Filmkritik | Forbidden Kingdom (USA/China, 2008)

Full CircleAuf diesen Film hat die Welt gewartet – und wenn schon nicht auf den Film an sich, dann doch wenigstens auf das Konzept, das dem Streifen zugrunde liegt. Denn in Forbidden Kingdom sind die zwei wohl berühmtesten chinesischen Martial-Arts-Darsteller unserer Zeit, Jackie Chan und Jet Li, zusammen auf der Mattscheibe zu sehen! Zwar kommt das mindestens zehn Jahre zu spät (Chan und Li sind beide nicht mehr die Jüngsten), aber von Interesse ist das allemal. Immerhin sind die beiden Schauspieler für völlig unterschiedliche Actiontypen bekannt, spielt Chan doch meistens den Actionclown und Jet Li den stoischen wie harten Kämpfer (wenn er durchaus auch witziges Material in seiner Filmographie hat). Wie also wird ein solches Zusammenspiel aussehen? Dann der erste Dämpfer: Es wird ein Ami-Film!

Schon die Story garantiert ein ausgelutschtes 08/15-Spektakel. Da hätten wir unseren jungen Identifikationsamerikaner Jason (Michael Angarano), der voll auf alte Eastern steht und diese regelmäßig beim Chinesen seines Vertrauens erwirbt. Durch diese Vorlieben bekommt er freilich auf die Fresse und nach Chaos und einem eventuell tödlichen Schuss muss der unschuldige Jason fliehen – im Gepäck einen antiken chinesischen Stab, der ihn beim nächsten Sturz von einem Haus direkt ins alte China katapultiert, wo er komplett in passenden Klamotten wieder aufwacht. Grund: Der antike Stab gehört keinem Geringeren als dem Affenkönig (Jet Li), der einst in einem Kampf gegen den machtsüchtigen Jade Warlord (Collin Chou mit schwarzem Lidschatten… warum nur?) zu Stein erstarrt ist. Mit Hilfe des saufenden Bettlers Lu Yan (Jackie Chan mit Dreadlocks), dem introvertierten Mönch Lan Cai He (Jet Li) und der zugelaufenen Möchtegern-Attentäterin Golden Sparrow (Crystal Liu) soll Jason nun den Affenkönig befreien und den Bösewicht von seinen Machtansprüchen abhalten.

Die mehr als simple Handlung trägt immerhin noch recht kurzweilig durch die 100 Minuten. Dass der Film versucht, Die Reise nach Westen als fadenscheinige Grundlage für den primitiven Plot heranzuziehen, ist einerseits gut gemeint. Nur, warum muss man die Figur des Affenkönig dermaßen beliebig aus dem alten Roman reißen? Merkwürdiger noch: Jason hat von der Geschichte offensichtlich noch nie etwas gehört, dabei hält er sich doch für einen extremen Asien-Nerd und selbst seine geliebten Shaw Brothers Studios haben in mindestens vier Arbeiten den Roman verfilmt. In seinem Fernseher läuft ja sogar mal ein Ausschnitt! Andererseits kauft er bei seinem Bootleg-Dealer auch Enter The Dragon und The Bride With White Hair, die ein Eastern-Fanatiker auf seinem Level eigentlich schon längst kennen müsste… Das alles nur heiße Luft sein muss, offenbart sich dann auch, als Jason im alten China landet. Als Eastern-Freak würde er seine Umgebung nämlich ganz anders wahrnehmen. Vom plötzlichen Zeit- und Ortswechsel ist er dann auch kaum beeindruckt (wer’s glaubt!) und sein »I wui wieder hoam«-Geschrei ist allerhöchstens halbherzig. Genausowenig seltsam finden es offensichtlich die Chinesen, dass da plötzlich so eine fremdländische Langnase in ihre Gefilde geschneit kommt. Dass es keine Verständigungsprobleme gibt, verwundert da kaum noch.

Nun hätte man aber Potenzial gehabt, Jason so manchen Easternfilmvergleich in den Mund zu legen und den Culture Clash sowie den Unterschied zwischen Film und Realität (ein bisschen so wie in Last Action Hero mit Arnie) besser herauszuarbeiten, aber das Zitieren fällt so nebensächlich aus, dass man es kaum noch bemerkt. Was bleibt, ist das: Ein überflüssiger Amerikaner wird ins alte China zurückkatapultiert und muss dort ein großes Abenteuer bestehen, das übrigens auch ganz ohne ihn funktioniert hätte. Immerhin nervt Jason nicht, muss neben Chan und Li (aber auch Crystal Liu) so zurückstehen, dass er allenfalls vergänglichen Nebenfigurcharakter hat. Vermutlich ein Segen. So kann man sich ohne Probleme auf das Duo Chan/Li konzentrieren. Ein bisschen enttäuscht war ich ja zuerst, dass die beiden auf derselben Seite stehen. Allerdings muss ich zugeben, dass das Ergebnis ganz unterhaltsam geworden ist. Jackie Chan schlüpft in seine beliebte Drunken Boxing-Rolle und Jet Li mimt den stoischen Mönch, den er auch nicht gerade zum ersten Mal spielt. Ein Buddymovie in historischem Setting, das ganz gut funktioniert. Zwar spielt sich Jackie Chan mit seinen Hampeleien leicht in den Vordergrund, man muss aber auch einsehen, dass seine lebhafte Rolle einfach mehr hergibt als die des zurückhaltenden Mönchs. Und die Kämpfe? Immerhin sind das ja die Szenen, auf die die Fans am meisten gewartet haben? Da muss man zunächst einmal vorausschicken, dass Forbidden Kingdom ein Familienfilm ist und Regisseur Rob Minkoff mit Filmen wie Der König der Löwen oder Stuart Little nicht gerade fürs Actionkino prädestiniert scheint. Zum Glück hat man deshalb Actionprofi Yuen Woo-Ping als Choreographen engagiert. Dadurch wird die Action doch noch ganz sehenswert, wenn auch gerade das Wirework ziemlich schlecht wirkt. In der Regel kämpfen Chan und Li (und natürlich auch die anderen auf ihrer Seite) gegen die Bösewichte, doch ein Kampf Chan gegen Li muss einfach drin sein. Der fällt auch ganz nett aus, wenn auch viel zu harmlos nach guter alter »Wer kriegt das McGuffin zu fassen?«-Manier. Forbidden Kingdom ist eben ein Familienfilm und schon deshalb eher für die modernen Chan-Fans als für die Anhänger von Jet Li interessant.

Was man den amerikanischen Machern zugute halten muss, ist, dass sie sich bemüht haben, aus Forbidden Kingdom so etwas wie eine Hommage ans Easternkino zu machen. So erinnern z.B. Jasons Trainingssequenzen, die schon mal nach Karate Kid schreien, zum Glück auch an alte Streifen mit Jackie Chan. War der damals noch Schüler, wird Chan nun zum harten Meister und Jason ist der Leidgeplagte, der ganz ähnliche Trainingseinheiten absolvieren muss wie Chan in seinen frühen Filmen. Li Bingbing stellt in ihrer boshaften Nebenrolle ebenfalls eine Hommage an das fantastische Hongkong-Kino dar, wenn mir Brigitte Lin als weißhaarige Braut auch um Längen besser gefallen hat als Li Bingbing, die mit ihrem Plastikhaar so künstlich wirkt, dass es schon ins Trashige abgleitet. Crystal Liu, obzwar extrem überflüssig, lässt eine alte Rolle von Cheng Pei-Pei noch einmal aufleben und viele andere kleine Referenzen z.B. zu Die Reise nach Westen (das weiße Pferd, der TV-Ausschnitt) oder gleich der ganze Vorspann sind ganz nett geraten. Allerdings geht das alles nie mit dem erwünschten Wow-Effekt einher, so dass der Film trotz aller Referenzen nie das Kultpotenzial aufbringen kann, das die Macher vielleicht angestrebt haben wollen.

Forbidden Kingdom ist familiengerechte Fantasyaction aus dem Reich der Mitte und wirkt wie eine Fantasie, die sich Fans im Westen zusammengesponnen haben. Und so ist es ja auch. Kein Wunder also, dass der Film eine Aura oberflächlicher Fanfiction besitzt und nur die üblichen Versatzstücke aneinanderreiht. Dadurch verlieren auch die Referenzen zu liebgewonnenen Klassikern an Bedeutung, was Forbidden Kingdom zu einem höchstens durchschnittlichen Familienfilm macht, der weder Überraschungen noch Innovationen bietet. Allein Chan und Li ist es zu verdanken, dass der Film nicht völliger Missachtung gestraft wird. Immerhin: Langweilig ist Forbidden Kingdom nicht gerade, aber gut macht ihn das noch lange nicht.

© Shaoshi, 21. Februar 2013
5/10

The Forbidden Kingdom
USA | China • 2008 • 100 Min • FSK 12 • Actionkomödie
Regie | Rob Minkoff
Drehbuch | John Fusco
Darsteller | Jackie Chan, Jet Li Lian-Jie, Crystal Liu Yifei, Collin Chou (Ngai Sing), Li Bingbing, Michael Angarano

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

Advertisements

3 Gedanken zu “Filmkritik | Forbidden Kingdom (USA/China, 2008)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s