Filmkritik | Hero (China / Hongkong, 2002)

HeroRegisseur Zhang Yimou, seines Zeichens aus der fünften Generation der chinesischen Filmemacher stammend, lieferte mit seinem bildgewaltigen Historienblockbuster Hero nicht nur den bis dato teuersten chinesischen Film ab (der erst 2008 mit John Woos Red Cliff kostenmäßig geschlagen wurde), sondern läutete nach Ang Lees Tiger & Dragon spätestens mit diesem Werk den Trend ein, aufgeblähte, optisch beeindruckende Filme für den Westen zu filmen. Mit dem vorliegenden Hero verdrehte Zhang Yimou aber noch zusätzlich ein relativ dunkles Kapitel der chinesischen Geschichte und sorgte so nicht nur international sondern auch beim heimischen Publikum für Kritik.

Seinen Film Hero siedelt Zhang Yimou weit zurück in der Vergangenheit an, in der Zeit der streitenden Reiche nämlich, als China in sieben Reiche geteilt ist, die ein Machtgieriger aus dem Reiche Qin einen möchte. Und genau dieser brutale König Qin, der in den Geschichtsbüchern als Qin Shi Huang tatsächlich zum ersten Kaiser eines vereinigten Chinas wurde, ist in Hero eine wichtige Figur, die dank des Handlungsverlaufs jedoch zur (viel zu positiv dargestellten) Nebenfigur verkommt. Die Handlung fokussiert sich nämlich mehr auf das Treiben von drei bzw. vier Attentätern, die den Kaiser in spe gern tot sehen möchten oder eventuell dann doch lieber nicht. Hier hält sich Zhang Yimou dann auch nur rudimentär an die historischen Fakten und macht aus dem tatsächlichen Attentäter Jing Ke den Namenlosen (Jet Li), der König Qin (Cheng Dao Ming) in seinem Palast besucht, um ihm mitzuteilen, er habe die drei höchst gefährlichen Attentäter Zerbrochenes Schwert (Tony Leung), Fliegender Schnee (Maggie Cheung) und Weiter Himmel (Donnie Yen) beseitigt. Zur Untermauerung des Wahrheitsgehalts seiner Aussage zeigt der Namenlose die Schwerter der toten Attentäter vor und möchte den Hergang ihrer Ermordung durch verschiedene Lügengeschichten plausibel erläutern, scheitert letztendlich aber an der Intelligenz des harten wie paranoiden Königs Qin, der bei der Inszenierung der verschiedenen Erzählperspektiven auch noch ein Wörtchen mitreden möchte.

Die Erzählungen des Namenlosen sind der eigentliche Aufhänger in Hero. Jet Lis Besuch im kühlen, düsteren Palast des Königs ist lediglich Rahmenhandlung, die die bunten, visuell beeindruckenden Sequenzen aneinander hält. Durch diese Erzählsprünge und das Auftischen diverser Lügengeschichten in der ersten Stunde krankt Hero allerdings nicht nur am Fehlen einer konsequenten Handlung sondern auch am Fehlen von Personencharakterisierung und der damit eigentlich einhergehenden emotionalen Bindung des Zuschauers an die Figuren. Überhaupt verhalten sich die Figuren in jeder Erzählsequenz zu distanziert, zu wetterwendisch und viel kühl, so dass trotz Tränen, Toten und einer Bettszene keine Emotionen wachgerüttelt werden—weder diesseits noch jenseits der Mattscheibe.

Zhang Yimou setzt bei seiner Inszenierung außerdem auf ein sehr langsames Voranschreiten der Geschichte. Selbst die gut choreographierten Schwertkampfszenen verlieren da an Rasanz und Härte, wenn die Kämpfer zu wunderschöner, meditativer Guqin-Musik in Zeitlupe durch den Regen wirbeln. Fürs Auge und auch fürs Ohr macht das was her, doch dürften hier nur die geduldigen Zuschauer befriedigt werden. In ästhetischen Bildkompositionen ist jede Erzählperspektive einer bestimmten Farbe zugeordnet. So ist eine Sequenz ganz in Rot, die anderen wiederum in Blau, Grün oder Weiß gehalten. Süffisante Farben, Zeitlupen, weite ausgefallene Landschaften und tolle Kameraeinstellungen sind wunderbar anzusehen. Da wirbeln rotgewandete Kämpferinnen durchs tanzende gelbe Herbstlaub, grüne Stoffbahnen ergießen sich wie Wasser auf den Boden, man steht sich distanziert im hellen Wüstensand gegenüber, während der Wind an schneeweißen Gewändern zerrt. Diese poetische Bildersprache wird noch ergänzt durch einen superben Score von Tan Dun und—leider weniger gelungen—durch die teils abgehobenen Kämpfe, bei denen die Kämpfenden wie selbstverständlich durch die Lüfte gleiten, übers Wasser tanzen oder in völlig unrealistischen Posen herumwirbeln oder an Balken hängen. Dieses realitätsferne Figurenballett ist leider etwas zu viel in der Geschichte, die in einer Zeit spielt, in der in Massenszenen schwergepanzerte Soldaten tonnenweise Pfeile verschießen. Etwas mehr Bodenständigkeit hätte der Thematik hier vermutlich besser getan.

Auch die Figuren haben es nicht einfach. Jet Li ist in seiner Rolle als Namenloser viel zu steif und somit weder linkisch noch heldenhaft sondern nur ziemlich öde. Zhang Ziyi als trotzige Dienerin von Zerbrochenes Schwert hingegen ist viel zu hitzköpfig und außerdem, mal ganz ehrlich, eher überflüssig. Im Gegensatz zu ihr wirken die großen Stars Tony Leung und Maggie Cheung irgendwie matt und lustlos und Donnie Yen hat als weiterer Attentäter im Bunde im Grunde nur einen etwas größeren Cameo-Auftritt. Einzig Cheng Dao Ming passt perfekt in seine Rolle als König Qin, nur stellt ihn Zhang Yimous Drehbuch als den wahren Helden da und verzerrt die Geschichte noch viel mehr. Zudem fördert der Kaiser in spe (sowie Zebrochenes Schwert) auch noch eine mehr als fragwürdige Ideologie zu Tage, die für viel Diskussion unter internationalen Kritikern gesorgt hat.

Wer sich an der Ideologie, die einem rückwirkend durchaus den ganzen Film versauen könnte, nicht stört—immerhin erzählt Hero ja irgendwie auch ein historisches Ereignis, das man sich kaum schöner reden kann als es Zhang Yimou sowieso schon inszeniert hat—der bekommt einen teuer produzierten, pseudo-philosophischen Streifen voller farbenprächtiger Bildkompositionen und einem ebenso tollen Soundtrack zu sehen. Der Geschichte, die so gemächlich voranschreitet, dass einem die kurze Spielzeit leider gut doppelt so lange vorkommt, fehlen allerdings die Emotionen und gute Personencharakterisierung. Man kann sich an dem unterkühlten wie meditativen Hero durchaus erfreuen, muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass man eine gehörige Portion Geduld mitbringen muss. Als Unterhaltungsfilm ist der teilweise etwas abgehobene Hero somit etwas eingeschränkt durchaus zu empfehlen, als glaubwürdiger Historienfilm ist er dank Zhang Yimous Drehbuch allerdings nicht zu gebrauchen. Soll er vermutlich aber auch gar nicht.

© Shaoshi, 11. November 2009
6/10

英雄 | Yingxiong
China | Hongkong • 2002 • 105 Min. • FSK 12 • Historienfilm
Regie | Zhang Yimou
Drehbuch | Zhang Yimou
Kamera | Christopher Doyle
Darsteller | Jet Li Lian-Jie, Tony Leung Chiu-Wai, Maggie Cheung Man-Yuk, Zhang Ziyi, Chen Dao Ming, Donnie Yen Chi-Dan, Liu Zhong Yuan, Zheng Tian Yong, Qin Yan, Chang Xiao Yang, Zhang Ya Kun, Ma Wen Hua, Jin Ming, Xu Kuang Hua, Wang Shou Xin, Hei Zi, Cao Hua, Li Le, Xia Bin, Peng Qiang, Liu Jie, Zhang Yi

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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