Filmkritik | Rainy Dog (Japan, 1997)

Rainy DogJeder anständige Regisseur scheint eine Trilogie in seiner Sammlung haben zu müssen. Takashi Miike legt da mit seiner Black Society-Trilogie vor, wenn die drei Gangsterfilme Shinjuku Killers, Rainy Dog und Ley Lines außer einem gemeinsamen Thema auch sonst nichts miteinander zu tun haben.

In Rainy Dog lernen wir also den hyperlakonischen Yuji (Sho Aikawa) kennen, der aus dem Yakuza-Syndikat in Japan verstoßen wurde und nun im taiwanesischen Exil erfahren muss, wie hart das Leben für einen Freiberufler doch sein kann. Er verdient sich sein spärlich Brot nämlich, indem er im Auftrag der taiwanesischen Mafia den ein oder anderen Mord an schmierigen Gangstern verübt. Die erhoffte Karriere ist das aber nicht und so vegetiert Yuji als gebrochener Antiheld dahin, bis ihm eine ehemalige Geliebte einen angeblichen Sohn ins Wohnzimmer stellt und verduftet. Auch wenn es zunächst nicht so aussieht, schafft es Yuji schließlich doch, so etwas wie eine Beziehung zu dem stummen Jungen aufzubauen. Als er dann auch noch die Prostituierte Lilly (Chen Xian-Mei) gut leiden kann, die gerne »woanders« hingehen möchte, will er ihr helfen und mit ihr und seinem Sohnemann weggehen von Taipeh, das für alle den Untergang bedeutet. Yuji hat allerdings längst Feinde, die ihn nicht ziehen lassen wollen, und die sind dem Dreiergespann bald schon auf den Fersen.

War Shinjuku Killers durch seine plakativen Tabubrüche mit einer der widerwärtigsten Filme, die ich bis dato gesehen hatte, waren meine Erwartungen auch für Rainy Dog entsprechend gering—und das, obwohl sich die Story doch einigermaßen interessant anhörte. Letztendlich war ich also positiv überrascht, dass Rainy Dog in eine so andere Richtung einschlägt. Das Gangsterdrama zielt zwar auch auf den gelegentlichen Tabubruch ab, hat es allerdings—im Gegensatz zu seinem großen Bruder—nicht nötig, mit abstoßenden Figuren, exzessiven Gewaltdarstellungen, niederster Frauenverachtung und Pornografie ein fragwürdiges Publikum zu bedienen. Rainy Dog kommt zwar auch nicht ohne Tote aus und der Gang zum Bordell ist Pflicht, aber so wie es Miike hier darstellt, ist es um einiges ansprechender. Die Bettszenen werden nur angedeutet, die Gewalt beschränkt sich auf simples Erschießen (was aber trotz der Kürze hart und schmutzig in Szene gesetzt wurde) oder Eintreten auf einen Gegner, der reglos in einem Müllhaufen liegt. Miike konzentriert sich in Rainy Dog auf etwas anderes und das sind die Figuren—allesamt gebrochene Existenzen, die es im Moloch Taipeh nie zu etwas gebracht haben und deshalb ihr schäbiges Leben am Rande von Taiwans Unterwelt fristen. Yuji hält sich mit Auftragsmorden gerade so über Wasser und Lilly kann von einer Karriere als Kosmetikerin nur in ihrem Blog träumen, während sie seit ihrer frühesten Jugend in einem Bordell arbeitet. Der kleine Junge wird eingangs von seiner Mutter zum vermeintlichen Vater gebracht, weil sie sich in ihren Augen bereits lange genug um das Kind gekümmert hat, und findet auch beim Papa nicht gerade Zuneigung. Das äußert sich sogar dadurch, dass der Kleine selbst Mülltonnen nach Essbarem durchwühlen oder ganze Nächte im kalten Regen verbringen muss, während sich sein Vater drinnen mit einer Hure vergnügt. Seine Beharrlichkeit, mit der er den Herrn Papa auf Schritt und Tritt verfolgt und sogar dann noch an ihm hängt, wenn er mitansehen muss, wie der mit eiskaltem Blick Leute erschießt, zahlt sich zuletzt aber aus—auch wenn das Glück dann nur von kurzer Dauer ist.

Rainy Dog ist ein klassisch erzähltes Gangsterdrama, das so ruhig und trotz des Inhalts so unaufgeregt erzählt wird, dass es dem ein oder anderen zu zäh sein dürfte. Hinzu kommt, dass die Wortkargheit von Yuji teils aggressionsfördernde Ausmaße annimmt—einseitige Dialoge und zu lange Szenen dürften den actionverwöhnten Zuschauer so manches Mal nerven. Zuletzt lassen schlecht ausgeleuchtete Sets den Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln tappen, wenn sich auch nicht ganz von der Hand weisen lässt, dass düstere Gassen für einiges an Stimmung sorgen. Allzu spannend wird Rainy Dog auch nicht. Bei solchen Filmen ahnt man den Ausgang bereits am Anfang und auch Rainy Dog bildet da keine Ausnahme. Selbst wenn Yuji und Co. sich im Grunde nur nach einem normalen Leben sehnen, werden sie doch immer weiter in dunkle Abgründe gezogen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Das hat man schon in vielen anderen Filmen so gesehen und im Vergleich mit Meisterwerken wie etwa Leon, der Profi, der sich einem unweigerlich aufdrängt, zieht Rainy Dog freilich den Kürzeren.

Stellenweise driftet Rainy Dog dann auch noch uns unfreiwillig Lächerliche ab. Da hätten wir die Szene, in der unsere Protagonisten als Fluchtfahrzeug ausgerechnet einen fahrtüchtigen Roller am Seeufer ausgraben, eine Tatsache, die man nun wirklich nicht ernst nehmen kann und die auch nicht in den ansonsten so nüchternen Film passen mag. Außerdem schlägt Miike mal wieder über die Stränge und setzt dem Publikum seinen oft so fragwürdigen Geschmack vor. Da pisst ein Gangster von einem Hausdach, quasi als Kriegserklärung an das ganze verdammte Taipeh. Eine Szene, die super in den Film passt, aber da Miike den Kamerawinkel so wählen muss, dass dabei das Gemächt des pissenden Herrn zu sehen ist, wird alles wieder zunichte gemacht. Tabu hin oder her, wenn das Ganze dann sowieso mit buntem Gekritzel unkenntlich gemacht werden muss, hätte man sich das prüde zensierte Geschlechtsteil durch einen anderen Kamerawinkel, bei welchem der sowieso viel wichtigere Pissestrahl trotzdem sichtbar geblieben wäre, gleich ganz sparen können.

Das alles soll nun aber nicht heißen, dass Rainy Dog ein schlechter Film wäre. Im Gegenteil—das Gangsterdrama zählt ganz klar zu den besseren Werken in Takashi Miikes Filmografie. Der Film schlägt (für Miike-Verhältnisse) ungewöhnlich leise Töne an und lässt Emotionen so subtil zwischen den Zeilen stehen, dass Hollywood-Liebhaber sie vermutlich gar nicht bemerken. Recht nüchtern wird die simple Geschichte erzählt, die zeigt, dass es eben nicht alle Gangster bis in die höchsten Kreise schaffen und vermutlich viele so an ihrer Karrierewahl zugrunde gehen wie Yuji. Hier wird Gewalt nicht verherrlicht und das Gangstertum nicht romantisiert wie in vielen Genrevertretern. Dadurch wirkt Rainy Dog recht realistisch und so wieder umso trauriger und düsterer. Obendrein besticht die Kulisse. Taipeh als tristes Regenloch, als Ort, an dem Gangsterversager und ungeliebte Kinder zugrunde gehen und wo es scheinbar niemanden interessiert, wenn Leute auf offener Straße erschossen werden und überall Leichen herumliegen, ist perfekt gewählt. Der Regen als Metapher—Yuji geht bei Regen nicht raus und Lilly würde dem ganzen Regen am liebsten entfliehen—ist ein schönes Stilmittel, das dem Film viel an depressiver Atmosphäre verleiht.

Das Rad erfindet Rainy Dog in Sachen Gangsterdrama zwar nicht neu, aber die Inszenierung gefällt. Subtil, unnahbar und wunderbar trist erzählt uns Miike die Geschichte dreier gebrochener Figuren, die sich in Taipeh mehr erhofft haben als Regen—nämlich Erfolg, Geborgenheit, vielleicht sogar so etwas wie eine Familie. Der interessante Genre-Beitrag von Japans Enfant terrible Takashi Miike reiht sich ganz gut in die Liste asiatischer Gangsterdramen ein, ragt letztendlich aber auch nicht daraus hervor.

© Shaoshi, 10. Juli 2011
7/10

極道黒社会 | Goduko Kuroshakai
Japan • 1997 • 95 Min. • FSK 16 • Gangsterdrama
Regie | Takashi Miike
Drehbuch | Seigo Inoue
Darsteller | Sho Aikawa, Chen Lian-Mei, Gao Ming-Jun, He Jianqin, Tomorowo Taguchi, Blackie Ko, Zhang Shi

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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