Filmkritik | My Sassy Girl (Südkorea, 2001)

My Sassy GirlWenn einem Film ein besonders guter Ruf vorauseilt, soll man ja bekanntlich lieber vorsichtig sein. Oft entpuppt sich der Streifen dann als Mogelpackung oder kann die inzwischen astronomisch hohen Ansprüche des Zuschauers beim besten Willen nicht erfüllen. Auch bei der südkoreanischen Kultkomödie My Sassy Girl schlägt dieses Phänomen um sich. Was einst als Blog-Einträge, die teilweise auf wahren Begebenheiten beruhen sollen, begann, versetzte die Koreaner bald so in Euphorie, dass man die Erlebnisse des jungen Blog-Schreibers einfach unter dem Titel My Sassy Girl verfilmte—woraufhin die ekstatischen Koreaner den heimischen Lichtspielhäusern reihenweise die Türen einrannten. Und so schwappte der Erfolg schließlich bis zu uns in den Westen, wo unlängst das amerikanische Remake mit demselben Titel in den DVD-Regalen verstaubt ist. Das koreanische Original teilt ein weniger trauriges Schicksal, wenn es seinem extrem guten Ruf auch nicht ganz gerecht werden kann.

Und um was geht’s? Um zwei verliebte Studenten, die ihre Liebe rein platonisch ausleben. Womit eigentlich schon fast alles gesagt wäre. Dass man die ca. 138 Minuten Laufzeit in so wenige Worte fassen kann, stimmt nachdenklich, weshalb der Plot hier nun noch etwas genauer erläutert werden soll. Der Durchschnittsstudent Gyun-Woo (Cha Tae-Hyun) nimmt sich eines Nachts in der U-Bahn eines sturzbetrunkenen fahrgastankotzenden Mädchens (Jeun Jee-Hyun) an, das er so schnell nicht wieder loswerden soll. Nicht nur ist die Komilitonin cholerisch und extrem in jedem Charakterzug, sondern leidet hinter der teils etwas rauen aber hübschen Fassade unter den Nachwirkungen einer verlorenen Beziehung. Gyun-Woo macht es sich von nun an zur Aufgabe, für das namenlose Mädel dazusein. Schnell werden die beiden unzertrennlich und was als platonische Freundschaft beginnt, endet ganz zuletzt dann doch noch mit der wohlverdienten Liebe.

My Sassy Girl wird durchaus lässig und schwungvoll eingeleitet. Vielversprechend, sozusagen. Leider versandet das zunehmends in wahllos aneinandergereihten Episoden, was vom banalen Dialog, witzigen Schuhtauschaktionen bis hin zur (arg überzogenen bis beinahe kitschigen) Geiselnahme im Vergnügungspark reichen kann. Zwei Stunden durchleben Gyun-Woo und die Namenlose also das Auf und Ab des unbedarften Studentenalltags, mit dem sich sicher so manch junger Zuschauer identifizieren kann. Die Figuren sind durchaus rund aber oberflächlich und manchmal (vor allem in Bezug auf Jeun Jee-Hyuns Rolle) fast schon ein wenig zu aufgesetzt verrückt profiliert. Storybedingt bleiben zwischen den beiden dann auch die ganz großen Gefühle aus. Zwar entwickelt das Pärchen irgendwann durchaus eine ganz eigene Chemie, aber eben nicht das, was man in einer Romanze gewohnt ist. Das ist zwar einerseits erfrischend anders, andererseits aber wieder zu eintönig, wenn man die Laufzeit von über zwei Stunden und das Fehlen wichtiger Nebenpersonen bedenkt.My Sassy Girl konzentriert sich im Endeffekt zu stark auf die Beziehung zwischen den beiden Figuren, ohne dabei Nennenswertes aufs Celluloid zu bannen.

Auch mit dem Humor ist das so eine Sache. Entgegen vieler Meinungen—von denen manche My Sassy Girl schon als lustigsten Streifen der Filmgeschichte betitelt haben—bleiben die Brüller leider aus. Der Film wird zwar durchaus beschwingt erzählt und hat seine witzigen Momente, doch ist der Humor nur durchschnittlich und viel zu sporadisch gesät, um wirklich zum Brüllen komisch zu sein.

Allzu originell wird es übrigens auch nicht. My Sassy Girl hat zwar definitiv einige gute Ideen parat, aber Einfälle, wie die gegenseitig geschriebenen Briefe erst nach einer bestimmten Zeitspanne zu lesen, sind nicht gerade neu und auch das Happy End wirkt etwas zu konstruiert herbeigeführt, um den Film eine runde Sache werden zu lassen und ihm ein überraschendes Ende (was ja auch schon fast Standard ist im modernen Filmemachen) zu verpassen.

All das soll nun aber nicht heißen, dass My Sassy Girl schlecht wäre. Der Film unterhält größtenteils ganz gut, regt zum Schmunzeln an und bietet zwei sympathische Darsteller, wobei Cha Tae-Hyun glaubhaft den absoluten Durchschnittstypen verkörpert und Jeun Hee-Hyun etwas länger braucht, um mit ihrer teilweise etwas zu überzeichneten Rolle zu gefallen. Die Macher bemühen sich nach allen Regeln der Kunst, eine moderne, andersartige romantische Komödie an den Tag zu legen, hätten aber vermutlich besser getan, das Nichts an Handlung um einiges zu straffen (gut eine halbe Stunde könnte man ohne großen Verlust aus dem Film streichen) und sich nicht so viele Verschnaufspausen im Drehbuch zu gönnen. Das geschieht nämlich auf Kosten der Zuschauer, so dass man sich öfters das Ende herbeisehnt als es bei einer Komödie eigentlich der Fall sein sollte. Wer mit Überlänge, überflüssiger Szenen (etwa die Visualisierungen der Drehbuchszenen, an denen das Mädchen schreibt) und dem üblichen Hin und Her zweier Irgendwann-mal-Verliebten etwas anfangen kann, der sollte mit My Sassy Girl gut zurechtkommen. Die romantische Komödie ist zwar längst nicht so originell, lustig und gut wie ihr gängiger Ruf glauben macht, für Asien-Fans aber definitiv eine Empfehlung wert. Denn neben all seiner Schwächen hat der Film auch seine starken Momente.

© Shaoshi, 9. April 2010
7/10

엽기적인 그녀 | Yeopgijeogin Geunyeo
Südkorea • 2001 • 138 Min. • FSK 12 • Komödie
Regie | Kwak Jae-Yong
Drehbuch | Kwak Jae-Yong, Choi Seok-Min, Kim Ho-Sik
Darsteller | Jeun Jee-Hyun, Cha Tae-Hyun, Kim In-Moon, Song Ok-Sook, Han Jin-Hee, Hyeon Sook-Hee, Kim Il-Woo, Yoo Soon-Cheol, Seo Dong-Won, Lee Jae-Ho, Jo Kyeong-Hoon, Son Kwang-Eob, Jo Seon-Mook, Lee Jeong-Hak, Kim Yeong-Jun, Im Ho, Lee Moo-Yeong, Kim Cheol-Soo, Yang Geum-Seok, Yang Geum-Yong, Kim Tae-Hyeon, Kwak Jae-Yong

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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