Filmkritik | Speed Angels (China, 2011)

Speed AngelsMit ihrer kontroversen Rolle in Gefahr und Begierde (2007) stand Tang Wei noch am Anfang ihrer Filmkarriere. Allerdings hat sie sich in China mit den überraschend offenen Sexszenen keinen Gefallen getan. Dort wurden ihr nämlich für die Zukunft nur noch schlechte Rollen prognostiziert. Ob ihre Hauptrolle in dem belanglosen Rennsportfilm Speed Angels eine Auswirkung dieser Strafe ist? Wie sonst lässt sich erklären, dass Tang Wei jüngst eine Rolle angenommen hat, die dermaßen weit unter ihrem Niveau liegt?

Trotz allem fügt sich Tang Wei überraschend gut in die Rolle einer Taxifahrerin mit Vergangenheitbewältigungsproblemen, die ihren heißgeliebten Beruf bei der nächsten Gelegenheit an den Nagel hängt: Eines Tages verlangt nämlich Rennsport-Trainer Gaofeng (Han Jae-Seok) von Xiaoyi, ein paar Gaunern nachzustellen, die eben mit seiner Kohle abgehauen sind. Die Verfolgungsjagd durch Shanghais Straßenverkehr meistert sie so gut, dass Gaofeng sie unbedingt in sein »Speed Angels«-Team holen will. Nebenbei glänzt Xiaoyi übrigens auch mit öde choreographierten Kung-Fu-Skills, aber das ist so nebensächlich, dass dieses Talent nie wieder erwähnt wird. Der alkoholsüchtigen Profi-Rennfahrerin Bing (Rene Liu, die für ihre Rolle viel zu elegant wirkt) gefällt es nur so mittel, dass ihr Trainer eine Amateurin ins Team holt, nur weil diese genauso rücksichtslos fährt wie die restlichen Taxifahrer in Shanghai. Allerdings braucht Bing dringend Geld, um die Arztrechnungen ihrer Schwester zu bezahlen, und da käme das Preisgeld für das nächste große Asia Heroine Race genau recht. Wohl oder übel müssen sich Xiaoyi und Bing zu einem Team zusammenraufen. Einfacher wird es dadurch nicht, denn es gibt noch andere Probleme wie Sabotage, Unglück in der Liebe und Verrat, die den Sieg in weite Ferne rücken lassen.

Überraschungen birgt der Film keine. Es ist noch nicht einmal erstaunlich, dass der Film so schlecht ist. Über das gängige Mittelmaß kommt er nämlich zu keiner Zeit hinaus. Grund: Der hochkommerzielle Regisseur Jingle Ma hat es darauf angelegt, den Film mit den üblichen, erfolgsversprechenden Versatzstücken zusammenzupuzzlen, anstatt mal ein bisschen frischen Wind ins Genre zu bringen. Dadurch wird die Handlung enorm durchsichtig, so dass man praktisch jede Szene voraussagen kann. Auch die Konflikte sind bekannter Art, hätten aber immerhin Potenzial gehabt. Das wird nur leider total verschenkt, da man nichts daraus macht. Bings Alkoholsucht ist wirklich nichts weiter als eine Randnotiz. Der Unfall ihrer Schwester, unter dem sie so leidet, fungiert lediglich als Aufhänger, damit Bing gezwungen wird, unbedingt am Rennen teilzunehmen. In einem weiteren Konflikt rund um Bing tritt Cecilia Cheung auf. Dass die bei so einem Schund mitspielt, sind wir ja seit ihrem kürzlichen Comeback schon gewohnt, auch wenn Cheung hier im Grunde nicht spielt, sondern nur dauerlächelnd ihre Zeilen herunterleiert. Dabei hätte auch ihre Rolle als Ex-Teamkollegin Mei durchaus Potenzial gehabt, hat sie doch Bing ihren Verlobten Asano (Kazuki Kitamura) ausgespannt, der inzwischen zufällig Trainer eines gegnerischen Teams ist. Xiaoyi hat auch noch so ihre Probleme: sie leidet nämlich unter Leistungsdruck, sobald sie im Cockpit sitzt, trägt blöden Kopfschmuck und ist außerdem in ihren Trainer verliebt, weil sie mal mit ihm essen war. Dumm nur, dass Trainer Gaofeng sich geschworen hat, sich nie wieder in Rennfahrerinnen zu verlieben, seit er mal was mit der Japanerin Sanoka (Chie Tanaka) hatte. K-Drama-Star Han Jae-Seok merkt man seine Serienvergangenheit übrigens an, so dass Speed Angels durch seine bloße Anwesenheit einen Touch von Seifenoper bekommt, selbst wenn man noch nie eine Serie mit ihm gesehen hat. Cheng Pei-Pei, einstmals großer Star am Easternhimmel, darf inzwischen nur noch in (groß)mütterlichen Nebenrollen auftreten, wie es scheint, und muss dies in Speed Angels auch noch in entwürdigend bunten Outfits tun. Farben sind im Film sowieso sehr wichtig: Da man ein Mädchenfilm ist, dominieren Lila und Türkis, und zwar auf unglaublich penetrante Weise.

Uninteressant ist auch die Kernstory, die Geschichte um Autorennen und Erfolg bei diesen, steht sie sowieso nur an zweiter Stelle. Die Trainingssequenzen beschränken sich doch tatsächlich darauf, einen Invaliden im Rollstuhl zu mimen und ein kitschiges Rennfahrertagebuch von Gaofeng zu lesen. Ob sich am Ende trotz Verräter in den eigenen Reihen der Erfolg einstellen kann? Ich denke, wir alle wissen die Antwort, auch wenn wir den Film nicht gesehen haben. Und noch einen Kritikpunkt gibt es: Dass Jingle Ma gerade im Actionbereich kein sonderlich glückliches Händchen für unterhaltsame Dramaturgie hat, wissen wir spätestens seit Tokyo Raiders und seinem Seoul-Sequel, die zwar für sich unterhaltsam waren, aber um einiges besser gewesen wären, hätte man das Erzähltempo etwas angezogen. Jingle Ma hat scheinbar nichts aus seinen Fehlern gelernt und macht auch Speed Angels zu einem teilweise zähen Filmvergnügen. Die Rennsequenzen sind am Computer entstanden und dementsprechend doof. Spannung gibt’s keine, da dank des uninspirierten Drehbuchs die Ergebnisse sowieso klar sind. Aber auch die anfängliche Verfolgungsjagd im Straßenverkehr ist wenig berauschend. Auf emotionaler Ebene ist es auch nicht besser. Obwohl reichlich Konfliktstoff vorhanden ist und den Figuren schon mal die Augen feucht werden dürfen, lässt das den Zuschauer ziemlich kalt. Dafür ist der Film einfach viel zu oberflächlich gehalten und jede einzelne Szene wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen. Als hätte das Drehbuch ein Anfänger geschrieben, der sich penibel an einen Schreibratgeber hält. Dumm nur, dass das Drehbuch ebenfalls Jingle Ma geschrieben hat. Somit ist der Schuldige eindeutig klar: Jingle Ma.

Wer Idol-Dramas liebt, könnte eventuell dem Film auch etwas abgewinnen, unterscheidet sich der Stil (und Inhalt) doch kaum. Ernsthaftere Zuschauer könnten sich allerdings veräppelt fühlen. Obwohl der Film sich eines eher seltenen Sujets bedient (Frauen im Rennsport), schafft er es nicht, auf irgendeine Weise zu begeistern. Das Potenzial der meisten Darsteller ist total verschenkt, das durchsichtige Drehbuch, mittelmäßige CGI-Autorennen und die mangelnde Spannung machen Speed Angels zu einem zweifelhaften Filmvergnügen. Der hochkommerzielle Film wirkt durch seine vielen Nebenhandlungen vollgestopft und ebenso leer. Hätte man ein paar Konflikte weggelassen und die anderen besser ausgebaut, hätte man eine um Vielfacheres interessantere Story herausholen können. Jingle Ma hat sich aber lieber auf Altbewährtes verlassen und damit einen in seinen besten Momenten allerhöchstens mittelmäßigen Film zustandegebracht – wie von ihm nicht anders zu erwarten war.

© Shaoshi, 12. Januar 2013
2/10

极速天使 | Ji Su Tian Shi
China • 2011 • 117 Min. • Sportfilm
Regie | Jingle Ma Chor-Sing
Drehbuch | Jingle Ma Chor-Sing
Darsteller | Tang Wei, Rene Liu, Han Jae-Seok, Jimmy Lin, Cecilia Cheung, Cheng Yi, Chie Tanaka, Cheng Pei-Pei, Kazuki Kitamura, Jiang Wu

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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3 Gedanken zu “Filmkritik | Speed Angels (China, 2011)

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