Filmkritik | 6 AM (Hongkong, 2004)

6 AMNicht nur in Hongkong ist es als Sänger eine einfache Einnahmequelle, nebenbei noch zu schauspielern, sobald man sich einen Namen gemacht hat. So wohl auch geschehen beim (inzwischen aufgelösten) Duo Boy’z, dessen beide Mitglieder Steven Cheung und Kenny Kwan die Hauptrollen in 6 AM innehaben.

Dabei bekleiden sie die Rollen der beiden schulschwänzenden Loser Noodle und Bowl, die das Girlduo Twins (Gillian Chung, Charlene Choi) anhimmeln und auch sonst eher zurückgeblieben agieren. Als der kleine Gangsterboss Ganker nicht mit nur drei übriggebliebenen Hanseln seiner Gang beim großen Triadentreffen eintreffen will, castet er sich flugs einen Haufen Statisten zusammen, unter denen sich auch Noodle und Bowl befinden. Nach einer kurzen Umstyleaktion im gemieteten Reisebus sehen die beiden Loser mit ihren Gangsterklamotten und Rubbeltattoos immer noch wie Loser aus, aber finden sich schon bald inmitten eines riesigen Gangsterhaufens wieder. Der oberste Boss will jemanden aus seiner Truppe auf die Mission schicken, dem Gangster Serprent um 6 Uhr in der Früh eine Hand abzuhacken. Per Losverfahren werden logischerweise Noodle und Bowl ausgewählt, die mit einem Batzen Geld in der Tasche als Vorauszahlung auf die Straße geschickt werden.

Was durchaus mit einer absurden Idee und ganz ansehnlich beginnt, lässt bei 6 AM leider bald etwas nach. Denn bis 6 Uhr ist noch viel Zeit und die beiden Kumpels sind erst einmal die halbe Nacht damit beschäftigt, Geld auszugeben, nachdem sie sich ihrem unausweichlichen Schicksal ergeben haben. Immer wieder landen sie zufällig im selben Taxi (der Fahrer ist Law Kar-Ying in einer Nebenrolle, bei der man sich gewünscht hätte, sie hätte mehr Gewicht im Film), parodieren auf gekonnte Art und Weise in künstlicher Zeitlupe die God Of Gambler-Filme, haben einen überflüssigen Filmdreh mit dem Girls-Superstar-Duo Twins (Gillian Chung, Charlene Choi), bewahren nebenbei Noodles Schwester Candy vor dem Selbstmord, spielen Polizisten und finden sich am Schluss pünktlich in der Gasse ein, in der sie Serpent die Hand abhacken sollen—das Messer liegt schon unauffällig in Zeitung gewickelt bereit.

Das konstante Overacting oder besser fehlende Schauspieltalent der beiden leicht hyperaktiven Hauptdarsteller kann mitunter nerven. Auch der oberste Triadenboss mit seinem Faible für schlechtes Karaoke und der Mission, mal ein paar Wochen lang zu allen nett zu sein, kann den Zuschauer ganz schön strapazieren. Dafür wird ihm aber auch nur wenig Screentime zugestanden, was auch für die meisten anderen Nebenfiguren im Film gilt. Dass man auf der DVD groß mit dem Namen der Twins wirbt, ist ein fieser Köder, zumal die beiden Sängerinnen hier nur völlig überflüssige Cameo-Rollen als Schauspielerinnen in einem Kostümdrama haben, was den Film unnötig zieht.

Trotzdem ist 6 AM nicht langweilig. Das Finale ist zwar ziemlich unspektakular und wird wie erwartet harmlos aufgelöst, doch dazwischen gibt es ein paar witzige Einfälle, mitunter auch mal was Besinnliches. Eine angreifende Katze, schräge Möchtegerngangster, die grüne Froschunterhose eines Polizisten, dessen Uniform Noodle und Bowl entwenden, Seitenhiebe auf andere Filme und doofe Fantasien der beiden Hauptfiguren sind durchaus unterhaltsam, auch wenn die Gags nicht immer zünden oder einfach zu überdreht wirken, etwa wenn die beiden ihre Gesichter dümmlich gegen Fensterscheiben drücken.

Nach einem originellen Anfang kommt 6 AM rasch in Fahrt, aber flacht ebenso schnell wieder ab, da der Mittelteil überhaupt keine Handlung aufweist und nur von einer Szene in die nächste übergeht, von denen nicht alle nötig gewesen wären und viele einfach zu überzogen unrealistisch sind (wie etwa das Überwältigen eines Polizisten auf einer öffentlichen Toilette).

6 AM unterhält also ganz gut, aber nicht ganz konsequent. Für Fans der Boy’z durchaus ein Muss, ist der Film sonst eher Mittelmaß, der sich an eine jugendliche Zielgruppe richtet und zwar nicht langweilt, aber auch nicht auf ganzer Linie überzeugen kann. Man hätte sich eigentlich mehr erhofft.

© Shaoshi, 9. Dezember 2008
6/10

大無謂 | Da Wu Wei
Hongkong • 2004 • 90 Min. • Komödie
Regie | Adrian Kwan Shun-Fai
Drehbuch | Tsang Kann-Cheung
Darsteller | Kenny Kwan, Steven Cheung, Ray Lui Leung-Wai, Gillian Chung Yan-Tung, Charlene Choi Cheuk-Yin, Michael Chan, Law Kar-Ying, Woo Fung, Lau Shun, Wong Ying-Kit, Cheung Tat-Ming, Tats Lau Yi-Tat

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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