Filmkritik | Tiger & Dragon (Hongkong / Taiwan / USA, 2000)

Tiger & DragonNichts ist wie es scheint—der im Originaltitel erwähnte zusammengekauerte Tiger und der versteckte Drache stehen im Grunde genau für diese Aussage. Im Deutschen jedoch zusammenrationalisiert bleibt bei dem mit Oscars überhäuften asiatischen Meisterwerk mit Staraufgebot ein schlichtes Tiger & Dragon übrig, das so viel weniger suggeriert als das Original—eigentlich gar nichts.

Wir befinden uns im frühen 19. Jahrhundert in China, also zur Zeit der letzten Dynastie Chinas, der Qing-Dynastie. Der gesetzlose Li Mu Bai (Chow Yun Fat) hat genug davon Menschenleben auszulöschen. Deshalb schenkt er sein kostbares, antikes Schwert einem Gouverneur, indem er es von seiner Freundin Yu Shu Lien (Michelle Yeoh) zu ihm bringen lässt. Als dem Gouverneur das Schwert aber gestohlen wird, führt die Spur zu Jade Fuchs (Cheng Pei Pei), einer alten Frau, die einst Li Mu Bais Lehrmeister aus dem Wutan-Kloster ermordet hat. Da sich Li Mu Bai ewige Rache geschworen hat, macht er sich auf, um Jade Fuchs zu töten. Yu Shu Lien hingegen weiß, dass Jade Fuchs das Schwert gar nicht gestohlen hat, sondern die Gouverneurs-Tochter Jen (Zhang Ziyi), die bald gegen ihren Willen verheiratet werden soll, viel lieber aber ein freies und aufregendes Leben führen würde. Yu Shu Lien deckt das Mädchen, das kurz darauf mit dem Schwert flieht. Da ihr Jade Fuchs in all den Jahren heimlich die Schwertkampfkünste aus dem Wutan-Kloster beigebracht hat, ist Jen nun zu einer starken und rebellischen Kämpferin geworden, die sich sogar bald gegen ihre Freundin Yu Shu Lien stellt und sie zur Feindin erklärt.

Dabei ist Tiger & Dragon weitaus facettenreicher als man einer Inhaltsangabe entnehmen könnte. Da gäbe es zum Beispiel die nur angedeutete, unerfüllte Liebe zwischen Li Mu Bai und Yu Shu Lien, was dem Film einen melancholischen Grundton verleiht. Dann gibt es noch Jens Liebesgeschichte, die in einer langen Rückblende erzählt wird. In der Wüste trifft sie auf den rebellischen Kämpfer Lo (Chang Chen), der mit seiner wilden Truppe ihre Karawane überfällt. Als er ihr einen kostbaren Kamm stiehlt, läuft Jen ihm nach, um gegen ihn zu kämpfen, aber dann verlieben sich die beiden und Jen bleibt lange bei ihm in der Wüste. Auch die freundschaftliche Beziehung zwischen Yu Shu Lien und Jen, die schließlich in Feindschaft umschwenkt, ist ein interessantes, weil dramatisches Element in Tiger & Dragon. So langsam sollte auch klar werden, dass der Film sich besonders auf die starken Frauen konzentriert. Die heimlichen Hauptfiguren sind Yu Shu Lien und Jen, die Chow Yun-Fat hier klar die Show stehlen, und auch die böse Jade Fuchs ist eine Frau.

Vielerorts im Film lässt sich das im Deutschen verstümmelte alte chinesische Sprichwort heranziehen: Nichts ist wie es scheint. So ist der rebellische Kämpfer Lo gar nicht so gewalttätig, wie man denken könnte und sehnt sich auch nur nach Liebe, und auch die gesetzlosen Yu Shu Lien und Li Mu Bai sind im Endeffekt gar nicht so frei, wie man zunächst angenommen hätte.

Gefühle und leise Dialoge stehen bei Tiger & Dragon klar im Vordergrund, obwohl es natürlich auch nicht an Kampfszenen mangelt. Diese sind aber nicht nur sinnlos aneinandergereiht wie in so manchem anderen Film und sind auch nicht nur ein stützendes Element des Filmes, sondern eher Mittel zum Zweck. Diese Szenen werden dank interessanter Choreographie nie langweilig. War die Art der Kampfinszenierung beim damaligen Kinostart von Tiger & Dragon noch unverbraucht, hat man sich inzwischen leider schon ein wenig an den fragilen, fast schon poetischen Kampfszenen vor malerischen Kulissen sattgesehen, gab es in den letzten Jahren doch unzählige Nachahmer, die ihre Filme mit solchen Szenen aufbliesen.

Zwar gab es natürlich schon vor Tiger & Dragon vor allem aus Hongkong eine Unzahl an Eastern, bei der die Schwerkraft außer Kraft gesetzt wird, wo man an senkrechten Mauern hochläuft, man auf ein meterhohes Dach springt oder sich Verfolgungsjagden liefert, indem man von einem Dach zum anderen fliegt, doch waren die nie so formvollendet und teuer in Szene gesetzt wie es Ang Lee in Tiger & Dragon zu tun wusste. Wenn Menschen lautlos meterweit durch die Luft schweben oder sich im zartgrünen dünnen Geäst eines Bambushains bekämpfen, so unterstreicht das perfekt die Ruhe und Poesie, die der Film ausstrahlt. Für viele sind aber wahrscheinlich genau diese jeglicher Realität trotzenden Szenen mit ein Grund, warum sie dem Film eher skeptisch gegenüberstehen. Fakt ist jedoch, dass man sich auf diese Art der Inszenierung einlassen muss. Wer ein hyperrealistisches Schwertkampfdrama bar jeder Übertreibung sehen will, der ist mit Tiger & Dragon sicher schlecht beraten—und wird wahrscheinlich sein Leben lang nach dem perfekten Film suchen.

Die Kulissen wurden für Tiger & Dragon ebenfalls sehr gut ausgewählt. Ob majestätische Wüsten, atemberaubende Berglandschaften oder die alten chinesischen Gebäude in den Städten, alles ist in seiner umwerfenden Schönheit der reinste Augenschmaus. Auch die Hintergrundmusik ist in ihrer Mischung aus traditionellen chinesischen Instrumenten und orchestralen Klängen perfekt in den Film integriert und macht aus Tiger & Dragon ein noch imposanteres Meisterwerk, das später oft kopiert und nie mehr erreicht wurde.

Tiger & Dragon ist wie ein mystisches, chinesisches Märchen aus vergangenen Zeiten, nimmt gefangen und beeindruckt nicht zuletzt auch durch die wunderschönen Kulissen, die für den Film verwendet wurden. Wer auf zwei Stunden Poesie, Philosophie, Fantasie, Emotionen und Schwertkämpfe gespannt ist, der fährt mit Ang Lees Tiger & Dragon sicherlich goldrichtig.

© Shaoshi, 22. Januar 2008 (ursprüngliche Fassung von 2003)
9/10

臥虎藏龍 | Wohu Canglong
Hongkong | Taiwan | USA • 2000 • 115 Min. • FSK 12 • Eastern
Regie | Ang Lee
Drehbuch | Wang Hui-Ling, James Schamus, Tsai Kuo-Jung
Darsteller | Chow Yun-Fat, Michelle Yeoh, Zhang Ziyi, Chang Chen, Lung Sihung, Cheng Pei-Pei, Fazeng Li, Xian Gao, Yan Hai, Deming Wang, Li Li, Su Ying Huang

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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