Filmkritik | Little Big Soldier (China / Hongkong, 2010)

Little Big SoldierJackie Chan wird alt. Leugnen lässt sich das nicht mehr; am wenigsten wohl von Chan selbst. Wenn er sich weiterhin in der Filmwelt behaupten will, muss er umdenken, weg von waghalsigen Stunts und wendiger Handkantenakrobatik und hin zu etwas, mit dem er weiterhin seine Brötchen verdienen kann, ohne seine Gesundheit unnötig aufs Spiel zu setzen. Mit Little Big Soldier geht Chan den richtigen Weg. Noch immer ist das Vehikel eine Actionkomödie, noch immer ist Jackie Chan nicht nur in der Hauptrolle zu sehen, sondern hat auch hinter den Kulissen einen Löwenanteil der Produktion inne, und doch sehen wir hier keinen klassischen Jackie-Chan-Film mehr, sondern einfach einen Film mit Jackie Chan. Und das funktioniert—so gut sogar, dass wir es seit vielen Jahren endlich wieder einmal mit einem richtig guten Film von Chan zu tun haben.

Angesiedelt ist die Story, die Jackie Chan nun schon seit Jahrzehnten mit sich herumgeschleppt hat, im Jahre 227 v.Chr., also einer Zeit, in der China noch aus vielen kleinen Reichen bestand, die sich unablässig bekriegten. Chan selbst mimt einen älteren Liang-Soldaten, der Kämpfen nur zu gern aus dem Weg geht und wohl nur aus diesem Grund quasi unbeschadet auf einem verheerenden Schlachtfeld aufwacht. Für die Heimreise nimmt er sich eine Geisel—einen verletzten Wei-General (Ex-Milchbubi Wang Leehom), den er daheim gegen einen ruhigen Lebensabend als Farmer tauschen will. Doch der Weg nach Hause ist weit, führt über unwegsames Gelände und auch die Geisel erweist sich als ziemlich störrisch. Zu allem Überfluss lauern an jeder Ecke Gefahren—da werden sie von einer Zivilistin ausgenommen, von halbnackten Barbaren mit Artikulationsschwierigkeiten gejagt, von Feinden in Gefangenschaft genommen und nicht zuletzt von einem Wei-Prinzen (Steve Yoo) gejagt, der den General aus den eigenen Reihen am liebsten tot sehen möchte.

Kostümfilme zum Thema Krieg gab es in den letzten Jahre viele, doch entgegen der Erwartungen gibt es bei Little Big Soldier weder Massenszenen noch imposante Schlachten zu sehen. Jackie Chan als ramponierter Soldat reist mit seiner Geisel die meiste Zeit allein durch die Wildnis und Feinde tauchen in der Regel in überschaubaren Grüppchen auf. So konzentriert sich der Film also auf den Soldaten und sein Bestreben, seine Geisel mitzuschleppen. Das entpuppt sich als gar nicht so leicht, denn der General bockt, flieht und scheut auch nicht vor rabiateren Mitteln zurück. Ein Buddy Movie mal anders, könnte man sagen. Denn so ungleich die beiden auf verfeindeten Seiten stehenden Krieger auch so sind, so geraten sie doch immer wieder in Situationen, aus denen sie nur durch Zusammenarbeit heil entgehen können. In ruhigeren Momenten sinniert der alte Soldat schon mal darüber, dass die beiden eigentlich gute Freunde sein könnten, wäre da nicht die traditionelle Feindschaft, und auch seine letzte Entscheidung, als er mit dem General zusammen endlich an den Stufen des Liang-Reiches steht, ist dann noch wenig verwunderlich.

Ja, auch als Soldat legt Jackie Chan sein Image vom Nice Guy, der weder Vögelchen noch Häschen etwas zuleide tun will, nicht ganz ab, doch schon die groben Kostüme und Zeiten ewiger Feindschaft lassen ihn nicht mehr ganz so umgänglich erscheinen. Das tut gut. Kämpfe zwischen dem alten Soldaten und dem General bleiben zwar nicht aus und auch vor anderen Angreifern muss sich der Soldat so manches Mal verteidigen, am liebsten geht Chan Kämpfen aber wie eh und je aus dem Weg. So beschränken sich die Kloppereien zwischen Chan und anderen meistens darauf, dass Chan versucht zu entwischen, sein Gegenüber daran hindert, eine Waffe in die Finger zu bekommen oder sich notfalls per Steinwurf verteidigt. Handfeste Stunts bleiben da auf Seiten Chans zwar außen vor und auch die Choreographie war schon mal flinker und beachtlicher, aber Chan schafft es noch immer dem Ganzen seinen unverkennlichen Stil aufzudrücken. Auch Wang Leehom gefällt. Nicht länger wirkt er wie ein Milchgesicht, sondern wie der konsequente, rabiate General in einer Notlage, den er im Film verkörpert.

In all dem rasanten Treiben zu brutalen Kriegszeiten, das dem Zuschauer kaum Verschnaufspausen gönnt, bleibt auch noch erstaunlich viel Raum für Humor à la Jackie Chan. Wohldosiert regt hier so manche Pointe zumindest zum Schmunzeln an und zusammen mit der wenig spektakulären, aber konsequenten Action und dem Menscheln unter zerschlissenen Kostümen macht das Little Big Soldier zu einer runden Sache.

Little Big Soldier ist ein erstaunlich sehenswerter Streifen aus Jackie Chans neuerer Filmographie, der mit Rasanz, Action, Humor und Herz gelungene Popcorn-Unterhaltung ist, die weder mit Überlänge noch unnötigen Liebesgeschichten nervt. Jackie Chan beweist, dass er sich den Gegebenheiten anpassen kann und seinen unverkennlichen Actionstil—mit einigen Abstrichen—auch in einen neuen Lebensabschnitt hinüberretten kann. Und wer weiß—vielleicht wird aus Chan ja irgendwann noch ein »seriöser« Schauspieler. Wir dürfen auf jeden Fall gespannt sein, wie sich seine nächsten Filme entwickeln werden.

© Shaoshi, 19. Januar 2012
8/10

大兵小將 | Da Bing Xiao Jiang
China | Hongkong • 2010 • 92 Min. • FSK 16 • Actionkomödie
Regie | Ding Sheng
Drehbuch | Ding Sheng, Jackie Chan
Darsteller | Jackie Chan, Wang Leehom, Steve Yoo Seung-Jun, Ken Lo Wai-Kwong, Yu Rong-Guang, Wang Baoqiang, Xu Dongmei, Wu Yue, Song Jin, Xiao Dong Mei, Lin Peng

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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