Filmkritik | Tracking Kong Lingxue (China, 2011)

Tracking Kong LingxueDer titelgebende Kong Lingxue ist ein gutmütiger und friedliebender Lehrer, der es zu spüren bekommt, dass er eine seiner Schülerinnen bestraft hat, bis er nur noch ein psychisches Wrack ist. Das liest sich wie ein Drama, wird von Zhang Rao jedoch in seinem Regiedebüt Tracking Kong Lingxue (auch bekannt unter dem weniger ästhetisch übersetzten Titel Tracks Kong Lingxue) auf schwarzhumorige Weise, vor allem aber intelligent erzählt.

Kong Lingxue (Fan Wei) konfisziert also Schülerin Liu Mengs Handy, als diese im Unterricht Musik gehört hat. Ihr außerschulischer Freund Ah Xiang (Zhi Yi) sieht es nicht gern, wenn Liu Meng so behandelt wird. Obendrein hat Herr Kong auch gerade eine von Ah Xiang angezettelte Schlägerei vereitelt, was dem jungen Nichtsnutz im roten Daunenmantel gar nicht gefällt. Er gibt also vor, sich mit Herrn Kong anfreunden zu wollen und bietet sich an, dessen kleine Tochter von der Grundschule abzuholen. Es ist nicht verwundernswert, dass Herr Kong dies als ernstzunehmende Drohung auffasst, zumal er ab sofort von Ah Xiang auf Schritt und Tritt verfolgt wird. Herr Kong bangt um die Sicherheit seiner Familie und fühlt sich am Ende so gehetzt, dass er sogar die Triaden um Hilfe bitten will.

Auf den ersten Blick wirkt Tracking Kong Lingxue wie ein ruhiges, tristes Drama mit Thrilleranleihen. Da haben wir den pflichtbewussten Lehrer, der gern die Werke seines Lieblingspoeten rezitiert, sein Gesicht nicht verlieren will und doch nicht von allen respektiert wird. Ein ganz normaler, durchschnittlicher Mann also, der sich urplötzlich einer Extremsituation gegenübergestellt sieht. Zhi Yi gibt perfekt den cool frisierten Taugenichts Ah Xiang, der sich als penetranter und vor allem undurchsichtiger Stalker an Herrn Kongs Fersen heftet. Dabei bedroht er ihn nie aktiv, sondern redet mit überbordender Freundlichkeit auf den Lehrer ein, hält in der Regel Abstand und wendet weder körperliche noch verbale Gewalt an. Und doch wird er von Herrn Kong—sowie vom Publikum—als Bedrohung gesehen. Es ist das Grinsen in Ah Xiangs Gesicht und seine Hartnäckigkeit, die ihn zu allem fähig erscheinen lassen—auf relativ subtile Weise kitzelt Darsteller Zhi Yi die Angst auch im Zuschauer wach.

Auch Fan Wei, der als bedrängter Herr Kong dementsprechend reagiert, spielt hervorragend. Er will die Adresse der Grundschule, aber auch die seines Zuhauses natürlich nicht vor Ah Xiang preisgeben, weshalb er immer weitere Umwege oder das spontane Finden von Verstecken in Kauf nehmen muss. Und doch scheint Ah Xiang stets einen Schritt voraus, was Herr Kongs Verfassung immer instabiler werden lässt. Selbst, wenn Ah Xiang nicht in der Nähe ist, vermutet ihn der Lehrer hinter jeder Häuserecke und selbst in die kleinsten Details wie einer zufällig neben seiner Wohnungstür abgestellten Krücke interpretiert er eine Bedrohung, was aus ihm bald ein panisches Nervenbündel macht. Dabei will er sich auch niemandem so recht anvertrauen, um sein Gesicht nicht zu verlieren. Seiner Frau lügt er deshalb etwas vor, die bald eine Affäre mit einer Kollegin (Ma Yili) vermutet, womit sein Privatleben ebenfalls im Eimer scheint. Obwohl wir von Herrn Kong nur die wichtigsten Daten erfahren (braver Lehrer und Familienvater) wird er zur absoluten Bezugsperson, zum Sympathieträger, mit dem man gerne mitfiebert und vor allem auch mitfühlt. Lange ist es her, dass das Leiden einer Filmperson so starke Gefühle in mir ausgelöst hat. Fan Wei bringt absolut authentisch die Angst rüber, wenn die Paranoia um sich greift. Er spielt den gehetzten Lehrer engagiert, bisweilen aber auch mit einem Augenzwinkern. So schafft es Herr Kong ausgerechnet durch das Rezitieren seines Lieblingspoeten eine bevorstehende Aufreibung abzuwenden, isst dummerweise das einzige Beweisstück und guckt ziemlich doof aus der Wäsche, wenn er unter den neugierigen Augen einer Supermarktangestellten unter einem Bett hervorklettert. Zum Brüllen komisch ist das nun nicht, wohl aber zum Schmunzeln. Oft traut man sich aber nicht einmal das, zu ernst ist der Film inszeniert. Zu ernst vor allem auch der Subtext, der das Problem einer respektlosen Gesellschaft thematisiert, wohl aber auch den psychischen Schaden, den das Stalking und die einhergehende Paranoia im Betroffenen verursachen können. Zhang Rao gelingt es, all diesen Ernst mit witzigen Momenten unter einen Hut zu bringen, ohne sich darüber lustig zu machen. Stattdessen setzt er auf subtile Situationskomik und schafft so einen Film, der gleichzeitig unterhält und zum Nachdenken anregt.

Tracking Kong Lingxue ist eine überraschend erwachsene Komödie aus China, die ein ernstes Problem thematisiert und mit leisem Witz unterhält. Obendrein ist das Ganze spannend inszeniert und weist nur gegen Ende einige kleinere Längen auf. Zhang Rao schafft in seinem Erstling eine effektive Mischung aus Drama, Thriller und Komödie und das auf ziemlich einfache, aber gelungene Weise.

© Shaoshi, 27. Februar 2012
7/10

跟踪孔令学 | Gen Zong Kong Ling Xue
China • 2011 • 98 Min. • Komödie
Regie | Zhang Rao
Drehbuch | Bai Tiejun
Darsteller | Fan Wei, Ma Yili, Sun Ning, Zhi Yi, Bai Huizi

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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