stehen sollte.

John Woo ist auf jeden Fall dabei, sich von seinem Ausflug nach Hollywood zu erholen. Bis er das geschafft hat, mögen noch einige Jahre vergehen, und auch wenn Red Cliff nicht als ein neues Meisterwerk von ihm gelten kann, ist der Film in (fast) allen Bereichen sehr solide gearbeitet. Nur die Figuren bleiben zu blass (und sind mit Tony Leung und Takeshi Kaneshiro als zu glatte, zu makellose Kriegsherren fast schon ein wenig fehlbesetzt) und können den Zuschauer nicht richtig an den Film binden. Die Folge: Das Interesse ist nie so groß wie es hätte sein können, aber immerhin noch groß genug, dass der Zuschauer auch Teil 2 sehen möchte, der Anfang 2009 herauskommen soll. Hierzulande muss man sich allerdings noch gedulden. Sollte Red Cliff in Deutschland ausgewertet werden, dann wohl—Gerüchten zufolge—als Zusammenschnitt beider Teile, was den Film wohl schlechter darstellen wird als er ist. Außerdem wird er wohl wieder nur zu den ungünstigsten Zeiten in einer Handvoll auserwählter Kinos laufen, wie es auch schon bei The Warlords ärgerlicherweise der Fall war.

© Shaoshi, 1. Februar 2009
6/10

赤壁
China • 2008 • 146 Min. • FSK 16 • Historienepos
Alternativtitel | The Battle Of Red Cliff
Regie | John Woo
Drehbuch | John Woo, Chen Han, Sheng Heyu
Darsteller | Tony Leung Chiu-Wai, Takeshi Kaneshiro, Chang Chen, Zhang Fengyi, Hu Jun, Lin Chi-Ling, Vicki Zhao Wei, You Yong, Shido Nakamura, Hou Yong, Sun Chun, Song Jia

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com
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2 Gedanken zu “Filmkritik | Red Cliff (China, 2008)

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