Filmkritik | Chongqing Blues (China, 2010)

Chongqing BluesLediglich Zhang Yibais Thriller Curiosity Kills The Cat hat es bis jetzt geschafft, Chongqing, die größte Stadt der Welt, in etwas poetischeren Bildern festzuhalten. Scheinbar alle anderen Filmemacher, die in Chongqing drehen, nutzen die smogverhangene, graue Industriestadt in Zentralchina als triste Kulisse für ihre Dramen. Und das völlig zu Recht. Auch Regisseur Wang Xiaoshuai (Fahrraddiebe in Peking) nutzt in Chongqing Blues die Hässlichkeit der Metropole zu seinen Gunsten. Ich bin sogar der Meinung, dass der Film nur halb so gut funktioniert hätte, wäre er im schillernden Peking oder Shanghai entstanden.

So kommt es also, dass Seemann Lin Quanhai (Wang Xueqi), inzwischen zum zweiten Mal verheiratet und Vater eines sechsjährigen Sohnes, nach vierzehn Jahren nach Chongqing zurückkehrt, um seinen ersten Sohn Lin Bo (Zi Yi) zu besuchen – nur um feststellen zu müssen, dass er zu spät ist. Denn Lin Bo ist bei einem Geiseldrama in einem Hypermarkt ums Leben gekommen. Diese Nachricht trifft den alten Lin so unvermittelt, dass er es nicht wahrhaben kann und Nachforschungen anstellt. Warum nur musste Lin Bo sterben? Und wem kann man für die Katastrophe die Schuld geben?

Obwohl schnell klar wird, wie und warum Lin Bo sterben musste, lässt Lin Quanhai nicht locker und dringt so immer tiefer in das ihm fremde Leben seines Sohnes. Die bruchstückhaften Erzählungen, die er von Lin Bos Ex-Freundin (zu banal: Li Feier), seinem einzigen Freund (überzeugend: Eric Qin) oder einer Ärztin (gedämpft: Fan Bingbing) erfährt, zeichnen zwar keine spannende Handlung, geben dafür aber einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt des toten Sohnes, der nur in Rückblenden lebendig werden darf. Wir wissen also bald, wie und warum es zu dem Unglück kommen konnte und auch, wer daran Mitschuld trägt. Wichtiger noch: Wir erfahren, wie Lin Quanhai mit den Nachrichten umgeht und mit dem Wissen, seinen Sohn so lange im Stich gelassen zu haben. Wang Xueqi spielt den alternen Mann so souverän, dass wir keine Sekunde an seiner Leistung zweifeln. Sein Innenleben spiegelt sich so gekonnt in seinem faltigen Gesicht und seinen Gesten wider, dass es nicht viele Worte braucht, um Emotionen zu verdeutlichen. Zwar spielt sich die eigentliche Geschichte eher in den Rückblenden um Lin Bo ab, aber Altstar Wang Xueqi stiehlt den jungen, durchaus engagierten Schauspielern definitiv die Show.

Es ist schön zu wissen, dass in China immer noch Filme gedreht werden, mit denen man sich nicht beim Massenpublikum anbiedern will, sondern sein eigenes Ding durchzieht. Und Wang Xiaoshuai zieht sein eigenes Ding durch. In mehr als gemächlichem Tempo und simplen, aber wirkungsvollen Szenen erzählt er seine an sich handlungsarme Geschichte. Obwohl der Film mit Handkamera gedreht worden ist, genügt der Film cineastischen Ansprüchen. Die Chongqing-Kulissen zeigen eindrucksvoll die Tristesse und Armut, die diese Stadt ausströmt, gleichzeitig aber auch die Lebendigkeit auf den Straßen und ein realistisches Leben einfacher Leute. So angenehm ruhig und atmosphärisch der Film auch ist, hätte ihm eine Kürzung doch gutgetan. Es ist zum Beispiel fraglich, ob man wirklich komplett dabei zusehen muss, wie ein langsamer Tintenstrahldrucker ein pixeliges DIN A4-Farbfoto ausdruckt. Wartet man aber ab und erkennt schließlich das Motiv, das sich Lin Quanhai als einzige Verbindung zu seinem Sohn in seinem Hotelzimmer aufhängt, bekommt die Szene schon wieder viel mehr Gewicht. Es sind vor allem auch diese kommentarlosen Kleinigkeiten, mit denen Wang Xiaoshuai bei seinen Zuschauern Mitgefühl entstehen lässt. Der Regisseur, Autor und Produzent von Chongqing Blues weiß, was er tut. Und so verwundert es denn nicht, dass sich am Ende der Kreis schließt. Lin Quanhai bekommt eine zweite Chance. Ein Lichtblick in all der Tristesse.

Für das Massenpublikum ist Chongqing Blues definitiv nichts. Dafür ist das Drama viel zu behäbig und leise in seiner Machart. Wer Filme aus dieser Nische liebt, hat in Chongqing Blues vielleicht nicht gerade seinen neuen Lieblingsfilm gefunden, wohl aber ein sehr solide bearbeitetes Stück Celluloid, das zwar ein paar Meter zu lang geraten ist, aber durchaus berührt und auch zu fesseln vermag. Man muss sich nur darauf einlassen können und auch einsehen, dass das Drama trotz Festland-Star Fan Bingbing in einer Nebenrolle kein kommerzieller Film ist. Wang Xueqi (Bodyguards And Assassins, Wuji) ist zwar auch kein unbeschriebenes Blatt, aber er besitzt eben nicht die Starqualitäten, mit denen man scharenweise Interessenten ins Kino locken kann. Dafür glänzt er mit gedämpftem, aber ausdrucksvollem Spiel, das Chongqing Blues zusammen mit den superb gewählten Kulissen zu einem bodenständigen, fesselnden Vater-Sohn-Drama macht.

© Shaoshi, 9. Januar 2013
7/10

日照重庆 | Rizhao Chongqing
China • 2010 • 110 Min. • Drama
Regie | Wang Xiaoshuai
Drehbuch | Yang Yishu, Wang Xiaoshuai
Darsteller | Wang Xueqi, Zi Yi, Eric Qin Hao, Fan Bingbing, Li Feier, Wang Kuirong, Ding Jiali, Li Lingyu, Zhang Jiayi, Wang Lan, He Yumeng, Li Qing, Zhang Yong, Wang Yiting, Zhang Linna, Hao Xiaoyu, He Ying, Ma Liang, Hua Fengying, Zhai Fangliang, Chou Jun, Xiao Xiao, Li Long, Wang Lu

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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