Filmkritik | In 80 Tagen um die Welt (USA/GB, 2004)

In 80 Tagen um die WeltIm Jahre 1873 wurde Jules Vernes Roman »Reise um die Erde in 80 Tagen« veröffentlicht und ist seitdem weltbekannt. Auch verfilmt wurde der Stoff bereits zigmal, halt nur noch nicht mit Jackie Chan. Nur wie bekommt man den Kung-Fu-Kasper aus Fernost in eine Geschichte, die überhaupt keinen schlagkräftigen Chinesen in der Hauptrolle vorgesehen hat?

Richtig, man biegt sich die Story eben zurecht. Fans des Originals dürften die Nase rümpfen über das, was man in In 80 Tagen um die Welt aus dem Stoff gemacht hat. Um Jackie Chan sinnvoll in die Geschichte einzubinden, wird er zum Gejagten, der die Bank von England freilich nur aus edlen Gründen ausgeraubt hat—nachdem man seinem Heimatdorf in China einen heiligen Jade-Buddha gemopst hat, will Lau Xing (Jackie Chan) die kleine Statue zurückholen. Durch widere Umstände wird er jedoch zum französischen (!) Diener Passepartout des exzentrischen Erfinders Phileas Fogg (Steve Coogan), der eben mit den Gentlemen von der Akademie der Wissenschaften gewettet hat, die Welt in 80 Tagen umrunden zu können. Lau Xing kommt die Reise gelegen—so kann er nämlich ohne Probleme nach Hause zurückreisen und den Jade-Buddha zurückbringen. Denkt er zumindest. Denn neben den Engländern, die in Phileas Fogg den Bankräuber vermuten, jagt auch noch ein Pack böser Chinesen, die auf Geheiß der teuflischen Fang (Karen Mok) gern den Jade-Buddha besitzen würden, dem kleinen Reisetrupp hinterher.

Klingt nach einem turbulenten Film, der geschickt mit Zeitdruck, dem ständigen Gejagtwerden und schnellem Wechsel verschiedenster Kulturen spielt. Klingt so. Ist es dann aber nicht. Erschreckend öde reist man um die Welt, fängt sich in Paris auch noch nervtötenden, weiblichen Anhang (Cécile de France) ein, da die malende Emanze aus Love-Interest-Gründen gern bei der Weltreise dabei wäre, und trifft gelegentlich auf die Jäger, die Jackie Chan in eindimensionalen Kämpfen mit Leichtigkeit wieder abschüttelt. Dass man eigentlich einen Wettlauf gegen die Zeit unternimmt, interessiert bis auf das zum Gähnen lahme Finale kein Schwein, und auch die Bösewichte in Form kämpfender Chinesen und britischer Gesetzeshüter tauchen ganz offensichtlich nur auf, damit Jackie Chan mit seiner Wendigkeit mal ein bisschen Action in den dahinplätschernden Plot bringen darf. Man muss allerdings zugeben, dass sich Jackie Chan kämpferisch schon mal mehr ins Zeug gelegt hat. Einzig in der Kampfsequenz in China blüht er ein wenig auf, doch auch dieser Kampf bleibt weit hinter den Erwartungen zurück und ist so schnell vergessen wie der Rest. Da nutzt auch der Cameo-Auftritt von Sammo Hung als Wong Fei-Hung und Daniel Wu als Böser mit idiotischem Kampfhandschuh nichts.

Gut, Spannung ist also überhaupt nicht vorhanden, die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt kein bisschen und die Action ist mäßig—und dann auch noch mehr als harmlos, aber wir haben es hier ja auch mit etwas zu tun, das einem Kinderfilm erschreckend nahe kommt. Bleibt noch das Spiel mit den Kulturen, welches—oh Wunder—ebenfalls verschenkt wird. Man macht sich ja noch nicht einmal die Mühe, irgendwelche Verständigungsprobleme mit einzubauen. Und mal abgesehen von ein paar üblichen Klischees (die man im Grunde auch so erwartet hat) und üppigen, aber künstlich wirkenden Studiokulissen gibt es nicht viel zu sehen. In Indien teilt man sich mit einem Haufen Kinder und einer Ziege ein Zugabteil, in China trifft man auf Lau Xings idyllisches Heimatdorf, in der Türkei nimmt man zusammen mit Arnold Schwarzenegger in einem megapeinlichen Cameo-Auftritt als Türkenprinz ein Bad und in Paris reckt sich der Eifelturm in den kitschigen Sonnenuntergang. Im Grunde ist es allerdings egal, an welchem Ort man sich gerade befindet (die ursprüngliche Route aus dem Roman wurde sowieso nicht ganz beibehalten). Formelhaft springt man von Ort zu Ort und verbindet das Ganze obendrein mit grottenschlechten CGI-Sequenzen, die kein bisschen erkennen lassen, dass man für In 80 Tagen um die Welt ein ganz schön großes Budget zur Verfügung hatte.

Unterm Strich bleibt In 80 Tagen um die Welt ein furchtbar öder Abenteuerfilm, bei dem sich wohl nur die Kleinen amüsieren können. Immerhin nimmt man sich selbst nicht zu ernst und unterhält mit flottem Palaver und kleinen Seitenhieben—zur guten Unterhaltung langt das aber auch nicht gerade. Hier und da gibt es zwar mal was zum Schmunzeln und die vielen Cameos (neben den bereits genannten tauchen u.a. auch John Cleese und Owen Wilson auf) erfreuen zumindest die filmerfahrenen Zuschauer. Spaßig wird das Treiben trotzdem nicht—zu lieblos kaut man die Reise durch ohne groß auf einen roten Faden zu achten. Das Resultat ist eine spannungsarme, harmlose Massenproduktion, die sich Jackie Chans Namen zunutze macht und den Namensträger dann schamlos verheizt. Jackie Chan hätte den Film wahrlich nicht nötig gehabt. Folgerichtig können sich auch alle anderen In 80 Tagen um die Welt getrost sparen.

© Shaoshi, 28. April 2011
3/10

Around The World In 80 Days
USA/GB • 2004 • 115 Min. • FSK 6 • Abenteuerkomödie
Regie | Frank Coraci
Drehbuch | David N. Titcher
Darsteller | Jackie Chan, Steve Coogan, Cécile de France, Jim Broadbent, Ewen Bremner, Karen Mok Man-Wai, Ian McNeice, Roger Hammond, David Ryall, Robert Fyfe, Adam Godley, Howard Cooper, Macy Grey, Arnold Schwarzenegger, Maggie Q, Sammo Hung Kam-Bo, Daniel Wu Yin-Cho, Wolfram Teufel, Daniel Hinchcliffe, Tom Strauss, Kit West, Patrick Paroux, Perry Blake, Michael Youn, Eva Ebner, Richard Branson, Ben Posener, Michael Hoenher, George Inci, Weeratham Wichairaksakui, Shivesh Ramchandani, Sirinthorn Ramchandani, Chris Watkins, Kengo Watanabe, Yin Tze Pan, Yotaka Cheukaew, Prasit Wongrakthai, Teerawat Mulvilai, Jindarak Satjatepaporn, Natalie Sperl, Rob Schneider, Frank Coraci, Owen Wilson, Luke Wilson, John Cleese, John Keogh, Mark Addy, Will Forte, Roxanne Borski, Kathy Bates, Ruei Che Chang, David Choi Chao, Wah Chiu Ho, Don Tai, Wai Luen Tuen, Yin Tsu-Wei, Yuan Hu-Ma, Ken Lo Wai-Kwong, Wai Ho Yuen

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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