Filmkritik | Love On Credit (China, 2011)

Love On CreditTitel und Vorspann zeigen schon deutlich, an welche Zielgruppe sich Chen Zhengdaos Love On Credit richtet—Menschen, vorzugsweise Frauen, die Schuhe, Luxus und teure Kleider lieben. Wer solche Filme höchstens mittel findet, könnte positiv überrascht werden. Denn obwohl Love On Credit ein 08/15-Film ist, widmet er sich Figuren, die ein bisschen anders sind, und Themen, die man in vergleichbaren Filmen nicht unbedingt so tiefgehend behandelt.

Zunächst macht aber die dünne Handlung nicht unbedingt Lust auf mehr: Die Zwillingsschwestern Hong und Qing (beide Lin Chiling) sind seit Kindertagen grundverschieden. Während Hong schon als kleines Mädchen davon träumt, später mal reich und schön gekleidet zu sein, will Qing lieber ein großes Haus, in dem sie ganz als Hausfrau aufgehen kann. Als Erwachsene führen beide genau das Leben, das sie sich immer gewünscht haben; wirklich glücklich sind sie aber nicht. Hong hat ihr Herz an einen reichen Mann verloren, den sie verlässt, da er schon Frau und Kind hat. Sturzbetrunken torkelt sie einem Millionärssohn (Aloys Chen) in die Arme. Doch kann sie sich auf eine neue Liebe einlassen? Qing hingegen hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: ihr Mann Cheng hat einem Freund finanziell ausgeholfen und sieht sich nun vor dem Bankrott. Die nette Wohnung ist auch futsch. Qing wendet sich von ihm ab und trifft auf Hongs Boss (Liao Fan), der ihr ein neues Leben bieten könnte. Soll sie?

Klingt mittelmäßig, ist es auch. Und die Tatsache, dass es sich bei den Schwestern um Zwillinge handelt, haben wir wohl Chinas Ein-Kind-Politik zu verdanken—denn sonst wäre die Geschichte zweier Schwestern in diesem Alter kaum möglich gewesen. Irgendeine Funktion hat das Zwillingsdasein im Film nämlich nicht. Das freut übrigens, hatte ich doch schon fast damit gerechnet, irgendeinen primitiven Das doppelte Lottchen-Abklatsch ertragen zu müssen.

Auch sonst scheint Love On Credit erst mal eine typische 08/15-RomCom aus China zu sein. Peking ist eine schillernde Luxusmetropole, das Product Placement nervt und hässliche Entlein werden zu schönen Schwänen, sobald sie die Brille absetzen. Noch dazu sind die beiden Schwestern im Grunde die üblichen Klischees. Hong, die Schöne, die Stilvolle, und Qing, die leicht Unbeholfene mit Schlabberklamotten, Hornbrille und konservativem Frauenbild.

Das alles haben wir nun schon tausendmal so oder so ähnlich gesehen. Trotzdem: irgendwas macht der Film richtig. Zum einen hätten wir da Chen Zhengdaos gar nicht mal so üble Regie, die endlich einmal beweist, dass chinesische RomComs nicht unbedingt lust- und einfallslos heruntergespult werden müssen. Das ein oder andere Witzchen ist immerhin zum Schmunzeln, die Inszenierung ist eingangs pfiffig und schafft es später sogar, das Innenleben von Personen ohne blödes Drumherumreden darzustellen. Zum anderen sind da die Figuren. So platt wie sie zunächst wirken, sind sie nämlich gar nicht. Qing ist weniger plump als erwartet und verhält sich in Highheels und Designerklamotten zwar irgendwie unbeholfen, aber nicht so übertrieben zum Davonlaufen wie in vergleichbaren Filmen. Schön ist auch, dass ihr innerer Konflikt zum Tragen kommt—soll sie wirklich mit dem tollen Tony (Liao Fan) anbandeln oder vielleicht doch lieber Cheng, der nach einem Sturz aus dem Fenster mit Gipsbein in der Badewanne kämpft, noch eine Chance geben? Hong ist zwar der böse Zwilling und hat so ziemlich alle negativen Eigenschaften abbekommen, die man sich denken kann (und die auch im Film aufgezählt werden), und doch empfindet man selbst für die verlogene und berechnende Zicke irgendwie Mitleid, erkennt man in ihr doch auch die einsame, zerbrochene Frau; und zwar nicht, weil es im Film besprochen wird, sondern weil es in Szenen, in denen sie betrunken zu Hause sitzt, anschaulich gezeigt wird. Hört, hört, das chinesische Kino scheint sich weiterzuentwickeln. Lob auch an Lin Chiling, gelingt ihr der krasse Rollenwechsel vom Vamp zum Mauerblümchen doch sehr überzeugend. Auch auf Seiten der Männer gibt es (vom schmierigen Äußeren mal abgesehen) nichts zu beanstanden. Wir haben es hier keinesfalls mit den perfekten Traumtypen zu tun, denn der eine schläft noch mit seinen Saurierfiguren neben dem Bett, und der andere ist bei einem Date gleich so nervös, dass er im Restaurant pausenlos die Tische wechseln möchte. Wie erfrischend es doch ist, nicht immer die gleichen öden romantischen Szenen sehen zu müssen.

Erfreulich ist auch, dass der Film nicht nur beschönigt, sondern durchaus auch die Abgründe der menschlichen Seele (wenn auch nur oberflächlich) beleuchtet. Die Gewissensbisse, die Frage nach dem moralischen Richtig oder Falsch steht immer im Raum—wenn man hier auch ruhig noch etwas mehr auf die Psychoschiene hätte setzen können. Das ist aber wohl zu viel verlangt, denn im Herzen ist Love On Credit eben doch nur eine typische romantische Komödie.

Love On Credit ist nun wirklich kein herausragender Film, aber er hebt sich doch positiv aus dem RomCom-Einheitsbrei ab, den man in China sonst so aufgetischt bekommt. Zwar spricht auch er Probleme nur relativ oberflächlich an, doch im Gegensatz zu anderen Genrevertretern ist hier nicht alles so Friede-Freude-Eierkuchen wie sonst. Auch die Regie ist beherzt bei der Sache und produziert zwar kein Meisterwerk, aber immerhin eine Romanze, die größtenteils ganz gut unterhält und den Zuschauer immerhin mit der Frage zu fesseln vermag, ob die beiden Frauen am Ende mit den gewünschten Männern zusammen sein können oder nicht. Allerdings ist das Ende recht offensichtlich (wir haben es schließlich mit einem China-Film zu tun), aber der Weg dorthin führt glücklicherweise nicht nur über die ausgetretenen Pfade des Romanzengenres.

© Shaoshi, 9. November 2012
6/10

幸福额度 | Xing Fu E Du
China • 2011 • 93 Min • Romanze
Regie | Chen Zhengdao
Drehbuch | Wang Jiyao, Zuo Er, Leste Chen
Darsteller | Lin Chiling, Aloys Chen Kun, Liao Fan, Tony Yang, Amber Wu

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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