Filmkritik | All About Women (Hongkong, 2008)

All About WomenTsui Hark ist im Westen vielleicht eher für seine Action-Blockbuster bekannt. Jedoch fand er immer wieder seinen Weg ins Comedy-Genre, wo er in den 80ern mit Shanghai Blues und Peking Opera Blues Klassiker schuf, an die er im neuen Jahrtausend offensichtlich anküpfen wollte. Unterstützung holte er sich dabei von Koreaner Kwak Jae-Yong, der schon für die Erfolgskomödie My Sassy Girl verantwortlich war. Zusammen konzipierten sie All About Women angeblich als moderne Variante von Peking Opera Blues, lassen den Streifen allerdings so aus dem Ruder laufen, dass man sich beim Gucken öfters mal fragt, was genau man sich da eigentlich gerade anschaut. Dabei hat Tsui Hark doch schon immer am liebsten auf überzogenen, kuriosen Humor gesetzt. Trotzdem erschlägt er uns in All About Women schon fast mit seinen grotesken Ideen und – schlimmer noch – mindestens einer halben Stunde Überlänge.

Die tolpatschige Ou Fanfan (Zhou Xun) leidet unter Berührungsängsten, was ihr Liebesleben praktisch nicht existent macht. Deshalb panscht sie in dem Labor, in dem sie arbeitet, heimlich mit Pheromonen, um einen Lockstoff zu entwickeln, der sie für die Männerwelt unwiderstehlich machen soll. Nach anfänglichen Rückschlägen setzt die Wirkung endlich bei Indie-Rocker Sima Xiaogang (Stephen Fung) ein, der wegen Fanfan sein Konzert verpasst. Aus diesem Grund ist Band-Kollegin Tie Ling (Guey Lun-Mei) entsprechend sauer, aber dass Xiaogang sie hängen lässt, ist nicht ihr einziges Problem. Seit ihrer Kindheit hat sie einen eingebildeten Freund – den japanischen Popstar X (Godfrey Kao) nämlich. Mit dem unterhält sie sich auch in der Öffentlichkeit, was die Rockgöre entsprechend skurril dastehen lässt. Anzugträger Mo Qiyan (Eddie Peng) mag sie trotzdem und versucht das Mädel für sich zu gewinnen. Seine Chefin Tang Lu (Kitty Zhang) hat da andere Sorgen. Sie ist schön, geldig, schön, einflussreich und schön – so schön gar, dass sich bei ihrer Anwesenheit das Büro zumindest für die Männer mit CGI-roten Wangen in eine extreme Gefahrenzone verwandelt. Dem Umweltschützer Wu Mong-Gu (Alex Fong) will Tang Lu beweisen, dass sie ihres Talents und nicht der Schönheit wegen so erfolgreich ist. Deshalb soll sich ihre Sekretärin Tian Yuan (Shen Chang) als Tang Lu ausgeben. Dumm nur, dass der Plan schief läuft und Wu Mong-Gu lieber Tian Yuan heiraten möchte.

Was diese einzelnen Handlungsstränge nun miteinander zu tun haben? Lange Zeit überhaupt nichts. Erst in der Mitte des Films treffen die drei zentralen Figuren – Ou Fanfan, Tie Ling und Tang Lu – aufeinander, allerdings eher, um beweisen zu können, dass alle Handlungsstränge ihre Daseinsberechtigung haben. Weil sich die Wege der Frauen kreuzen und ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Pheromone nur so um die Ohren fliegen, kommt auch mächtig Trubel in die Story. Nur erschlägt uns Tsui Hark mit seinem überladenen Chaos an herrlich skurillen bis albernen Gags, Slapstick, Handlungsarmut und Personenvielzahl, dass die Komödie ab einem gewissen Punkt tatsächlich schwer verdaulich gerät. Trotz des Chaos bleiben die einzelnen Szenen merkwürdig belanglos, so dass man spätestens ab der Mitte immer mal wieder nach der Uhr schielt. Atmet man schließlich erleichtert auf, weil man glaubt, mit dem Rockkonzert im Industriegebiet das Finale erreicht zu haben (immerhin lösen sich hier alle Handlungsstränge auf), drückt uns Tsui Hark noch mal zwanzig Minuten unnötige Filmsequenzen rein und führt das sogar noch fort, wenn die Credits rollen. Sorry Herr Tsui, aber knapp zwei Stunden lang ist das Spektakel, so unterhaltsam es manchmal auch geraten sein mag, nur schwer zu ertragen. Könnte auch daran liegen, dass die Nonsense-Komödie einfach so oberflächlich und künstlich wirkt, dass die Figuren viel zu blass bleiben und einem auch nicht richtig sympathisch werden. Ob die Frauen die Männer ihrer Wahl abbekommen oder nicht ist mir auch relativ egal – und die Antwort auf diese Frage ist doch das einzige Element im Film, das sowas wie eine Spannung hätte erzeugen können.

Zumindest in der ersten Hälfte von All About Women funktioniert die Unterhaltung aber blendend. Das heißt, wenn man sich auf Tsui Harks grotesken Humor einlassen kann, der sich in einigen wirklich seltsamen Szenen äußert. Zum Brüllen komisch ist das nun vielleicht nicht gerade, sorgt aber für einige willkommene WTF?!-Momente. Zhou Xun wirkt selbst beim Tanzen wie eine wandelnde Schaufensterpuppe, die punkige Guey Lun-Mei lässt die Fäuste fliegen und Kitty Zhang liegen die Männer nur so zu Füßen. Auf Seiten der wichtigeren Männer (Eddie Peng, Alex Fong) geht es aber gedämpfter zur Sache. Weniger Klamauk, weniger schrill, sie sind quasi so etwas wie der ruhende Pol in all dem Chaos – zum Glück.

Tsui Harks All About Women bleibt eine zwiespältige Sache. Witziger Humor und originelle Einfälle sorgen für Unterhaltung, nur wirkt das zweistündige Chaos etwas zu übertrieben und ermüdet auf Dauer ein bisschen. Zwar ist die Komödie nicht so schlecht wie auf vielen Seiten behauptet wird, aber so gut wie man sie sich erhofft hat, ist sie eventuell auch nicht. Ich könnte All About Women zwar ohne Weiteres noch einmal sehen, aber mein Lieblingsfilm wird das nicht. Dafür ist das Sehvergnügen insgesamt zu durchwachsen.

© Shaoshi, 17. Januar 2013
6/10

女人不壞 | Neui Yan Fau Pui
China | Hongkong • 2008 • 115 Min. • Komödie
Regie | Tsui Hark
Drehbuch | Tsui Hark, Kwak Jae-Yong
Darsteller | Zhou Xun, Guey Lun-Mei, Kitty Zhang Yuqi, Stephen Fung Tak-Lun, Eddie Peng Yu-Yan, Alex Fong Chung-Sun, Godfrey Kao, Shen Chang, Jacob Cheung Chi-Leung, Henry Fong Ping

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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2 Gedanken zu “Filmkritik | All About Women (Hongkong, 2008)

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