Film | Singapur Queens (Singapur, 2007)

Singapur QueensWenn einmal im Jahr die Geister ins Reich der Lebenden kommen, verwandelt sich Singapur in ein schrilles Tollhaus. Denn die Geister wollen mit Musik unterhalten werden. Unsere Singapur Queens, die Papaya-Schwestern, legen sich also mächtig ins Zeug, um sich mit pompösen Auftritten ein bisschen Geld zu verdienen. Denn das haben sie bitter nötig. Ein bisschen Ruhm wäre nebenbei auch nicht schlecht. Doch den wollen natürlich auch andere Show-Acts.

Singapur Queens
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Im siebten Monat des Mondkalenders verwandelt sich Singapur jedes Jahr in ein Tollhaus. Überall auf den Straßen sind Open-Air-Bühnen aufgebaut und schrill gekleidete Sänger und Sängerinnen unterhalten täglich die Massen mit ihren Performances.

Dieses Spektakel, das sich einer langen Tradition erfreut, nennt man Getai (wörtlich »Gesangsbühne«). Dem Glaube nach wandeln im siebten Mondmonat die Geister der Verstorbenen auf der Erde. Um diese zu besänftigen und zu unterhalten entwickelte man einst die Getai. Führte man damals noch klassische chinesische Opern auf, sind es heute kitschige Dance-, Schlager- und Techno-Musik, welche die Sänger mit pompösen Auftritten zum Besten geben. Die besten Sänger erlangen Ruhm und Beliebtheit — und dafür würden viele Menschen bekanntlich alles tun. So viel zum Hintergrund von Singapur Queens.

Auch die beiden Schwurschwestern Big Papaya (Yann Yann Yeo) und Little Papaya (Mindee Ong) würden gern zur Getai-Prominenz gehören und trainieren dafür fleißig. Big Papaya, die Stress mit ihrer Mutter hat, und Little Papaya, die an einer tödlichen Krankheit leidet, bekommen zum Glück Unterstützung von der lauten Tante Ling (Ling Ling Liu), die sich der Getai-Szene sehr verbunden fühlt, und ihrem taubstummen Sohn Guan Yin (Yuwei Qi).

Bald werden die Papaya Sisters, wie sich die beiden nennen, gefeierte Sängerinnen, doch ist nicht alles Gold was glänzt. Für gerade mal 20 Singapurdollar pro Song müssen die beiden jeden Abend von Bühne zu Bühne hetzen und haben starke Konkurrenz. In der Getai-Szene herrscht das Gesetz »wer zuerst kommt, mahlt zuerst« und neuerdings sind es die überheblichen Durian Sisters (MTV-VJs May Wan Teh und Choy Wan Teh), die unseren beiden Freundinnen ständig zuvorkommen.

Gut, storytechnisch ist das nicht viel. Zieht man die ganzen Lieder ab, die hier so zum Besten gegeben werden, weg, dürften von den rund 115 Minuten vielleicht zwanzig gesangsfreie Minuten übrig bleiben. Da ist nicht viel Zeit für eine komplexe Handlung, Dramatik, Romantik oder was ein Film normalerweise sonst so hat. Aber daran hat so ziemlich jeder Musik/Tanzfilm zu knabbern, weshalb diese Schwäche bei Singapur Queens nicht ganz so negativ auffällt wie man meinen könnte. In Ansätzen ist ja schließlich alles vorhanden — schlechte Familienverhältnisse, Waisen, ein Taubstummer und eine tödliche Krankheit, Menschen ohne Träume und Menschen, deren Sternstunde längst verglüht ist.

Viele der Figuren sind tragikomisch angelegt wie etwa der taubstumme Guan Yin, der ständig von seiner Mutter heruntergeputzt wird und auch sonst einen einfältigen Eindruck macht, der aber eigentlich ein herzensguter Mensch ist, die Papaya Sisters selbstlos von Bühne zu Bühne chauffiert und eine sehr innige Beziehung zu einem verhätschelten weißen Hahn hegt.

Neben ihm glänzt vor allem Tante Ling mit viel mehr Präsenz als ihre Nebenrolle eigentlich erlauben würde. Im echten Leben selbst ein Getai-Star spielt sie hier eine stark mit der Getai-Szene verbundene alternde Frau und in einer Doppelrolle gleich die Göttin des Getai, die von den Papaya Sisters regelmäßig aufgesucht und um Beistand gebeten wird.

Die Papaya Sisters selbst bleiben dagegen merkwürdig blass. Zwar schreibt man beiden so ihre Probleme zu und bereitet in einer kreativen Eingangssequenz ihren Werdegang auf, doch ist das zu wenig. Gewiss, auf der Bühne verwandeln sie sich in schillernde, souveräne und lebensbejahende Frauen, doch in ihrer Freizeit sind die Mädchen ungeschminkte ruhige Gesellinnen, die zwar viel für ihre Getai-Auftritte trainieren, sonst aber nur schweigsam und zigarettenrauchend in der Gegend herumsitzen. Selbst Guan Yin, der die Geschichte aus dem Off erzählt, merkt gerne an, »wie laut ihr Schweigen manchmal ist«.

In ein zwei Szenen ist das ja okay, aber auf Dauer macht es den Film etwas zäh, zumal man auch nie das Gefühl hat, die beiden Mädchen hätten einen sonderlich interessanten, dreidimensionalen Charakter. Sie lieben sich innig und Little Papayas schleichender körperlicher Verfall wird dann vor allem zum Gegenstand des letzten Filmdrittels, aber für Hauptfiguren sind die Mädchen nicht interessant genug.

Ausgelegt ist Singapur Queens als Komödie, die mit Wortwitz (der im Deutschen ziemlich verloren geht), ein bisschen Situationskomik und skurillen Nebenfiguren aufwartet. Auch der Kampf zwischen den Papaya Sisters und den Durian Sisters, der in einem elektrisierenden Finale gipfelt, macht Spaß. Zwar ist extremster Zickenterror vorprogrammiert, aber ist es ist schön, dass man hier kein Blatt vor den Mund nimmt. In ihren aufwändigen Kostümen gehen sich die Obstmädels schon mal an die Gurgel oder werfen mit recht ordinären Worten um sich.

Im Laufe des Films zieht sich die Komik allerdings zugunsten des Dramas zurück, wenn Little Papayas Krankheit unaufhaltsam ihren Körper zerfrisst, und man kann froh sein, dass dies mit relativ wenigen Worten vonstatten geht. Die deutsche Synchronisation ist nämlich zum Davonlaufen, stümpern hier doch teils die gleichen Sprecher, die schon manch schlechte Animé-Synchronisation zu verantworten haben. So dermaßen lustlos und drittklassig wie hier an die Sache gegangen wird, ist es wirklich eine Frechheit.

Zum Glück beging man also nicht das Kardinalverbrechen und deutschte auch die Songs ein. Die sind glücklicherweise im Original beibehalten worden und klingen trotz der billigen Klänge und eingängigen Melodien auf überwiegend Hokkien gesungen einfach exotisch und hypnotisierend. Auch wenn man in seiner Freizeit solch kitschige Partymusik niemals freiwillig hören würde (oder es zumindest nicht zugeben würde), so lassen sich die Songs im Film doch gut dulden.

Im Grunde bereichert die Musik den Film ungemein, zeigt dadurch eindrucksvoll ein Stück Singapur’sche Kultur, für das man den Staat normalerweise gern belächeln würde. Im Film aber passt das gut zusammen, zumal man auch optisch einige Schmankerl liefert. Die ständig wechselnden Kostüme der Sängerinnen sind phantasie- und liebevoll designt. Knallige Farben, viel Glitzer, Gold und Federn — wer das nicht ertragen kann, sollte besser wegsehen. Wer sich an ausgefallen schillernden Kostümen, die teils dem Karneval in Rio in nichts nachstehen, laben möchte, der ist hier genau richtig. Egal ob Indianer, Ägypter, Japaner oder Schmetterling — die Mädels machen in jedem Kostüm eine gute Figur. Allerdings auch eine, die vor Kitsch nur so trieft.

Fazit

Singapur Queens ist also eine zwiespältige Sache. Wer es exotisch und kitschig mag, ist hier richtig. Wer die Getai-Szene kennt, darf sich gleich doppelt freuen: neben unzählig vielen Songs und pompösen Kostümen treten auch einige Getai-Prominente in Cameo-Rollen auf.

Trotzdem dürfte es ziemlich schwer sein, in Deutschland eine begeisterte Zielgruppe für Singapur Queens zu finden. Auf »Chinesenmusik« will man dort ja eher ungern stehen und wenn sich das Ganze wie im Film dann auf primitiven Schlager mit Dance-Anleihen konzentriert, ist schon fraglich, wer sich das gerne zwei Stunden lang antun möchte.

Es verwundert also nicht, dass der so überraschend in Deutschland ausgewertete Musikfilm ziemlich unbekannt sein dürfte, in Singapur hingegen ein kommerzieller Erfolg war. Wer offen für anderes ist, der sollte mal reinschauen. Singapur Queens ist zwar kein Film, der in die Tiefe geht, aber er unterhält trotz teilweise zu zielloser Regie ganz gut und zeigt ein schillerndes Stück Singapur, das man so wohl noch nicht kennt. Man sollte den Film aber unbedingt im Original ansehen, denn die erbärmliche deutsche Synchronisation ist eine Zumutung, die den Film ins absolut falsche Licht zerrt.

© Shaoshi, 27. August 2011
5/10

Und wie gefällt Euch der Film?

 

881
Singapur • 2007 • 115 Min • Musikfilm
Regie | Royston Tan
Darsteller | Mindee Ong, Yann Yann Yeo, Yuwu Qi, Ling Ling Liu, Kelvin Chen, May Wan Teh, Choy Wan Teh, Ru Ping Lin, Johnny Ng, Lei Wang, Karen Lim, Kimberly Chia, Steve Lee, Jonathan Lim, Li Lin

Cover-Quelle: movie.douban.com

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