Filmkritik | Gamera The Invincible (Japan/USA, 1965/1966)

GameraVon Anfang an dominierten die Toho-Studios das Kaiju Eiga-Genre, also den Monsterfilm. Mit Godzilla hatten sie das berühmteste Monster der Filmgeschichte geschaffen und viele weitere Monster aus dem Toho-Universum sind bis heute unvergessen. Immer wieder hatten andere Studios versucht, auch was von dem Monstererfolg abzubekommen. Doch niemand konnte so recht triumphieren, außer vielleicht Daiei. Die hatten 1965 ein neues Filmmonster geschaffen: die Riesenschildkröte Gamera. Mit der feuerspeienden und -fressenden Echse konnte sich Daiei eine Fangemeinde aufbauen und in weiteren Filmen so etwas wie ein eigenes kleines Monsteruniversum zusammentüfteln. Der erste Film Gamera wurde auch in den USA veröffentlicht, allerdings – wie es auch schon beim ersten Godzilla-Film der Fall war – indem man die Urfassung verstümmelte und neue Szenen mit Amerikanern drehte. Leider war es mir nur möglich, diese US-Fassung zu sehen, so dass ich nur darauf Bezug nehmen kann und Gamera, in den USA 1966 als Gamera The Invicible vermarktet, vermutlich schlechter wegkommt als gerechtfertigt.

Etwas ungelenk werden wir in die Geschichte eingeführt, als mehrere amerikanische Kriegsflugzeuge über der Arktis patroullieren und ein Flugzeug unidentifizierter Herkunft abschießen. Dass das feindliche Flugzeug Nuklearwaffen an Bord hat, wissen die Piloten zwar, aber das Warum interessiert sie weniger. Sie denken auch nicht so weit, dass die Explosion auf der Erde eine Katastrophe auslösen könnte. Die Wissenschaftler, die zufällig gerade in der Nähe der Absturzstelle auf Expeditionsreise sind, lässt die Atomkatastrophe ebenfalls kalt. Kein Wunder, interessiert sich der leitende Wissenschaftler doch mehr für prähistorische Riesenschildkröten, die in dieser Gegend einmal gewohnt haben könnten. Damit dürfte das Niveau des Monsterfilmchens sonnenklar sein – Trash. Wie es nun der Zufall so will, erweckt der Absturz des Fliegers gleich so eine Riesenschildkröte zum Leben. Dieses Monster, Gamera mit Namen, lässt es sich nicht nehmen, sofort nach Japan aufzubrechen, um dort für Zerstörung zu sorgen. Das Militär und schließlich alle Regierungen dieser Welt suchen nach einer Lösung, um Gamera zu vernichten. Mit herkömmlichen Kriegsgeräten ist der Riesenechse nämlich nicht beizukommen, sie einzufrieren geht ebenfalls schief, und da sie sich von Feuer ernährt, stürzt sie sich nicht nur auf Leuchttürme, sondern auch auf Kraftwerke und trampelt auf ihrem Weg dorthin schon mal die ein oder andere Stadt zu Boden. Der kleine Toshio, seines Zeichens fanatischer Schildkrötenliebhaber, ist sich sicher: Gamera hat ein gutes Herz! Immerhin wurde ihm von Gamera einmal das Leben gerettet. Doch wer glaubt schon einem kleinen Hosenscheißer?

So trashig das nun alles klingt, so todernst wurde die Geschichte inszeniert. Um den Film bedrohlicher und ernster wirken zu lassen, drehte man ihn sogar extra in Schwarz-Weiß! Das hilft allerdings wenig. Die unglaublich hölzernen wie dämlichen Dialoge sind zum Haareraufen, die Kulissen, die Gamera zerdeppert, sind lieblos, und Gamera selbst ist zwar amüsant, aber kaum so monströs wie es die Macher wohl im Sinn gehabt haben. Das geht schon damit los, dass die Riesenschildkröte aufrecht läuft und ziemlich ungelenk durch die Gegend stapft. Außerdem hat sie neben Feueratem und dem ewigen Hunger nach Flammen noch ein Special Feature in petto: sie kann fliegen! Dazu zieht sie sich in ihren Panzer zurück und wird so zur feuerspuckenden Frisbee, die in Nahaufnahmen nur leider so unbeholfen durch die Lüfte trudelt, dass man glaubt, sie würde gerade abstürzen. Eigentlich ein herrlicher Spaß das alles. Das größte Manko sind aber ausgerechnet die Amerikaner. Die von ihnen gedrehten Szenen sind so belanglos wie langweilig, handeln sie meistens doch nur von politischen Debatten, die nun wirklich kein Mensch in einem Monsterfilm sehen will, schon gar nicht in diesen Ausmaßen. Auch das Wissen, dass die Amerikaner mit Gamera gemacht haben, was sie wollten, hilft nicht gerade dabei, die US-Version sympathisch zu finden. Wie viel aus dem Original ist der Schere zum Opfer gefallen, wie viele Szenen wurden neu arrangiert, wie nahe ist das noch am Original? Gerade bei Gameras spaßigen Auftritten wirken einige Bilder wie schlecht geschnitten aneinandergereiht. Ob wir das den Amerikanern zu verdanken haben?

Für Trash-Fans bietet auch die US-Fassung Gamera The Invincible noch genügend Material zum Schmunzeln. Nur durch die sinnlosen Besprechungsszenen muss man sich kämpfen. Trotz dieser Durststrecken (die es im Original so ja gar nicht gibt) ist Gamera The Invincible ein witziger Monsterbeitrag, der sich in seiner Stümperhaftigkeit auch noch so ernst nimmt, dass es eine wahre Freude ist. Ein Muss für Trash- und Monsterfans. Wer die Möglichkeit hat, sollte aber unbedingt auf die japanische Originalfassung zurückgreifen.

© Shaoshi, 2. Februar 2013
4/10

大怪獣ガメラ | Daikaiju Gamera
Japan/USA • 1965 • 86 Min • Monsterfilm
Alternativtitel | Gamera – Frankensteins Monster aus dem Eis
Regie | Noriaki Yuasa, Sandy Howard
Darsteller | Eiji Funakoshi, Harumi Kiritachi, Junichiro Yamashita, Jun Hamamura, Bokuzen Hidari, George Hirose, Brian Donlevy, Albert Dekker, Walter Arnold, John Baragrey, Gene Bua, Bob Carraway, Diane Findlay

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

Advertisements

2 Gedanken zu “Filmkritik | Gamera The Invincible (Japan/USA, 1965/1966)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.