Filmkritik | Mr. Nice Guy (Hongkong, 1997)

Mr. Nice GuyMr. Nice Guy—ein Titel, der ja auf viele Filme mit Jackie Chan passen würde. Und das ist das eigentliche Problem des Films. Der Martial-Arts-Komödiant spielt in dieser One-Man-Show einmal mehr seine Paraderolle: er ist der sympathische Gutmensch, der keiner Fliege was zuleide tun will, und sich auch nur dann auf harmlose (aber amüsante) Weise wehrt, wenn er von Bösewichten gejagt und sein soziales Umfeld bedroht wird. Im Falle von Mr. Nice Guy sind die Bösewichte ein Haufen Handlanger des klischeehaften Oberfieslings Giancarlo (Richard Norton), die ein brandheißes Videoband wiederhaben wollen, in dessen Besitz der unschuldige TV-Koch Jackie (Jackie Chan) ganz zufällig geraten ist. Jackie, der eigentlich nichts mit der Sache zu tun hat, will am liebsten seine Ruhe haben, was allerdings nicht ganz einfach ist, da ihm nicht nur die Gangster an den Fersen kleben, sondern auch eine nervige Reporterin (Gabrielle Fitzpatrick), der das Band gehört und die es so gerne als Karrieresprungbrett beim Fernsehen nutzen möchte.

Es ist nicht gerade überraschend, dass die lahme Story nur mäßiges Mittel zum Zweck ist, dient sie hier doch wie in so vielen anderen Chan-Filmen lediglich als Rahmen, um mehr oder weniger plausibel ein paar sehenswerte Stunts und Actionsequenzen aneinanderzureihen. Die Action an sich ist bei Mr. Nice Guy auch nicht das Problem. Mit Jackie Chan vor und dem alten Action-Hasen Sammo Hung (mit einer kleinen Ausnahme als Radfahrer auch vor) hinter der Kamera kann ja auch nichts schief gehen. Jackie Chan, der in seiner Rolle als freundlich-höflicher TV-Koch auch niemandem schaden will, übt sich also im Ausweichen, Weglaufen und Kämpfen ohne Gewalt. In typischen, flapsigen Szenen zweckentfremdet er mal wieder so allerlei Gerät als Waffe und schafft es auf Baustellen ebenso die Oberhand zu gewinnen wie in Melbournes belebter Innenstadt oder am Ende beim Zerlegen von Giancarlos komplettem Anwesen. Auch stunttechnisch kann sich Mr. Nice Guy sehen lassen. Jackie Chan ist schon über vierzig, aber immer noch so wendig und lebensmüde wie eh und je, egal, ob er sich nun an Kränen schwingt oder auf Dächern klettert.

An der Action liegt es also nicht, dass der Film nicht richtig zünden mag. Auch der Humor ist nicht das Problem, denn der hält sich auffallend zurück, sollte dem Gros des Publikums auch nicht zu albern sein und besteht hauptsächlich aus üblicher Jackie-Chan-Situationskomik. Durch Verständigungsprobleme dank Jackies angereister Freundin Miki (Miki Lee) kommt sogar noch ein bisschen untertitelter Wortwitz hinzu, was das Ganze mal ein wenig variiert.

Woran liegt es also, dass Mr. Nice Guy nicht vom Hocker reißen vermag? Da wären zum einen die zwei bzw. drei nervtötenden Frauengestalten, die keifend, winselnd und eifersüchtelnd an Jackies Seite stehen und mindestens so sehr nerven wie die üblen Frauenfiguren aus Mission Adler und einer ganzen Reihe weiterer Jackie Chan-Filme. Da wären das ermüdende Chaos, durch das Jackie gejagt wird, und ein Finale, das so over the top ist, dass man den ganzen Film nicht mehr richtig ernst nehmen kann. Wie das komplette Anwesen von Oberfiesling Giancarlo, der sogar seine eigene Kiesgrube im Garten hat, mit schwerem DMAX-Bergbaugefährt dem Erdboden gleich gemacht wird, ist einfach nur noch lächerlich und sogar noch dämlicher als die Materialschlacht mit Luftkissenboot in Rumble In The Bronx.

Letzter Aufhänger dürfte dann die unverschämte Routine sein, mit der Chan und Hung hier vorgehen, um sich beim westlichen Publikum anzubiedern. Als wollte man alle erfolgsversprechenden Elemente früherer Jackie Chan-Filme (besonders offensichtliches Vorbild dürfte dabei Rumble In The Bronx gewesen sein) noch einmal recyceln, um dem Westen ungefragt einen Querschnitt aus Jackie Chans Schaffen vorzusetzen, zumal uns Mr. Nice Guy auch erst aufgedrängt wurde, als der Name Jackie Chan durch Rush Hour auch bei uns einer breiteren Masse bekannt geworden war.

Mr. Nice Guy ist typische Massenware à la Jackie Chan. Wer kaum Filme von ihm kennt, bei dem mag die Actionkomödie um einiges besser wegkommen. Wer sich jedoch in Jackie Chans Filmographie ein bisschen auskennt und auf Abwechslung hofft, wird reichlich enttäuscht sein. Zwar ist die Action meistens top, der Rest eher flop. Da der Film in Australien gedreht wurde, ist der Asiatenanteil merklich gering, was das Flair doch deutlich schmälert. Die Aneinanderreihung üblicher Chan-Versatzstücke ist außerdem öde und sämtliche Frauenfiguren mal wieder absolut nervtötend. Schnitte in den US- und Europa-Fassungen sorgen für Logiklöcher und weitere Schmälerung des Filmgenusses, wobei die Story an sich schon nicht allzu viel hergibt. Mr. Nice Guy ist absolute Standardware, die sich massentauglich und größenwahnsinnig beim Publikum anbiedern will, ohne dies am Ende so recht zu schaffen. Ein Rohrkrepierer, irgendwie, und dabei durchaus nicht ganz uninteressant.

© Shaoshi, 18. April 2010
4/10

一個好人 | Yat Go Ho Yan
Hongkong • 1997 • 84 Min. • FSK 12 • Actionkomödie
Regie | Sammo Hung Kam-Bo
Drehbuch | Fibe Ma Mei-Ping, Edward Tang Ging-Sang
Darsteller | Jackie Chan, Richard Norton, Miki Lee, Karen McLymont, Gabrielle Fitzpatrick, Vince Poletto, Barry Otto, Sammo Hung Kam-Bo, Emil Chau Wah-Kin, Joyce Godenzi, Peter Houghton, Peter Lindsay, David No, Mars (Stunts)

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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