Filmkritik | Red Cliff: Part II (China, 2009)

Red Cliff: Part IIDas Historienepos Red Cliff ist Altmeister John Woos neuester Streich, seinen Landsleuten mitzuteilen, dass er endlich zurück in China ist. In zwei Teilen präsentiert er uns ein rund vierstündiges Werk, das sich in Inhalt und Inszenierung weit mehr ans asiatische Publikum denn uns im Westen richtet. Da der erste Teil ein offenes Ende hatte, knüpft der zweite Teil selbstverständlich direkt an dieser Stelle an.

Wir erinnern uns: Im ersten Teil von Red Cliff wurde die Vorgeschichte zum Krieg der drei Reiche erzählt. Die Herrscher der zwei Reiche im Süden, also Liu Bei (Yau Yung) und dessen Militärberater Zhuge Liang (Takeshi Kaneshiro) im einen Reich und Sun Quan (Chang Chen), dessen Schwester Sun Shangxiang (Vicky Zhao) und Zhou Yu (Tony Leung) im anderen Reich haben sich zusammengeschlossen, um gegen den schier unbesiegbaren starken Mann aus dem Norden, Cao Cao (Zhang Feng-Yi), zu kämpfen. Während man sich noch überlegt hat, wie man das zahlenmäßig weit überlegene Heer von Cao Cao schlagen könnte, rückte der Feind immer näher.

Und genau hier geht es in Red Cliff: Part II weiter. Der Feind ist endlich da. Mit einer riesigen Flotte, unzähligen Soldaten und Waffen, einem siegessicheren Herrn und strategischem Geschick steht der Feind übermächtig vor den Toren und wartet auf den richtigen Moment für den Angriff. Dabei ist Cao Caos Heer weitaus geschwächter als man annehmen könnte. Denn eine Typhuswelle hat die Soldaten heimgesucht, die reiheweise daran zugrunde gehen. Kurzerhand schickt man die Leichen Zhou Yu und den anderen ins Lager, um dort mit der Seuche für Verzweiflung zu sorgen. Tatsächlich packt der Allierte Liu Bei auch sofort seine Siebensachen, sammelt seine Soldaten ein und überlässt die anderen ihrem Schicksal. So nicht nur zahlenmäßig noch mehr geschwächt, sieht sich Zhou Yu aber noch lange nicht dem Untergang geweiht. Denn Liu Beis Berater Zhuge Liang steht immer noch an seiner Seite, weiß nicht nur listig dem Feind ganze Schiffsladungen voller Pfeile abzuluchsen, sondern weiß als philosophischer Wettervorherseher auch noch die besten Kriegsstrategien auszutüfteln, die Zhou Yus Mannen den Sieg sichern sollen. Es kommt zur finalen Schlacht.

Und auf die hat ein jeder gewartet. Viele mochten am ersten Teil bemängelt haben, dass es nie richtig gekracht hat und haben die Fortsetzung umso sehnlicher herbeigewünscht. Und werden nun vermutlich enttäuscht. Denn die Schlacht fällt weitaus weniger bombastisch aus als man von John Woo angenommen hätte. Freilich sorgt man mit selbstgebastelten Bomben und Feuerpfeilen für ein flammendes Inferno und drückt dem Film den John Woo-Stempel auf (auch seine Tauben dürfen in Form von Botschaftsüberbringern nicht fehlen), aber zu mehr reicht es nicht. Die Schlacht konzentriert sich auf eine Schiffsflotte und vor allem auf den Sturm von Cao Caos Festung, die im Halbdunkel chaotisch und brutal anmutet, allerdings viel zu plattgewalzt wird, so dass dem Zuschauer doch bald das Interesse schwindet. Tatsächlich wirken die Pfeil-und-Bogen-schwingenden Männer in schweren Rüstungen visuell weitaus weniger ansprechend als die agileren Reiter im ersten Teil. Hinzu kommt, dass die Szenen auf den Schiffen und bei der eigentlichen Schlacht zu sehr nach Kulisse, zu künstlich aussehen und auch die CGI-Effekte sind nicht immer einwandfrei. Das mindert den Spaß bei einem Film diesen Kalibers weiter.

Auch die Charakterdarstellung stagniert weiterhin. Tatsächlich sind die Figuren hier fast noch blasser als im ersten Teil. Der kantige Yau Yung verschwindet als Liu Bei sowieso für lange Zeit aus dem Film, Chang Chen als Sun Quan ist quasi überflüssig. Takeshi Kaneshiro bleibt weiterhin der unnahbare Zhuge Liang, der schön unergründlich guckt, aber für die Rolle einfach zu jung wirkt. Tony Leung ist zu austauschbar und Cao Cao als der Oberbösewicht ist zu einseitig und flach porträtiert. Dass die Figuren um den „guten“ Zhou Yu viel menschlicher handeln als Cao Cao ist verklärtes Wunschdenken von John Woo, denn schließlich spielen sie alle Krieg und bringen reihenweise Leute um. Diese vermessene Sichtweise wird gegen Ende zusätzlich getrübt, als Zhou Yus Frau (nach einer zugegeben starken Szene rund um eine Teezeremonie) gegen einen Soldaten in voller Montur erfolgreich kämpft, dann aber, der Dramatik wegen, doch noch gerettet werden muss. Hat sich John Woo bis hier vielleicht einigermaßen an die historischen Tatsachen gehalten und hat ein Epos geschaffen, das durchaus auf dem Boden geblieben ist, bleibt die Realität am Ende doch auf der Strecke. Den plötzlich so weiten und hohen Sprüngen der Protagonisten sieht man das Wirework an, was überhaupt nicht ins sonstige Bild passen mag. Die hingeklatschte Dramatik wirkt billig, was auch auf Vicki Zhaos Auftritte als kampfversessene Prinzessin gilt. Als Soldat verkleidet hat die sich nämlich ins feindliche Lager eingeschlichen, um die dortigen Verhältnisse auszuspionieren und freundet sich dort auch noch mit einem etwas dümmlichen Soldaten an, ohne dass der ahnt, dass sie eigentlich eine Frau ist. Logisch, dass sich die beiden später auf dem Schlachtfeld in einer dramatischen Szene wiedertreffen werden. Das hat etwas von überladen dramatischem Serienkonstrukt und will einfach nicht so recht passen.

Wer den Krieg letztendlich gewinnt, ist für jeden Zuschauer klar, auch wenn er die historische Geschichte eigentlich nicht kennt. Der Weg dorthin ist in Red Cliff: Part II aber durchaus beschwerlich—nicht nur für die Protagonisten. Von John Woo hätte man einfach mehr erwartet. Zwar ist Red Cliff: Part II freilich ein solider Kriegsfilm aus längst vergangenen Zeiten, aber für einen John Woo reicht das nicht. Wo seine Filme sonst mit Action und den tiefen Beziehungen zwischen Männern punkten konnten und er es schaffte Gewalt fast schon zu romantisieren, hört Red Cliff hingegen mit dem abgedroschensten und plattesten Symbol aller Happy Ends auf: Einem Regenbogen!

Zuschauer, die ihr Herz nicht ganz an die Materie des Streifens hängen können, werden bei Red Cliff nie ganz auf ihre Kosten kommen können. Die blassen Charaktere, die zu schnörkellose Handlung und viel zu lange Schlachtszenen lassen den Film nicht gerade im höchsten Glanz erstrahlen, bleibt der Film trotz handwerklichem Geschick auch im zweiten Teil (und da sogar in den Kampfszenen) viel zu behäbig. Zwar mögen wir die Messlatte für den neuesten John Woo-Film zu hoch gehängt haben, weshalb das Ergebnis etwas mäßiger ausfällt als es vielleicht ist, doch offenbart sich der Eindruck, als hätte der renommierte Regisseur seinen Stil nicht unbedingt zum Guten weiterentwickelt.

© Shaoshi, 2. März 2009
5/10

赤壁 – 決戰天下
China • 2009 • 141 Min. • FSK 16 • Historienepos
Regie | John Woo
Drehbuch | John Woo, Chen Han, Sheng Heyu
Darsteller | Tony Leung Chiu-Wai, Takeshi Kaneshiro, Chang Chen, Zhang Fengyi, Hu Jun, Lin Chi-Ling, Vicki Zhao Wei, You Yong, Shido Nakamura, Hou Yong, Sun Chun, Song Jia

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com
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