Filmkritik | The Viral Factor (Hongkong, 2012)

The Viral FactorSo langsam scheint Hongkong wieder seinen Platz in der Filmwelt zu finden. Wie schon verstärkt um die Jahrtausendwende tut man dies mit unverhohlen international ausgerichteten Produktionen, die sich entweder an den chinesischen Markt richten oder gleich auf die gesamte Welt abzielen. Wirkten die Versuche vor einer Dekade und früher diesbezüglich noch peinlich bemüht (man denke etwa an Hot War), können sich die Filme inzwischen wieder sehen lassen – wenn ihnen auch leider, leider dieses ganz spezielle Hongkong-Flair abgeht, für das man die Filme vor 1997 so geliebt hat. Von einem Festlandfilm sind sie inzwischen kaum noch zu unterscheiden und in manchen Fällen könnte man es glatt mit einer Hollywood-Produktion zu tun haben. Dante Lams Actionkracher The Viral Factor ist da ein gutes Beispiel. Eingangs will man kaum glauben, dass ein so sauber und offensichtlich teuer produziertes Spektakel, das mit einem Shootout im jordanischen Krisengebiet einsteigt, aus der einstigen Kronkolonie stammt.

Die fiktive International Defense Commission will bei einem internationalen Totschießeinsatz also einen Spezialisten beschützen, der Zugang zu einem ultimativ tödlichen Virenstamm hat. IDC-Officer Sean Wong (Andy On) spielt aber ein böses Spiel, kidnappt den Wissenschaftler und eliminiert sein eigenes Team. Zufällig hat Jon Man (Jay Chou) im Gegensatz zu seiner Kollegin und Bettgefährtin (Bai Bing) den Kopfschuss überlebt. Die Kugel steckt zwar in seinem Schädel, lässt ihn aber noch zwei Wochen am Leben. Was für ein Glück auch, dass Jon trotz bullet in the head gesundheitlich kaum angeschlagen ist (mehr als sporadisch auftretenden Kopfschmerzen ist nicht drin) und er uneingeschränkt tun und lassen kann, was er will. Weil er keinen Bock hat, die letzten Tage mit seiner Mutter (Elaine Kam) in einem muffigen Altersheim in Peking abzuhängen, macht Jon das, was alle Todgeweihten tun: Er reist nach Malaysia, um seinen Bruder (von dessen Existenz er bis dato noch gar nichts wusste) samt verschollenem Vater zu suchen. Da hat doch das eine mit dem anderen nichts zu tun, könnte man sich jetzt denken. Weit gefehlt: In The Viral Factor spielen Zufälle eine wichtige Rolle. So kommt Jon in Malaysia zufällig wieder auf die Spur des tödlichen Virus und der Bösewichte um Sean Wong. Zufällig hatte Jon auch mal was mit der frisch entführten Virus-Expertin Rachel (Lin Peng) und zufällig ist ihr Entführer kein Geringerer als Nicholas Tse, der Jon Mans verschollenes Brüderchen Man Yeung mimen darf. Achtung, Konfliktstoff! Jon sitzt ab sofort zwischen den Stühlen: Einerseits will er unbedingt den Bösen das Handwerk legen, andererseits will er einen Fremden schützen, zu dem er eine unplausibel tiefe Beziehung spürt, nur weil irgendjemand ins Drehbuch gekritzelt hat, dass die beiden Männer Brüder sein sollen. zum Glück hat Jon nix mehr zu verlieren – so kann er dem Bruder helfen und ein ausgelutschtes Outbreak-Szenario verhindern (nicht dass der Streit um einen tödlichen Virus weniger ausgelutscht wäre). Und das geht freilich mit prall gefüllten Schusswaffenmagazinen, Explosionen und Statistenverschleiß einher. Mit den Zufällen hat es sich damit übrigens noch nicht, denn zufällig überlebt man immer genau dann einen an sich tödlichen Sturz, findet genau dann eine in Reichweite liegende Waffe oder erhält in einem vorbeifliegenden Hubschrauber genau dann eine Mitfahrgelegenheit, wenn es dem Fortkommen der Story gerade dienlich ist.

Handlungstechnisch ist The Viral Factor also ganz weit unten angesiedelt. Nicht nur die Zufälle können übrigens nerven, sondern auch die Tatsache, dass alle Personen in irgendeiner Beziehung zueinander stehen. Ist ja toll, dass man sich bei der Personenkonstellation was gedacht hat, aber so engmaschig wie hier gestrickt wurde ist auch nicht mehr so leicht verdaulich.

Zurück zu den schönen Seiten von The Viral Factor. Da wäre zum einen die polierte Optik, die mit Kuala-Lumpur-Kulisse und generell gut eingefangenen Bildern aufwartet, zum anderen die Tatsache, dass der Actionthriller auch noch mit echten Emotionen unterfüttert ist, was dem Streifen mehr Tiefgang verleiht als er eigentlich hat. Soll heißen, die harten Männer, die ohne mit der Wimper zu zucken drauflos ballern, können im Falle von Nicholas Tse sogar so übertrieben schluchzen, dass Rotz aus der Nase tropft. Und selbst das ganze Drama rund um Jon Mans Familie weiß irgendwie zu fesseln, obwohl so was ja eher weniger in einem Actionfilm verloren hat. So doof es auch ist, dass Jon eine Verbindung zu einem Mann spürt, den er gar nicht kennt und der auch noch höchst gefährlich ist, irgendwie nimmt man es ihm ab – oder akzeptiert es zumindest stillschweigend. Immerhin schluckt man ja auch die dumme Handlung. Man regt sich im Grunde erst hinterher drüber auf. Grund: die Action stellt alles andere in den Schatten. Sie schiebt sich so brachial in den Vordergrund, dass einem manchmal fast schon der Atem wegbleibt.

Die Schießereien sind hart, zahlreich und konsequent, auch wenn es die meisten Statisten in den Straßencafés eher gelassen nehmen, dass um sie herum Kuala Lumpur gerade im Chaos untergeht. Schießereien im Kriegsgebiet, sehenswerte Explosionen, Autostunts mit viel verbeultem Blech und ein enorm hohes Erzähltempo sollten das Herz eines jeden Actionfans höher schlagen lassen. Überhaupt wird das Tempo nur ein wenig gedrosselt, wenn es mal um Jons Familienverhältnisse geht, ansonsten wird gehetzt, gewütet und geblutet. So eine pausenlose Action im Übermaß könnte dabei schon fast wieder überfordern. Dafür ist sie aber auch unglaublich unterhaltsam inszeniert, genau so wie es sich für einen anständigen Actionfilm gehört.

The Viral Factor ist ein im Grunde hohler Actionfilm, der mit linkischen Emotionen und bahnbrechender Action geschickt davon ablenkt, wie dumm die Handlung eigentlich ist. Logiklöcher, die unglaublichen Zufälle und die 08/15-Jagd um einen tödlichen Virus sind handwerklich nicht gerade die löblichsten Kniffe, doch wen interessiert das schon in einem Actionfilm? Durch das hohe Tempo hat man sowieso keine Zeit sich darüber aufzuregen und durch die Schonungslosigkeit, mit der die Figuren vorgehen, gibt es in der Tat einige spannende Stellen – obwohl natürlich trotzdem klar ist, wer wann und wo stirbt oder am Leben bleibt. Die Action ist in der Tat sehenswert und lässt zwar kein Hongkong-Flair aufkommen, aber präsentiert im modernen Gewand das, womit Hongkong einst im Westen am besten wegkam: ansehnliche, knallharte Action.

© Shaoshi, 8. Januar 2013
7/10

逆戰 | Jik Zin
Hongkong • 2012 • 117 Min. • Actionthriller
Regie | Dante Lam Chiu-Yin
Drehbuch | Dante Lam Chiu-Yin, Jack Ng Wai-Lun, Candy Leung
Darsteller | Nicholas Tse Ting-Fung, Jay Chou, Andy On Chi-Kit, Bai Bing, Lin Peng, Liu Kai-Chi, Elaine Kam Yin-Ling, Crystal Lee, Philip Keung Ho-Man, Carl Ng Ka-Lung, Sammy Hung Tin-Chiu, Deep Ng Ho-Hong

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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