Filmkritik | Dear Enemy (China, 2011)

Dear EnemyXu Jinglei ist schön, reich, berühmt und zumindest im chinesischsprachigen Raum enorm erfolgreich. Zum bereits fünften Male führt sie nun schon Regie und bestreitet für ein Filmprojekt mal wieder den Löwenanteil. Für Dear Enemy steht sie als Hauptdarstellerin, Regisseurin und Drehbuchautorin vor und hinter der Kamera. Nach ihrer oberflächlichen und superkommerzigen Büro-RomCom Ga Lala Go! schlägt Dear Enemy in die gleiche Kerbe, setzt aber noch einen drauf. Diesmal geht es ins ganz große Business, in die Welt der Finanzen, der Firmendeals, der Vorstandebenen…

Unter Führung von Derek Lee (Stanley Huang) bietet UA Capital Investment Banking der Firma Brandon Mining, einem der drei weltweit führenden Lithium-Hersteller, einen vielversprechenden Merger an. Blogger Henry Ma (Aarif Lee) macht die Sache publik und verwirrt daraufhin Brandons CEO Owen (Michael Wong), der sich ratsuchend an Amy Liang (Xu Jinglei) wendet, ihres Zeichens ein hohes Tier bei Global Alliance Investment Banking. Künftig sieht sich Derek Lee also seiner Ex-Freundin feindlich gegenübergestellt. Denn ausgerechnet Amy ist es, die ihn einst in den Wind geschossen hat, nachdem sie die Schnauze von seinem Leben als Workaholic gestrichen voll hatte. Ein erbitterter Machtkampf zwischen den beiden bricht vom Zaun. Doch ist das wirklich Hass zwischen den beiden?

Wie nicht anders zu erwarten, kratzt Dear Enemy nur an der supercoolen Oberfläche, bietet kaum Romantik und noch weniger Comedy und verspielt seine Chance, aus dem sich zuspitzenden Wettstreit zweier Ex-Liebhaber, in dessen Mitte das Schicksal diverser Firmen steht, ein wirklich befriedigendes Ende zu machen. Und trotzdem funktioniert das. Da wäre zum einen besagte supercoole Oberfläche, die aus Hongkong, Australien, Südafrika, London oder gar Chengdu schillernde, moderne Orte voller Luxus macht, superb eingefangen von Kameramann Jason Kwan. Man kann sich kaum sattsehen an Kompositionen, Bokehs und kräftigen Farben—alles noch einen ganzen Tick besser als in Go Lala Go!. Löblicherweise ist auch das Product Placement nicht mehr ganz so penetrant wie in Go Lala Go!, viel Englischsprech ist intelligent und gut gesprochen in den Film gewebt und das Tragen teurer Roben dem prallen Geldbeutel der Hauptfiguren angepasst.

Und die Hauptfiguren—ein Traum! Nach Ga Lala Go! sind Xu Jinglei und Stanley Huang wieder zusammen in einem Film zu sehen und begeistern diesmal—endlich—mit erstaunlicher Chemie. Stanley Huang, der über die Jahre einige hörenswerte Alben mit erstaunlich rockigen chinesischen Pop/Rock-Songs herausgebracht hat, glänzt als Workaholic und erfolgreicher Geschäftsmann geradezu. Dabei schafft er es, das unsympathische Business-Schwein genauso ätzend abzugeben, wie er in ruhigeren Momenten den fast schon mitleiderregenden Mann spielt, dessen einziges Problem es ist, dass er Frauen nun einmal überhaupt nicht versteht. Xu Jinglei spielt die toughe Geschäftsfrau, die einst aus absolut nachvollziehbaren Gründen ihre Beziehung mit Derek beendet hat und nun notgedrungen in ihrer neuen, von Derek verschafften Karriere aufgeht. Und was früher einmal Liebe war, wird nun definiert durch Machtgerangel und fiese Methoden, um dem anderen im harten Business immer einen Schritt voraus zu sein. Die Häme und die Arroganz steht beiden Darstellern dabei so wunderbar ins Gesicht geschrieben, dass man eigentlich keinen so richtig mag und man sich an dem kindischen Machtkrieg regelrecht ergötzen kann, ohne sonderlich Partei ergreifen zu müssen. Arme Schweine sind sowohl Amy als auch Derek, aber gerissene Füchse sind beide eben auch. Spannend bleibt es auch, denn ziemlich schnell scheinen unter all dem Gerangel so etwas wie Gefühle durch und hinter den perfekt gestylten Fassaden der beiden ist natürlich längst nicht alles so rosig, wie sich eines Abends in Chengdu zeigt. Nur wie kann man Liebe in einem Machtkampf vereinen, bei dem Milliardenbeträge auf dem Spiel stehen? Eben. Die Romantik bleibt also ziemlich außen vor, was dem Film zwar gut tut, ihn aber trotzdem nicht aus seichten Gewässern steuern kann. Dafür bleibt er insgesamt zu oberflächlich und zum Ende hin enttäuschend inkonsequent.

Zwar bleibt Dear Enemy hochgradig oberflächlich, unterhält aber mit bissigem, wenn auch dünn gesätem Witz, tollen Bildern, spielfreudigen Hauptdarstellern mit überraschend stimmiger Chemie und nachvollziehbaren Figuren. Nur schade, dass Dear Enemy alles sein will, nur nicht chinesisch. Wohl mit ein Grund, weshalb der aalglatte Film zuletzt ganz schön seelenlos bleibt. Immerhin sieht er wirklich klasse aus, was über so manches Problemchen hinwegsehen lässt. Ein Meisterwerk ist Dear Enemy nicht, aber von einer kommerzigen Komödie von Xu Jinglei hat das ja auch keiner erwartet.

© Shaoshi, 8. Februar 2012
7/10

親密敵人
China • 2011 • 92 Min. • Komödie
Alternativtitel | To My Dear Enemy
Regie | Xu Jinglei
Drehbuch | Xu Jinglei
Darsteller | Xu Jinglei, Stanley Huang, Gigi Leung Wing-Kei, Aarif Lee, Christy Chung Lai-Tai, Michael Wong, Zhao Baogang, Ying Da, Su Xiaoming, Liu Yiwei, Lin Yuan, Li Ai

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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