Filmkritik | Full Circle (China, 2012)

Full CircleRegisseur Zhang Yang ist für seine Vielseitigkeit bekannt und so widmet er sich einem in Filmen oft vergessenen Thema: die ältere Generation. So kommt es, dass für die Tragikomödie Full Circle quasi nur Schauspieler jenseits der Siebzig vor der Kamera stehen. Und obwohl ihre gesundheitliche Angeschlagenheit und ihr heruntergekommenes Äußeres nicht gerade den gängigen Maßstäben für visuell gefälliges Kino entspricht, zählt Full Circle sicherlich mit zu den schönsten und sympathischsten Filmen von 2012.

Der alte Lao Ge (Xu Huanshan) hat die besten Jahre hinter sich. Mit Anfang Siebzig verliert er seine zweite Ehefrau, die obendrein ihre Wohnung an ihren Sohn vererbt. Da Lao Ges Sohn aus seiner ersten Ehe nicht mit ihm spricht, bleibt Lao Ge nichts anderes übrig als sich im Altersheim mit seinem alten Kumpel Zhou (Wu Tianming) ein Zimmer zu teilen. Weil das Leben im Altersheim nicht nur erdrückend sondern auch stinklangweilig ist, beschließen die Rentner, für das Casting einer japanischen Variété-Show nach Tianjin zu fahren. Als die Oberschwester des Altersheims (Yan Bingyan) die Reise aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen verbietet, üben die Alten ihren Sketch heimlich ein – und flüchten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einem ausrangierten Linienbus.

Zhang Yang nimmt sich in Full Circle eines Themas an, das langsam auch in der chinesischen Gesellschaft anzukommen scheint: Alte Menschen, die von ihren Eltern ins Altersheim abgeschoben und dort vergessen werden. Dies sorgt schon für eine beklemmende Basis, sieht man die Unpersönlichkeit der Schlafzimmer und das langweilige Leben der Rentner, das geprägt ist von Verboten und einer Behandlung als wären sie kleine Kinder. Dabei sind die meistne Leute trotz Einschränkungen (Rollstuhl, Parkinson, Demenz, Krebs) durchaus noch zu einem selbstbestimmten Leben fähig. Kein Wunder, dass die Männer und Frauen zu Rebellen werden und sich nach einem langen Leben, in dem sie sich für ihre (undankbaren) Kinder aufgeopfert haben, endlich einmal selbst ein Stückchen Freiheit ergattern wollen. Einfach ist das nicht, denn weder ihre Kinder wollen für die Reise nach Tianjin eine schriftliche Einverständniserklärung abgeben, noch will die Chefin des Altersheims die Verantwortung dafür übernehmen. Immerhin haben sich bereits zwei der Männer, die für einen Sketch als lebende Mahjongg-Steine geübt haben, dabei etwas verrenkt. So eine Reise ist aus ihrer Sicht also viel zu gefährlich! Also greifen die Rentner zu einem radikaleren Mittel: die Flucht! Ein alter Bus ist schnell aufgetrieben und nachdem man in einer netten Fluchtszene die einengenden Mauern des Altersheims hinter sich gelassen hat, kann die Reise beginnen. Die führt quer durch die innere Mongolei, in wunderschönen weiten Landschaftsaufnahmen eingefangen von Yang Tao. Weite Steppen, die das Gefühl von Freiheit transportieren, paaren sich mit der aufrichtigen Fröhlichkeit der Rentner, die dermaßen Lebensfreude versprühen, dass das kaum nur durch klasse Schauspiel herrühren mag.

Full Circle ist ein Beweis dafür, dass es für einen gelungenen Film nicht immer nur die jungen, angesagtesten Stars braucht. Zwar schaut Aloys Chen mal als Arzt vorbei und Lao Ges Enkel (Gao Ge) dürfte auch erst so Mitte Zwanzig sein, aber die großen Stars sind die alten Leute – jeder einzelne von ihnen. Zhang Yang nimmt sie ernst, porträtiert die Rentner realistisch, gesteht ihnen echte Freude und gute Laune ebenso zu wie die Beschwerden des Alters, durch die sie von der Gesellschaft ausgegliedert werden. Neben sympathischem Humor lässt Zhang Yang auch aufrichtige Emotionen zu. Die Hauptfiguren haben ihre Geschichten, die sie im Laufe des Films auch einholen. Man hat das Gefühl, die Figuren in einem chinesischen Film endlich einmal wieder richtig kennen zu lernen und folglich lebt, lacht und leidet man mit ihnen mit. Obendrein werden im Film noch einige kluge Sachen gesagt, die durchaus nachdenklich stimmen können, und die Sketche, die die Rentner im Verlauf des Films spielen, sind so schlicht wie witzig und poetisch.

Zhang Yangs Full Circle ist eine äußerst gelungene Mischung aus Witz, Tragik und echten Emotionen. Kluge Dialoge, sympathische Figuren und eine nachdenklich stimmende Aussage machen den Film zu einem warmherzigen Erlebnis. Die alte Generation zeigt, was sie noch drauf hat. Und das gilt nicht nur für die Figuren im Film, sondern auch für die Darsteller, die selbst alle längst im Rentenalter sind. Xu Huanshan und Wu Tianming zählen mit ihren Anfang Siebzig sogar noch zum jüngeren Cast. Viele der Darsteller sind bereits über achtzig oder gar neunzig. Beeindruckend!

© Shaoshi, 7. Februar 2013
8/10

飞越老人院 | Fei Yue Lao Ren Yuan
China • 2012 • 104 Min. • Tragikomödie
Regie | Zhang Yang
Drehbuch | Zhang Yang, Lola Huo, Zhang Chong
Darsteller | Xu Huanshan, Wu Tianming, Li Bin, Yan Bingyan, Wang Deshun, Cao Hongxiang, Tang Zuohui, Jiang Hualin, Jia Fengsen, Niu Ben, Han Tongsheng, Gao Ge, Liu Dong, Zhang Huaxun, Wang Liansheng, Chen Zhihong, Yao Gang, Shang Tiantong, Cheng Yi, BoBo Hu, Chen Ping, Kinki Feng, Shi Yulin, Jin Hong, Tian Hua, Tao Yuling, Guan Zongxiang, Huang Suying, Zhong Xinghuo, Liu Jiang, Siqin Gaowa, Zhong Xinghuo, Xu Fan, Aloys Chen Kun, Liao Fan, Guo Jinglin, Sunny Dai

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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2 Gedanken zu “Filmkritik | Full Circle (China, 2012)

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