Filmkritik | The Locked Door (China, 2012)

Nachdem ich gerade auf einem 30er-Jahre-China-Trip bin (ein kleines Projekt wird folgen!), kam mir The Locked Door gerade recht.

The Locked DoorDas 2010 gedrehte und erst 2012 fertig gestellte Drama spielt in Taicang. Heute als Niederlassung diverser deutscher Firmen bekannt, war Taicang in den 30er Jahren eine kleine Stadt in der Nähe von Shanghai, deren Bewohner offensichtlich vom Klatsch und Tratsch lebten. Diesem fällt auch die weibliche Hauptfigur Yan Wen (Eva Huang) zum Opfer. Ersonnen hat sich das Ganze Hollywood-Drehbuchautor J. Nathaniel Berke, ein Amerikaner, der mal eine Zeit lang in Shanghai gewohnt hat und offensichtlich von der Magie des alten Chinas nicht loskam.

Yan Wen (Eva Huang) ist eine junge Frau aus gutem Elternhaus, die ihren Ehemann Jin Ren (Yang Zi) freudig erwartet. Der war für längere Zeit in Amerika, bringt auch einen Batzen Geld und für die Schwiegermutter die neuesten Accessoires aus Hollywood mit, trifft sich aber gleich am ersten Abend lieber mit Kumpel Wei Wei (Hu Ming) zum Geldverspielen. Am nächsten Tag macht das Gerücht die Runde, Yan Wen sei von dem Obdachlosen Gouzi (Calvin Sun) vergewaltigt worden. Jedenfalls will es die alte Li so gesehen haben. Schnell ist die Kleinstadt in Aufruhr und als Yan Wen schwanger ist (allerdings nicht von Gouzi, wie eine handzahme Rückblende zeigt), flüchtet sich Jin Ren lieber in die Arme einer anderen Frau. Während Gouzi zu einer Haftstrafe verurteilt wird, können Yan Wen und ihr Sohn Yunlou (Sun Tianyu) kein ruhiges Leben mehr führen. Sie gehen nur nachts nach draußen, um den Spott der anderen nicht ertragen zu müssen. Als Gouzi aus dem Gefängnis freikommt, lässt er sich einen Hinterwäldlerhaarschnitt verpassen, das Saufen sein und erscheint an der Schwelle zu Yan Wens Familienhaus. Ihre Eltern schicken Yan Wen mit dem vermeintlich Obdachlosen fort in dessen abgelegenes Haus, wo sie von nun an mit ihrem Sohn leben soll. In diesem Anwesen entdeckt Yan Wen eine abgeschlossene Tür, hinter der Gouzi ein Geheimnis verbirgt.

Ohne Zweifel ist The Locked Door schön gefilmt. Die Kulissen der malerischen Kleinstadt sind so schön wie authentisch (in Wuzhen gefilmt?). Auch die Kostüme und Requisiten überzeugen, schmücken sich die Frauen hier doch im Gegensatz zu vielen ähnlich aufgezogenen TV-Serien nicht mit billigem Plastik. Das Setting ist glaubwürdig gewählt, wenn durch die gestochen scharfen Bilder und leider auch dem ein oder anderen Detail (etwa die Straße, in der Yan Wen Kleidung kaufen geht, oder die dicken Spinnweben in Gouzis verlassenem Haus) Künstlichkeit versprüht wird. Auch die Landschaftsaufnahmen, durch die Gouzi, Yan Wen und Yunlou zu ihrem Haus reisen, sind atemberaubend. Allein von der visuellen Seite ist also alles in Ordnung.

Die Story fällt da schon flacher aus. Die Thematik ist zwar durchaus interessant, aber nicht gerade originell. Natürlich wurde Yan Wen nicht vergewaltigt, sie hatte ja noch nicht einmal eine Affäre mit einem anderen Mann! Dafür bekommt sie alles ab. In ihrer Heimat verachtet, von ihrem Mann sitzengelassen, von der eigenen Familie ins Exil geschickt – da kommt ganz schön was zusammen. Für ein Drama ist das durchaus akzeptabel, nur warum agiert Eva Huang angesichts des Schicksals ihrer Figur trotzdem fast den gesamten Film hindurch wie ein emotionaler Holzklotz? Noch nicht einmal ihre Tränen nehme ich ihr als authentische Emotionen ab. Die anderen stellen sich leider nicht besser an. Mal abgesehen von Gouzi sind Yan Wens Eltern, Jin Ren und die anderen Kleinstädter sowieso nur nebensächliche Randfiguren. Sun Tianyu als kleiner Yunlou legt eine durchaus akzeptable Performance hin, er ist ja immerhin ein Kind. Aber Calvin Sun überzeugt weder als besoffener Vagabund, noch als später geläutertes, devotes Nervenbündel, das Yan Wen nicht zu nahe kommen darf. Seinen Frust lässt er deshalb in dem ausgetrockneten Brunnen in seinem Haus aus, aber da er mit Yan Wen kaum kommunizieren darf, wirkt das alles merkwürdig, mehr zurückgeblieben denn leidend. Gouzi hat da ja schließlich ein Geheimnis hinter einer Tür versperrt, ein Geheimnis, das seine Vergangenheit beleuchtet.

Gerade die titelgebende Tür hatte ich mir als spannendes Element vorgestellt. Leider verkommt sie im Film zur Nebensache, stößt Yan Wen doch erst in der letzten halben Stunde auf die Tür und das auch nur zufällig, weil ihr ein Schlüssel in die Hände fällt. Ernsthaft? Sie lebt einsam in einem großen Haus, hat außer Kochen und Wäschewaschen nichts zu tun (wobei fraglich ist, woher die Dreckwäsche stammt, da die Figuren ständig dieselbe Kleidung tragen) und schafft es nicht einmal ihr Anwesen zu erkunden? Und auch, was Yan Wen schließlich hinter dieser Tür findet, wird mit ein paar kurzen Szenen abgetan. Dadurch kommt aber auch die Dramatik in Gouzis Vergangenheit nicht richtig rüber und demzufolge wirkt es auch komisch, dass Yan Wen durch den Fund langsam ihre Einstellung zu Gouzi ändert.

The Locked Door hätte ein guter Film sein können. Da aber neben den Emotionen auch noch so etwas wie Spannung fehlt und der Streifen noch nicht einmal einen nennenswerten Höhepunkt aufweisen kann, wirken die gerade mal knapp 80 Minuten erstaunlich zäh. Die Wahl der übermäßig gebrauchten fade-out-Überblenden machen das Ganze noch langatmiger. Als hätte man nicht gewusst, wie man die teils willkürlich aneinandergereihten Szenen sinnvoll miteinander hätte verbinden können.

Um es kurz zu machen: The Locked Door hätte von der Idee her durchaus Potenzial gehabt. Hätte man die Tür mehr ins Zentrum gerückt, hätte man vielleicht ein bisschen Spannung aufbauen können. Ebenso hätte das, was sich hinter besagter Tür verbirgt, mehr Gewicht bekommen müssen, um wirklich mitzureißen. Die sterile Regie verschenkt weiteres Potenzial, räumt sie doch den Figuren kinerlei Emotionen und der Handlung weder Spannungsmomente noch irgendeinen Höhepunkt ein. Die Geschichte plätschert dahin, zieht sich unsäglich und berührt dabei kaum. Wenigstens die Bilder sind wirklich schön anzusehen und das entschädigt dann doch wieder. Wenigstens ein winzigkleines Bisschen.

© Shaoshi, 24. Januar 2013
5/10

女人如花 | Nü Ren Ru Hua
China • 2012 • 82 Min. • Drama
Regie | Zhao Zhiping, He Wenliang
Drehbuch | J. Nathaniel Berke
Darsteller | Eva Huang Shengyi, Calvin Sun Zuyang, Sun Tianyu, Yang Zi, Hu Ming, Wang Kuirong, Yong Junyuan, Xu Songzi, Yin Youchen, Li Man, Wang Weixiang, Liu Hengnong

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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