Filmkritik | I Not Stupid (Singapur, 2002)

I Not StupidSingapur, das kennt man als Heimat der Strafen und Bußgelder, des Leistungsdrucks, absoluten Gehorsams und Singlish-Kauderwelsches. Das sind natürlich Themen, die sich filmisch hervorragend als Satire aufbereiten lassen. Regisseur Jack Neo hat ein ganz besonderes Faible dafür, seinen Mitbürgern in seinen Filmen einen Spiegel vorzuhalten. Mit I Not Stupid, einem der erfolgreichsten Filme Singapurs, nimmt sich Jack Neo dem dortigen Schulsystem an.

Wie in einigen anderen asiatischen Ländern werden die einzelnen Klassenstufen in Singapur in verschiedene Leistungsgruppen eingeteilt. Die schlechtesten Schüler stecken demnach in der untersten Stufe EM3 fest und genau dort kämpfen im Film drei Grundschüler, nämlich der gehorsame Terry Khoo (Huang Po-Ju), der künstlerisch begabte Liu Kok Pin (Shawn Lee) und der um Respekt kämpfende Ang Boon Hock (Joshua Ang), mit ihrem unliebsamen Platz in der Gesellschaft. Von »klügeren« Mitschülern werden sie gehänselt, von den Lehrern als hoffnungslos aufgegeben, von den Eltern unter Druck gesetzt und missverstanden. Wenn man in Singapur etwas werden will, braucht man ein Diplom und gute Englischkenntnisse—nach Möglichkeit sollte man auch nicht chinesischer Abstammung sein. Und worunter die Kinder leiden, macht es auch für die Erwachsenen nicht einfacher. Neben den drei Jungs lernen wir auch deren Eltern kennen, die ihre Kinder mit furchtbarem Englisch und nächtelangen Lern-Marathons malträtieren und die auch beruflich ständig um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen. Terry und seine Schwester (Cheryl Chan) werden von der dominanten Mutter (Selena Tan) zu absolutem Gehorsam erzogen, während sich der reiche Vater (Richard Low) lieber um seine Grillfleisch-Firma kümmert; Liu Kok Pin wird von seiner kranken Mutter zum Mathe-Lernen gezwungen, obwohl er doch ganz andere Talente hätte—sein Vater (Jack Neo) steht inzwischen als Angestellter einer Werbeagentur kurz davor im Kampf gegen einen nicht-asiatischen Kollegen seinen Job aufs Spiel zu setzen; und Boon Hock, dem die Vaterfigur fehlt, hat es nicht leicht, seine nudelverkaufende Mutter davon zu überzeugen, warum er in der Schule ständig als nichtsnutziger Unruhestifter verurteilt wird.

Auf narrativ intelligenter Ebene schafft es Jack Neo tatsächlich Kritik am politischen System und der Gesellschaftsstruktur Singapurs zu üben, indem er die gängigen Praktiken einfach ins familiäre Nest verlegt. Sprüche wie »Ich weiß, was am besten für dich ist« werden zwar dominanten Müttern in den Mund gelegt, lassen sich aber sehr einfach aufs große Ganze ummünzen. Diese Bissigkeit merkt man vielen Szenen im Film an, was einem zum Glück aber nie allzu plakativ ins Gesicht geklatscht wird. Dabei schafft es I Not Stupid mit intelligentem, unterhaltsamem Witz und Emotionen Singapurs Missstände aufzuzeigen—allzu gehorsame Bürger, die ihre chinesische Herkunft gern verleugnen würden, der exzessive Einsatz von Singlish, um als etwas Besseres dazustehen als diejenigen, die nur Chinesisch können, der Leistungsdruck in der Schule, der bis zu Selbstmordversuchen der Schüler reicht.

Was die Qualität des Filmes betrifft, hat I Not Stupid im Vergleich zu Hollywood-Blockbustern klar das Nachsehen. Wer aber Lust hat, realistisch und simpel realisierte Filme aus Fernost zu gucken, liegt bei I Not Stupid goldrichtig. Gehaltvoll, witzig, emotional und anklagend kritisiert der Film und spielt gekonnt mit singapurischen Stereotypen ohne primitiv oder banal zu wirken. Die Art, wie sich die Geschichte entwickelt und die Erlebnisse der Kinder mit denen der Erwachsenen verwoben sind, ist intelligent und macht den Film zu einer runden Sache. Wer mal einen spielerischen Einblick in die Mentalität Singapurs gewinnen möchte, sollte sich I Not Stupid unbedingt ansehen. Ein Film, der zum Schmunzeln, Mitfühlen und Nachdenken anregt.

© Shaoshi, 20. Februar 2011
8/10

小孩不笨 | Xiaohai Bu Ben
Singapur • 2002 • 105 Min • Komödie
Regie | Jack Neo
Drehbuch | Jack Neo
Darsteller | Jack Neo, Xiang Yun, Richard Low, Selena Tan, Po Ju Huang, Shawn Lee, Joshua Ang, Cheryl Chan, Su-Ru Wen, Xian Bin Zheng, Lim Kwee-Hiok, Choi Yeng Wong, Sally Ong, Wai Ying Wang, Bing Chee, Chor Yong Phua, Harlow Russell, Winston Huang, Shi Tong Zheng, Marcus Chin, Shao Ting Huang, M.C. King, Mark Lee, Hossan Leong, Patricia Mok, Bin Shi, Violet Tan, Henry Thia, Wang Chien-Fu, Yao Nan Zhong

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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