Filmkritik | Happy Together – Glücklich vereint (Hongkong, 1997)

Happy TogetherNach Chungking Express und Fallen Angels drehte Regisseur und Drehbuchschreiber Wong Kar-Wai Happy Together, eine reife, melancholische Ballade über Liebe, Einsamkeit und das Leben in der Fremde. Was liegt da näher, als seinen Liebesfilm in Argentinien, dem Land des leidenschaftlichen Tangos, anzusiedeln?

Genauso viele Probleme, die den beiden Hauptfiguren Lai Yiu-Fai (Tony Leung) und Ho Po-Wing (Leslie Cheung) zu schaffen machen, hatte der Film bei seiner Entstehung selbst. Denn bis zum Ende der Dreharbeiten hatte Wong Kar-Wai kein vollständiges Konzept für sein Werk, änderte ständig an der Story herum und strich etliche Szenen, nur um ganz zuletzt doch wieder ein kleines Meisterwerk zu zaubern. Happy Together hat alle Schwierigkeiten mit Bravour gemeistert, genau wie die zerbrechlichen Protagonisten, die ein schwules Pärchen bilden, das sich in der Fremde Argentiniens liebt und hasst, vermisst und verlässt—nur um letztendlich nicht ohne den anderen leben zu können. Dabei sind die beiden jungen Männer recht gegensätzlich—während Yiu-Fai der ruhige, introvertierte Partner ist, der liebt und sich sorgt, ist Po-Wing das genaue Gegenteil. Er bandelt ständig mit anderen Männern an, ist immer auf ein kleines Abenteuer aus und kümmert sich kaum um seinen Freund Yiu-Fai, obwohl er ihn doch liebt und seine Nähe im Grunde braucht.

Das von Melancholie durchtränkte Happy Together ist keine berechnende Schnulze, die mit Schwulen-Klischees um sich wirft, sondern ist ein zerbrechlicher leiser Liebesfilm fern jeglichen Hollywood-Schmalzes. Das ewige Hin und Her in der Beziehung des Pärchens, ihre Unfähigkeit sich auszusprechen, das alles trifft auf homosexuelle wie heterosexuelle Beziehungen gleichermaßen zu. Happy Together ist überaus realistisch geworden. Seine Kraft und Emotionalität ist in den kleinsten Gesten und den kürzesten Momenten verborgen—und dadurch nur umso intensiver. Eine wärmende Umarmung, das stumme Streicheln einer Augenbraue. All das ist so gefühlsintensiv wie es ein plakativer Filmkuss niemals sein könnte. Mit gewohnt perfekten Kamerafahrten und schön eingefärbten Bildern leidet und liebt der Zuschauer mit den beiden Protagonisten mit. Ihre Einsamkeit, allen voran die Yiu-Fais, ist in jeder Szene eindringlich zu fühlen, egal ob er sich mit seinem neuen Kumpel (Chang Chen) in einer Bar die Zeit vertreibt oder allein irgendwo in Bueno Aires vor sich hin leidet. Und diese Einsamkeit ist nachvollziehbar, hat er doch kein Zuhause mehr, in das er nach der Arbeit oder einem Ausflug zurückkehren könnte, das ihm Halt und Geborgenheit geben könnte. Ziellos irrt er durch Buenos Aires, die Metapher für die Leere in seiner Seele, der ewigen Suche nach Liebe und der Einsamkeit, der er ständig ausgesetzt ist. Yiu-Fai muss lernen loszulassen. Sein Blick ist wie in sämtlichen Filmen Wong Kar-Wais Blick ständig in die Vergangenheit gerichtet. Er klammert sich an Erinnerungen, die er niemals mehr wiederbeleben kann. Letztendlich schafft er es aber, einen Schritt nach vorn zu tun, einen Schritt in die richtige Richtung. Ein Happy End gibt es nicht, wohl aber einen optimistisch angehauchten Ausgang, der den Zuschauer mit einem sentimentalen Lächeln zurücklässt.

So planlos und handlungsarm Happy Together auf so manch einen Zuschauer wirken mag, so gefühlsbetont und auf seine beiden Figuren fokussiert ist der Film. Wong Kar-Wai hat sich schon immer mehr um die Gefühle und Charakterbildung seiner Figuren gekümmert als um eine dichte Plotentwicklung. Er möchte nicht erzählen sondern zeigen, uns fühlen lassen. Bei Happy Together fährt er da eine ganze Bandbreite überaus dichter Emotionen auf, die in gekonnter Bildersprache mit passender musikalischer Untermalung in das Herz des Zuschauers zu dringen vermögen. Sicher werden viele Happy Together für sterbenslangweilig halten, doch wer auch nur einen Funken Herz hat, den wird die Intensität des atmosphärisch überaus dichten Films kaum unberührt lassen.

© Shaoshi, 8. Januar 2008
10/10

春光乍洩 | Cheung Gwong Tsa Sit
Hongkong • 1997 • 93 Min. • FSK 12 • Liebesdrama
Regie | Wong Kar-Wai
Drehbuch | Wong Kar-Wai
Darsteller | Leslie Cheung Kwok-Wing, Tony Leung Chiu-Wai, Chang Chen

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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