Filmkritik | Kill Octopus Paul (China, 2010)

Kill Octopus PaulErinnern wir uns an Paul, den Kraken aus Deutschland, der in der Fußball-EM 2008 und der Weltmeisterschaft 2010 Spielausgänge korrekt orakelte und damit Berühmtheit erlangte. Von den Fans geliebt und gefeiert—von den Wissenschaftlern skeptisch betrachtet. Ist es wirklich möglich, dass ein Tier achtmal in Folge den Gewinner von Fußballspielen richtig voraussagt oder wurde hier manipuliert? Der Frage ging nun auch ein Filmteam in China nach, welches dem inzwischen verstorbenen Kraken mit dem Thriller Kill Octopus Paul ein Denkmal setzte und über die kriminelle Manipulation von Fußballwetten sinnierte.

Der Film spielt zur WM 2010 in Südafrika, der mehrere chinesische Fußballnarren beiwohnen, welche prompt in das tödliche Netz eines Wettsyndikates geraten. So wohnt Zhang Shuai, Ex-Spieler der chinesischen Nationalmannschaft, der WM als Zuschauer bei, hat im Gepäck aber brisante Ware, von der er zunächst nichts weiß. Ihm wurde nämlich anonym ein Fußballtrikot übersandt, in den ein Chip mit hochgeheimen Informationen zum großen Wettbetrug bei Fußballweltmeisterschaften eingenäht ist, hinter dem bald schon die Schläger des von Deutschland aus agierenden Syndikates her sind. Zhang Shuai gelingt es, den Chip in einer Muschel zu verstecken, welche als Futter für den Oktopus Wang Cai gedacht ist. Dieser befindet sich gerade in Obhut des Fußballenthusiasten Li Kai, der mit den Voraussagen Wang Cais beim Fußballwetten gerade ein Vermögen gemacht hat und damit das Interesse der bösen Buben auf sich zieht. Oktopus Wang Cai gerät ebenfalls ins Visier der kriminellen Wettvereinigung. Denn eben hat sie die Hiobsbotschaft aus Deutschland erreicht: Paul ist tot. Für den geplanten Coup im großen Stil muss schnell und diskret für Ersatz gesorgt werden. Und wer würde sich da besser eignen als Wang Cai, der sich im Fußballorakel ebenso treffsicher zeigt wie das jüngst verstorbene Original (und offensichtlich auch den Chip gefressen hat)?

Der Thriller um fiktive Machenschaften rund um Fußballwetten macht die Fußballbegeisterung der Menschheit zu einem schmutzigen Unterfangen. Die kriminelle Vereinigung um einen bösen Boss, der in einem dunklen Büro mit an die Wand geworfenen Unterwasseraufnahmen lebt und auswendig gelernte deutsche Sätze herunterspult, will durch das Paul-Orakel ein Vermögen machen. Paul, so heißt es, ist nämlich nichts weiter als eine Marionette von kaltblütigen Kriminellen, die auch über Leichen gehen. Ihr Ziel: Paul so oft das richtige Ergebnis eines Spiels voraussagen lassen, bis alle Fußballfans Vertrauen zu ihm gefasst haben, und dann, im letzten großen Spiel, Paul mit Absicht falsch tippen zu lassen, um die Wettsumme der gesamten Welt einzustreichen. Keine schlechte Idee, wäre da nicht der ungewisse Aufenthaltsort des brisanten Chips, mit dem man erst so richtig Fußballgott spielen könnte und der in den falschen Händen (der Guten) für das kriminelle Unterfangen verheerend sein könnte. Diverse Kopfgeldjäger sind schon an der Sache dran und ziehen unsere unschuldigen Fußballenthusiasten schnell in einen Sumpf aus Brutalität und Kriminalität.

Südafrika wartet mit ein paar schönen Landschaften auf, wird aber hauptsächlich von Aufnahmen aus den Johannesburger Ghettos repräsentiert, wo man nicht mit Gewalt, Diebstahl, Anstiftungen zu privaten Fußballturnieren und Entführungen auf offener Straße geizt. Das passt und sorgt für eine durchaus düstere Stimmung und eine Grundspannung, die sich durch den ganzen Film zieht. Die Aufnahmen aus Südafrika und Deutschland sowie Archivaufnahmen aus den entsprechenden WM-Fußballspielen und ein Kauderwelsch aus Chinesisch, Englisch, Deutsch und Kantonesisch sorgen für das nötige internationale Flair, was gut das globale Problem der Wettverschwörung verdeutlicht.

Trotzdem hat der Film so seine Schwächen. Zum einen wirkt Kill Octopus Paul ziemlich amateurhaft, was sich durch wackelige Kameras und teilweise nervend rudimentäre Szenen niederschlägt. Der finstere Boss in seinem lächerlichen Büro ist eine Karikatur und die Skrupellosigkeit seiner Handlanger ist zwar intensiv auf die Leinwand gebannt, verkommt aber stellenweise trotzdem schon fast zum Witz, wenn die düstere Asienschönheit im schwarzen Leder mit winzigem Lappen und Zahnbürste eine blutige Sauerei wegmachen muss. Auch die Art, wie der Krake fast schon zu einem Gott emporgehoben wird, der ganze Ausflug zum Zulu-Stamm und die Flachheit der Figuren sind eher störend.

Kill Octopus Paul klingt im Vorfeld weitaus interessanter als er dann letztendlich geworden ist. Sein Amateurfeeling macht ihn nicht gerade zu einem Blockbuster und diverse Defizite (evtl. auch ein zu geringes Budget) sorgen nicht immer für Filmspaß. Zwar ist der Film durchaus spannend und konsequent geraten, bietet aber auch so manchen lächerlichen Moment und ist mit seinem ganzen Rummel um einen ominösen Chip, der offensichtlich wasserdicht ist, etwas konstruiert und im Falle des Spektakels um den Oktopus zu chinesisch, um wirklich ernsthaft zu sein. Kill Octopus Paul ist ein mittelmäßiger Thriller, der nur durch seinen Bezug zu noch recht aktuellen Geschehnissen (also die WM 2010 und Paul als Kraken-Orakel) ein gewisses Interesse wecken kann.

© Shaoshi, 15. März 2012
6/10

追踪章鱼保罗 | Zhui Zong Zhang Yu Bao Luo
China • 2010 • 93 Min • Thriller
Alternativtitel | Paul The Octopus; The Legend Of World Cup
Produzent | Suo Qian, Han Xiaoli
Regie | Xiao Jiang
Drehbuch | Li Chengpeng
Darsteller | Li Chengpeng, Zhang Shuai, Huang Jianxiang, Li Kai, Tian Yuan, Teddy Lin, Xie Hui, Zhang Xuan

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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