Filmkritik | Der Mythos (Hongkong, 2005)

Der MythosManch einer mag Der Mythos abwerten, weil es ausnahmsweise mal keine typische Jackie-Chan-Actionkomödie geworden ist, oder weil es eben doch ein Jackie-Chan-Film ist. Doch weder der Stilwechsel noch Jackie Chan ist es, was dem Film schließlich das Genick bricht. Denn der Film hätte auch ohne Chan nicht funktioniert.

Archäologe Jack (Jackie Chan) soll seinem Freund William (Tony Leung Ka-Fai) bei dessen Anti-Schwerkraft-Projekt helfen, was so schon ziemlich wie an den Haaren herbeigezogen klingt. Es verschlägt die beiden also nach Indien, wo schöne Bollywood-Frauen postkartenidyllisch mit Elefanten planschen und vergötterte Gurus fliegen können. Jack und William entweihen natürlich in gewohntem Jackie-Chan-Slapstick-Handgemenge die heilige Stätte der Sekte, wo man nicht nur dem Geheimnis um Schwerelosigkeit näher kommt, sondern auch noch ein Schwert mopst, das wie für Jack gemacht zu sein scheint. Denn Jack, so verraten uns dessen wiederkehrende Traumsequenzen, war in einem früheren Leben der General Meng Yi (Jackie Chan in schwerer Rüstung), der die Prinzessin Ok Soo (Kim Hee-Seon) auf ihrer Reise zum Kaiser von Qin beschützte und selbstverständlich auch in sie verliebt war. Jack will also das blasse Rätsel um seine Vergangenheit lösen, während gleichzeitig freilich diverse Gangster hinter die Anti-Schwerkraft-Formel gelangen wollen.

So werden in Der Mythos praktisch zwei Geschichten parallel erzählt, was dem Film von vornherein den Wind aus dem Segel nimmt. Da wäre zum einen die uninspirierte Abenteuergeschichte um Jack, der sich mit seinem Kumpel William in ein hanebüchenes Abenteuer stürzt, das ziemlich langweilt, weil es für ein Abenteuer einfach nicht genügt, an exotische Drehorte zu reisen. Mächtig uninspiriert sind auch die kleineren Kampfeinlagen, die zwar ganz in Jackie Chans munterem Stil gehalten sind, Fans aber kaum etwas Neues bieten und im Grunde nur Altbewährtes abspulen, egal ob das nun in einem Tempel gegen lästige Tempelwächter im klassischen Turban oder gegen allerlei Verfolger auf einem klebrigen Förderband geschieht. Der Humor hält sich ziemlich zurück, aber immerhin ist diese Hälfte von Der Mythos in gewohnter Jackie-Chan-Manier locker erzählt.

Die zweite Geschichte in Der Mythos ist schließlich die tragische Liebesgeschichte rund um General Meng Yi und die Prinzessin Ok Soo. Tragisch nicht nur für die beiden zentralen Figuren, sondern auch für den Zuschauer—denn die traumhaften Ausflüge in die Vergangenheit strecken die Abenteuergeschichte unnötig und ertrinken fast in klischeehaftem Kitsch. Außerdem möchte dieser Teil von Der Mythos ganz offensichtlich wie ein gewaltiges Historienepos daherkommen, scheitert allerdings gnadenlos an komplexer Handlung, Emotionen und gut ausgearbeiteten Charakteren. Hinzu kommt, dass Jackie Chan weder in seiner Rolle als ernsthafter General noch zu Pferde oder in schwerer Rüstung überzeugen mag. Die kleinen und größeren Schwertkämpfe zwischen General Meng Yi und anderer schwerer Infanterie und Kavallerie sind mehr als lahm inszeniert und wirken teilweise absolut lächerlich, etwa wenn Pferde übergroße entflammte Dungballen wegtreten. Da helfen auch keine pompösen Massenkeilereien mehr, um über die filmische Ödnis hinwegzutäuschen.

Die Zusammenhänge zwischen diesen beiden Handlungssträngen sind mehr als vage, allerdings manchmal ganz gut umgesetzt, wenn etwa in Kampfszenen vom Jetzt kurz mal in die Vergangenheit zu einem ganz ähnlichen Kampf gewechselt wird. Ein paar gute Schnitte machen aber noch lange keinen guten Film. Man wird das Gefühl nicht los, als hätten die Macher zwei Stories in einen Film gepackt, weil jede Story für sich nicht zu einem eigenständigen Film gereicht hätte. Warum denn dann überhaupt, mag man sich völig zu Recht fragen. Gegen Ende hin läuft Der Mythos dann völlig aus dem Ruder, als man sich fantastischer Elemente bedient, um die beiden Handlungen auf Teufel komm raus miteinander zu vereinen, um dem Zuschauer ein rundes Ganzes zu präsentieren. Ein Finale in Schwerelosigkeit, klischeebeladen in einer Grotte hinter einem Wasserfall, nimmt dem ideenlosen, spannungsarmen Film das letzte bisschen Unterhaltungswert.

Der Mythos erscheint wie ein großes Nichts, das auch der Name Jackie Chan nicht retten kann. Alles hat man irgendwie schon mal besser gesehen, egal ob mit oder ohne Jackie Chan. Der Mythos ist, wenn auch recht teuer produzierte, Massenware ohne Tiefgang, mit niedrigem Unterhaltungswert und so langweilig wie der Titel. Nicht einmal Chan-Fans können hier richtig auf ihre Kosten kommen. Wenigstens die Titelballade »Mei Li De Shen Hua«, die Jackie Chan mit Kim Hee-Seon singt, ist wirklich ganz nett geworden.

© Shaoshi, 30. November 2008
2/10

神話 | San Wa
Hongkong • 2005 • 116 Min. • FSK 16 • Abenteuerkomödie
Alternativtitel | The Myth
Regie | Stanley Tong Gwai-Lai
Drehbuch | Stanley Tong Gwai-Lai, Wang Hui-Ling, Li Hai-Shu
Darsteller | Jackie Chan, Kim Hee-Seon, Tony Leung Kar-Fai, Mallika Sherawat, Sudhanshu Pandey

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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