Filmkritik | Not One Less – Keiner weniger (China, 1999)

Not One Less - Keiner wenigerDer chinesische Filmemacher Zhang Yimou klotzt mit seinen Filmen bisweilen ziemlich ran. Mit Not One Less – Keiner weniger nimmt er sich wie schon in Heimweg ziemlich zurück und zeichnet ein kleines, aber feines Porträt über eine Schule in einer ärmlichen Gegend Chinas und eine starke Lehrerin.

An diese baufällige Dorfschule kommt eben Wei Minzhi, um während Lehrer Gaos Abwesenheit die einzige Klasse der Schule zu unterrichten. Mit den Grundschülern ist Wei Minzhi jedoch maßlos überfordert—sie ist selbst gerade einmal dreizehn Jahre alt und somit nur unwesentlich älter als ihre Schüler. Nachdem eine Schülerin wegen ihres Talents auf eine Sportschule gewechselt hat, will Wei Minzhi nicht noch einen Schüler verlieren. Als ausgerechnet der elfjährige Problemschüler Zhang Huike über Nacht verschwindet, um in der Provinzhauptstadt für seine armen Eltern Geld zu verdienen, sieht Wei Minzhi keine andere Möglichkeit, als Zhang Huike hinterherzureisen und ihn zurückzuholen. Das gestaltet sich nicht ganz leicht: Wei Minzhi ist nämlich nicht nur extrem naiv, sondern hat nicht einmal genügend Geld für den Bus.

Zhang Yimou nutzt das leise Drama, um die Missstände in Chinas ärmeren Gebieten zur Schau zu stellen. Tatsächlich ist es in Chinas ärmeren, ländlichen Teile immer noch an der Tagesordnung, dass viele Schüler trotz allgemeiner Schulpflicht aus finanziellen Gründen früh die Schule verlassen müssen. Ein Teufelskreis, denn wer nicht gut ausgebildet wird, bekommt natürlich keinen guten Job und bleibt arm. Gefärbt durch Erinnerungen an seine eigene Jugend erzählt Zhang Yimou in ungeschönigten, realistischen Bildern von einem Leben jenseits der glänzenden chinesischen Metropolen—allerdings ohne allzu sehr darüber zu urteilen.

Kalt lässt einen das Drama trotzdem nicht. Das liegt schon an den Darstellern, die aus Laien zusammengecastet wurden und deshalb diesen rauen, realistischen Touch einbringen können, den geleckte Superstars nur schwerlich hätten transportieren können. Allen voran liefert Wei Minzhi als unsichere, überforderte Lehrerin, die doch ganz schön trotzig und stur sein kann, eine starke Leistung ab. Im Laufe des Films schafft sie es nicht nur, die anfänglich chaotische Klasse als Gruppe zu mobilisieren, um Geld für die Busfahrt zu sammeln, und den jungen Schülern durch zweckdienliche Rechenaufgaben Mathematik beizubringen, sondern auch, in der Großstadt nicht unterzugehen und trotz sturen Städtern und starrer Bürokratie ihr Ziel nie aus den Augen zu verlieren. Wei Minzhi wächst mit jedem Rückschlag und hat das Happy End wahrlich verdient—die anderen Kinder natürlich auch.

Hier und da mag der Blick aufs nicht ganz so glorreiche China zwar etwas zu plakativ anmuten, aber durch Herz und Sympathie schafft es Not One Less – Keiner weniger an die eher spannungsarme, simple Handlung zu fesseln. Not One Less – Keiner weniger zeigt uns eindrucksvoll die Kluft zwischen Arm und Nicht-Arm (Reich ist auch in den Szenen in der Metropole übertrieben) in China und regt zum Nachdenken und Mitfühlen an. Nett.

© Shaoshi, 26. April 2011
7/10

一個都不能少 | Yi Ge Dou Bu Neng Shao
China • 1999 • 102 Min. • FSK o.A. • Drama
Regie | Zhang Yimou
Drehbuch | Shi Xiangsheng
Darsteller | Wei Minzhi, Zhang Huike, Tian Zhenda, Gao Enman, Sun Zhimei, Feng Yuying, Li Fanfan, Zhang Yichang, Xu Zhanqing, Liu Hanzhi, Ma Guolin, Wu Wanlu

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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