Filmkritik | Karate Kid (USA / China, 2010)

Karate KidEine ganze Generation sah dabei zu, wie Ralph Macchio in den 80er Jahren beim Oscar-nominierten Pat Morita auf ungewöhnliche Weise Karate lernte. Karate Kid folgte zwar durchschaubaren 08/15-Wegen, prägte aber eine ganze Generation und avancierte schnell zum Kult. Dementsprechend groß war der Aufschrei, als über zwanzig Jahre später die Kunde von einem geplanten Remake die Runde machte. Kann eine Neuverfilmung des Kultstoffes überhaupt etwas werden, zumal ja auch ohne die Stars von damals? Noch dazu wird die Geschichte von den USA nach China verlegt, die Rolle des Protagonisten übernimmt zeitgemäß ein Schwarzer und den schrulligen Hausmeister spielt ausgerechnet Jackie Chan—wer sonst? Ist das noch Karate Kid?

Der zwölfjährige Dre (Will-Smith-Brut Jaden Smith) zieht mit seiner Mutter (Taraji P. Henson) widerwillig von Detroit nach Peking. Das findet er ziemlich bescheiden, zumal er durch Sprachbarrieren und Kulturunterschiede nicht gerade einen glorreichen Einstand feiert. Mit Ghettogehabe kommt Dre bei den Chinesen nämlich glücklicherweise nicht weit, weshalb er schnell zu dem verkommt, was er unter coolem Outfit und Cornrows auf dem Kopf sowieso ist—ein Hosenscheißer mit Opferschicksal. Seit er sich nämlich in die süße Geigenspielerin Mei Ying (Han Wenwen) verguckt hat, gibt’s nämlich Haue von den übelsten Typen seiner Schule. Zum Glück bekommt Dre aber bald Unterstützung von seinem schrulligen Hausmeister Han (Jackie Chan), der ihn durch ungewöhnliche Methoden zum Kung-Fu-As ausbilden möchte, da Dre demnächst bei einem entsprechenden Turnier auf der Matte stehen soll—Auge in Auge mit seinen Peinigern, versteht sich.

Die Karate Kid-Prämisse ist deutlich erkennbar und doch ist der Film ganz anders. Er ist keine 1:1-Kopie eines einstmals erfolgreichen Films, er geht zumindest ansatzweise eigene Wege. Schon die Verlegung des Settings ins exotische Peking tut gut. So findet man sich in schönen Kulissen wieder, ist zeitgemäß globalisiert und bringt durch Verständigungsprobleme auch glaubwürdige Gründe, warum selbst ein so dufter Typ wie Dre zum Außenseiter verkommen kann. Die Trainingsmethoden sind nicht länger »Auftragen, Polieren« und Jackie Chan ist ein Lehrmeister, der ja auch in Echt Kung Fu kann und dementsprechend authentisch agieren kann. So viel also zur Plus-Seite des Films.

Nun die Negativ-Punkte. Denn trotz guter Grundlagen will Karate Kid nicht gefallen, selbst wenn man mit Wohlwollen an die Sache herangeht und den Streifen nicht schon im Vorfeld einfach aus dem Grund verurteilt, weil man keine Lust auf ein Remake eines Klassikers hat. Enttäuscht dürften zunächst Jackie Chans Fans sein. Karate Kid ist nämlich kein Jackie Chan-Film, sondern ein Film mit Jackie Chan und das ist etwas grundlegendes anderes. Chan lässt hier nicht die Handkanten rotieren, sondern mimt einen etwas schrulligen, primitiven Hausmeister, der nicht nur verständliches Englisch spricht, sondern inzwischen offenbar so amerikanisiert ist, dass er sich kaum noch glaubwürdig wie ein Chinese zu benehmen weiß. Auch seiner Figur kann man nur wenig Sympathien entgegenbringen, obwohl man dafür doch extra entsprechendes Drama für ihn in den Film geschrieben hat, das Chan auch recht überzeugend an den Mann zu bringen weiß. Zu guter Letzt prügelt sich Chan dann ausgerechnet mit Kindern, was ihn erstens wenig heldenhaft dastehen lässt und zweites dank der künstlichen, aber doch harten Choreographie eindeutig offenbart, dass die Kämpfe in Chans Filmen meistens genau das sind: künstliche Choreographien. In anderen Filmen mag das noch sehenswert sein, in Karate Kid gleitet das sichtlich ins Lächerliche ab. Zudem ist auch noch der Titel irreführend, geht es hier doch nicht um Karate sondern um Kung Fu.

Lächerlich agiert teilweise auch Jaden Smith, der sich grundsätzlich in den Vordergrund hampelt und cool sein möchte und damit ganz schön auf die Nerven gehen kann. Die Sympathien hat er aber auf seiner Seite, vermutlich größtenteils deshalb, weil man seine Probleme nachvollziehen kann. Wohl aber auch deshalb, weil er ja noch ein harmloses Kind ist, dessen Herz hinter all der Fassade am rechten Fleck schlägt und er dankbarerweise von Erwachsenen (Mutter, Hausmeister) noch ziemlich leicht in seine Schranken verwiesen werden kann. Richtig idiotisch sind dagegen Dres gesichtslose chinesische Feinde (gleichfalls Zwölfjährige, wohlgemerkt), die sich so hirnrissig wie sämtliche US-Highschool-Rabauken benehmen, natürlich perfekt Kung-Fu können, und ihrem bitterbösen Anführer (Wang Zhenwei) als plumpe Handlanger hinterherdackeln. Außerdem unterstehen sie als professionelle Kung-Fu-Schüler auch noch ihrem sadistischen Meister (Yu Rong-Guang).

Culture Clash und Sprachbarrieren sind zwar löblich, allerdings nur, wenn man sie konsequent umsetzt. Das vermisst man in Karate Kid allerdings. Geht der Film noch vielversprechend los, vernachlässigt man die Probleme zugunsten der Bequemlichkeit schnell, lässt alle Chinesen super Englisch sprechen und auch sonst haben Mutter und Sohn nur rudimentäre Startschwierigkeiten. Schade, hier hätte man—auch humortechnisch—noch einiges herausholen können. Kernstück des Films sind natürlich die Trainingsmethoden, die Hausmeister Han seinem Schützling aufs Auge drückt. Und die bestehen im Mittelteil des Films größtenteils aus Jacke-an-und-wieder-ausziehen. Da ist jetzt nicht nur die Frage, wie jemand durch dieses Training binnen kürzester Zeit zum Kung-Fu-As werden soll, sondern auch, wie man das dem Zuschauer als interessantes Spektakel verkauft. So kommt es, dass Karate Kid, das auch noch mit unverschämter Überlänge daherkommt, nach einem gelungenen Auftakt recht schnell zum Gähnen und Langweilen provoziert. Ehrlich! Und das gibt dem Film schließlich auch den Gnadenstoß. Wie das finale Turnier ausgeht, das mit überraschend harten Körpereinsätzen daherkommt, ist einem dann schon ziemlich egal (man ahnt es ja sowieso schon), und ob Dre doch noch Zugang zu der plötzlich so abweisenden Mei Ying findet, kümmert niemanden.

Die Neuverfilmung von Karate Kid ist dahingehend löblich, dass es nicht nur kopiert, sondern den Klassiker beherzt ins 21. Jahrhundert holt. So modernisiert geht der Film zwar vielversprechend los, versumpft aber doch schnell in gähnender Langeweile und lahmem Training. Das reißt weder ein Jackie Chan noch ein ins Rampenlicht gerückter Jaden Smith heraus. Selbst die relativ harte Action, die einem im finalen Turnier geboten wird, rechtfertigt noch lange nicht einen derart durchhängenden Mittelteil. Die Peking-Kulisse ist gut gewählt, hätte aber weniger Sightseeing-Rundfahrt denn echtes Pekinger Leben einfangen sollen. So wird Karate Kid zum zweischneidigen Schwert. Als Remake ist es gut gemacht, als eigenständiger Film eher lahm. Noch dazu wäre ein Titel wie »Kung Fu Kid« um einiges passender gewesen.

© Shaoshi, 6. Februar 2012
5/10

The Karate Kid
USA | China • 2010 • 140 Min. • FSK 6 • Actionkomödie
Alternativtitel | The New Karate Kid
Produzent | Will Smith, Jada Pinkett-Smith
Regie | Harald Zwart
Drehbuch | Michael Soccio
Darsteller | Jaden Smith, Jackie Chan, Taraji P. Henson, Han Wenwen, Wang Zhenwei, Yu Rong-Guang

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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