Filmkritik | Spion wider Willen (Hongkong / Türkei, 2001)

Spion wider WillenEigentlich sollte man sich ja freuen, wenn Jackie Chan statt in einer Hollywood-Actionkomödie zur Abwechslung mal wieder in einem Hongkong-Film mitspielt. Ein bisschen hofft man ja doch immer wieder auf (zumindest ansatzweise so gute) Unterhaltung wie zu Police Story-Zeiten, und das, obwohl man weiß, dass Jackie Chans Filme nie wieder einen solchen Schauwert besitzen werden. Alt wird er langsam, das beweist Chan im 2001 entstandenen Spion wider Willen; mit der Akrobatik und den Stunts klappt es mit einigen Abstrichen aber noch ganz gut. Trotzdem hat man schon Spektakuläreres gesehen.

Jackie Chan spielt man wieder den »Typen von Nebenan«, der in den internationalen Fassungen auf den schönen Namen Jackie Chan hört und sein recht unspektakuläres Dasein als Fitnessgeräteverkäufer fristet. Jackie ist natürlich trotzdem ein topfitter Bursche. Nicht nur, wenn es darum geht, die Geräte seinen Kunden zu präsentieren, auch wenn im Einkaufszentrum ein Banküberfall stattfindet, spielt er sich gern mal zum Helden auf. Als der im Waisenhaus aufgewachsene Jackie kurz darauf von einer vermeintlichen Reporterin aus Korea (Kim Min-Jeong) um Hilfe gebeten wird, geht seine Reise in ebendies Land, wo sein potentieller Vater in Form eines sterbenden Doppelagenten noch auf dem Totenbett eine Schnitzeljagd für den versprengten Sprössling organisiert hat. Diese Schnitzeljagd, die sich Handlung schimpft, führt schnell weiter zu einem Bankkonto in die Türkei, wo Jackie bald von den üblichen Anhängseln wie Geheimagenten und bösen Buben geplagt wird—und die haben es seltsamerweise nicht auf den Koffer voll Geld abgesehen, den Jackie neuerdings mit sich führt.

Schauplatzwechsel und exotische Orte taten schon jedem Agentenfilm (und so manchem Chan-Film) gut, weil das dem Film ohne weiteres Zutun Gewicht und Größe verleiht, thematisiert er so doch etwas von vermeintlich internationalem Belang. Bei Spion wider Willen gibt es deshalb ein kurzes Intermezzo in Korea, wo Land und Leute gleichermaßen eisig sind, und eine dominierende Episode in der Türkei, wo sich Militantengrüppchen gern gegenseitig in sengender Hitze die Hintern wegballern. Im Grunde dreht sich aber alles um Drogen, mit denen sich der Oberbösewicht (Wu Xing-Guo) längst die schöne Yong (Vivian Hsu) gefügig gemacht hat.

Spion wider Willen ist eine klassische Ein-Mann-Show, zumal auch die Frauenrollen absolut nebensächlich, blass und vor allem Chan-Film-untypisch erträglich bleiben. Platz für Emotionen gibt es auch keine, obwohl Vivian Hsus tragische Rolle als drogenabhängige Frau durchaus auf welche schließen ließe. Auffallend ist auch, dass sich der Humor recht zurückhält. Wo es natürlich schon mal kleineren Jackie Chan-Klamauk zu sehen gibt, bleibt die Schnitzeljagd um den brisanten MacGuffin relativ ernst und bietet sogar einige Schießereien. Was den Film auf einen mittelmäßigen Actionfilm herunterschraubt. Die Action ist stellenweise dünn gesät und vor allem nicht sonderlich interessant choreographiert. Auch Jackie Chans Akrobatikeinlagen sind alles andere als sehenswert. Überhaupt scheint der Mann hier seinen jugendlichen Charme verloren zu haben, was den Film ziemlich farblos, um nicht zu sagen drittklassig erscheinen lässt.

Hinzu kommt noch, dass die wirr erzählte Handlung eigentlich schon zwanzig Minuten vor Schluss aufhört, doch weil noch keine bahnbrechende Action zu sehen war und auch noch nichts explodiert ist, entschließt sich Jackie noch schnell dazu eine ganze Familie aus einem brennenden Tanklaster zu retten, der Speed-mäßig nicht langsamer fahren darf und von Jackie selbstredend durch Märkte und Baustellen gelenkt wird, wo natürlich so einiges zu Bruch geht.

Ein klassischer Hongkong-Film ist Spion wider Willen nicht. Zwar besteht der wichtigste Teil der Mitarbeiter vor wie hinter der Kamera aus Chinesen, doch der westliche Einfluss schlägt sich sehr plakativ nieder. Da hilft auch kein Eric Tsang in einer Minirolle als seltsamer Agent oder Wu Xing-Guo als ebenso wenig präsenter Bösewicht. Man glaubt ständig eine US-Produktion vor Augen zu haben. Außerdem hat Jackie Chan mit dem Alter nicht nur seine Wendigkeit sondern offensichtlich auch seinen Charme eingebüßt, was dem Film mit seinen uninspirierten Actionszenen nicht gerade gut tut. Zuletzt ist auch die Handlung teilweise ganz schön wirr bis einschläfernd, so dass beim Zuschauer kein richtiges Interesse entflammen kann. Jackie Chan hat einfach schon mal besser unterhalten.

© Shaoshi, 31. August 2010
3/10

特務迷城 | Dak Miu Mai Shing
Hongkong | Türkei • 2001 • 83 Min. • FSK 16 • Actionkomödie
Produzent | Jackie Chan
Regie | Teddy Chan Tak-Sum
Drehbuch | Ivy Ho
Darsteller | Jackie Chan, Vivian Hsu, Eric Tsang Chi-Wai, Kim Min-Jeong, Wu Xing-Guo, Scott Adkins, Cheung Tat-Ming, Bradley James Allan, Alfred Cheung

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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