Filmkritik | Running Out Of Time (Hongkong, 1999)

Running Out Of TimeEs gibt sie, diese Filme, die man sieht und hinterher denkt: »Ab jetzt möchte ich nur noch Hongkong-Filme sehen!« Johnnie Tos brillianter Thriller Running Out Of Time ist einer dieser Filme, die selbst beim zehnten Mal Sehen nichts von ihrem Glanz verlieren. Die Story an sich ist dabei eher schlicht:

Der todkranke Gangster Wah (Andy Lau) hat nur noch wenige Wochen zu leben und somit nichts mehr zu verlieren. Er inszeniert seinen letzten großen Coup und möchte 72 Stunden lang mit dem eigensinnigen Inspector Ho (Lau Ching-Wan) ein Katz-und-Maus-Spiel spielen, auf das Ho—ihm bleibt ja nichts anderes übrig—prompt eingeht.

Regisseur Johnnie To versteht es meisterhaft, der kleinen Geschichten Leben einzuhauchen und etwas Besonderes aus ihr zu machen. Aus der natürlichen Feindschaft zwischen Inspector Ho und dem Gangster Wah entwickelt sich fast schon so etwas wie eine Freundschaft, und das, obwohl sie doch auf verschiedenen Seiten stehen. Allerdings sind diese längst nicht so banal abgegrenzt wie man vielleicht meinen würde—immer wieder einmal müssen die beiden als Team agieren, um gegen weitere Gangster anzustinken, immer wieder einmal ist in brenzligen Situationen der eine auf den anderen angewiesen. So bietet Running Out Of Time stets intelligente Wendungen, was für konstante Spannung und Interesse beim Zuschauer sorgt. Johnnie To setzt dabei auf einen superben Score und ebenso ansprechende Hochglanzoptik mit viel Schwarz, Grau und Glanz und stimmungsvollen Nachtszenen. Freilich wird der Bogen das ein oder andere Mal überspannt, wenn etwa Wah durch fusselfreie, spiegelnde Lüftungsschächte kriecht, aber die Optik macht etwas her. Johnnie Tos absolut geniale Regiearbeit bedient sich eleganter Bilder und toller Schnitte und ist übrigens weit weniger rasant als man erwartet hätte. So bekommt Running Out Of Time stellenweise fast schon etwas Meditatives, etwa wenn sich Wah bei einer Straßensperre im Bus zur Tarnung an eine Mitfahrerin (Yoyo Mung) kuschelt, die immer wieder einmal im Film auftaucht, und eine zarte Liebesgeschichte andeutet, die in ihrer Inszenierung so wunderbar ist, obwohl eine Liebesgeschichte in einem Thriller wie diesem normalerweise absolut fehl am Platze gewesen wäre.

Neben Johnnie Tos klasse Regiearbeit und dem ebenso raffinierten Script von Laurent Courtiaud sind auch sämtliche Darsteller zu loben. Lau Ching-Wan als zwar etwas griesgrämiger, aber durchaus sympathischer Inspector Ho, der gern die Zügel in der Hand hätte, doch immer wieder auf die Mithilfe des Gangsters angewiesen ist, ist einfach perfekt. Er haucht seiner Figur, von der wir im Grunde doch recht wenig erfahren, ein Leben ein, als könnte man ihm tatsächlich jederzeit in Hongkong über den Weg laufen. Andy Lau liefert mit seiner sensibel porträtierten Rolle als todkranker Gangster seine vielleicht beste schauspielerische Leistung überhaupt ab. So reserviert und gerissen gibt er eine tolle tragische Figur ab, die zwar trotz des Krebses im Endstadium etwas zu gesund und frisch aussieht, aber einfach gefangen nimmt. Auch in den Nebenrollen stimmt es. Das ewige Maulwurfsgesicht Hui Siu-Hung spielt mit Hingabe den zickigen Vorgesetzten Hos, weshalb sich die beiden gern mal in die Wolle geraten und dabei sogar noch für einige Schmunzler sorgen. Auch Lam Suet geht in seiner kleinen Rolle als etwas schusseliger Gangster voll auf, während Waise Lee als glatzköpfiger Gangster leider ein wenig austauschbar bleibt. Hervorzuheben wäre außerdem noch Yoyo Mungs winzige Rolle als die Frau im Bus, die sie in der wenigen Screenzeit von vielleicht fünf Minuten so intensiv spielt, dass man meint, sie hätte eine unglaublich gewichtige Rolle im Film.

Freilich sollte man sich nicht zu sehr auf die Logik konzentrieren. Im Grunde verläuft die Plot oft etwas zu glatt und Inspector Ho, der zwar immer wieder einmal die Gelegenheit hat den Gangster festzunehmen, lässt diese Momente ungenutzt verstreichen. Doch all das stößt bei Running Out Of Time kein bisschen negativ auf, zu perfekt ist der ganze Film. Wer bombastische Schießereien oder gar Explosionen erwartet, sollte sich etwas anderes ansehen. In Running Out Of Time geht es nicht um Action sondern um Spannung und Emotionen, und die sind erfreulicherweise bis zum absolut stimmigen Ende präsent.

Mit Johnnie Tos relativ ruhigem Katz-und-Maus-Spiel fühlt man sich rundherum gut bedient. Die Spannung zieht sich von vorn bis hinten durch den Film; intelligente Wendungen im Handlungsverlauf und zwei tolle Hauptdarsteller erfreuen im optisch absolut ansprechenden Thriller, der durchaus auch mal leisere Töne anschlägt und herrlich intensiv ist. Selten trifft man auf einen Streifen, der so rundherum gelungen ist wie Running Out Of Time. Absoluter Pflichtstoff.

© Shaoshi, 1. November 2009
10/10

暗戰 | An Zhan
Hongkong • 1999 • 90 Min. • FSK 16 • Thriller
Produzent | Johnnie To Kei-Fung
Regie | Johnnie To Kei-Fung
Drehbuch | Yau Nai-Hoi, Julien Carbon, Laurent Courtiaud
Darsteller | Lau Ching-Wan, Andy Lau Tak-Wah, Hui Siu-Hung, Lam Suet, Waise Lee Chi-Hung, Yoyo Mung Ka-Wai, Ruby Wong Cheuk-Ling

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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