Filmkritik | City Of Lost Souls (Japan, 2000)

City Of Lost SoulsOb es wirklich nötig war, ein Remake des US-Hits True Romance, für das kein Geringerer als Quentin Tarantino das Drehbuch geschrieben hat, zu produzieren, sei einmal dahingestellt. Doch muss man zugeben, dass es Regisseur Takashi Miike und Screenwriter Ichiro Ryu geschafft haben, den Stoff in einen »glaubwürdigen« japanischen Kontext zu verlegen und andere Schwerpunkte zu setzen.

Rasant geht es los, als der japanisch-brasilianische Ganove Mario (Teah) in spektakulärer Inszenierung zu coolen J-Rock-Klängen seine Liebste, die Chinesin Kei (Michelle Reis), aus den Fängen der Polizei rettet und mit ihr nach Japan abhaut. Doch auch in Tokio gehört man nicht richtig dazu und ist auch nicht sicher, als sich Yakuza und Triaden ins Geschehen mischen. Weil das nötige Kleingeld fehlt, um schnell das Land zu verlassen, müssen sich Mario und Kei etwas einfallen lassen. Doch in dem Koffer, den sie der asiatischen Mafia direkt aus den Händen entwenden, befindet sich nicht wie erwartet ein Haufen Kohle sondern ein großer Posten Drogen, den die Gangster natürlich wiederhaben wollen.

Was so rasant, lässig und ganz schön übertrieben anfängt, lässt in City Of Lost Souls bald schon nach, denn ist man erst einmal in Tokio, gibt man sich lieber der üblichen Milieustudie hin: verfeindete Japan- und Chinesenmafia-Clans mit stereotypen Bösewichten, fertige Kleinkriminelle, die ebenfalls nach ihrem Platz im Leben suchen, Huren mit gutem Herz und Ausländer und vermischte Rassen, die sich in keiner Kultur richtig heimisch fühlen und gerade in Japan auch kaum akzeptiert werden—und mittendrin natürlich das Heldenpärchen Mario und Kei, das freilich gut ist, obwohl es schon mal mit großen Ballermännern durch die Gegend schießt. Ein tragisches Ende ist hier trotz der inszenierten Coolness vorprogrammiert und wird vorangetrieben durch Entführung eines blinden Mädchens und der Angebeteten selbst.

Takashi Miike hält sich mit Skurrilitäten und Abartigkeiten in City Of Lost Souls glücklicherweise ziemlich zurück und lässt auch explizite Gewaltdarstellungen nicht so ausschweifen wie in einigen seiner anderen Werke, obwohl es natürlich auch mal zu harten Prügeleien, Leuteanzünden, Schießereien und Blutvergießen kommt. Als groteskes Highlight gilt hier aber vermutlich schon der schlecht animierte Hahnenkampf im Matrix-Stil und Takashi Miikes gern genutzter schwarzer Humor, der sich in City Of Lost Souls schon mal ganz schön rassistisch äußerst.

Die Handlung um den coolen Mario und seine etwas blasse Freundin Kei wird noch vollgestopft mit allerlei (nicht unbedingt notwendigen) Nebengeschichten, die detailliert den Krieg zwischen Yakuza und Triaden wiedergeben oder das Leben der Hure Lucia genauer ausleuchten. So bekommen auch Nebenfiguren erfreulicherweise Tiefe, lenkt aber auch vom eigentlichen Plot ab, was auch der Grund sein dürfte, warum sich City Of Lost Souls im Mittelteil etwas zieht.

Wer das Original kennt, dürfte von City Of Lost Souls zwar eventuell enttäuscht sein, doch im Grunde hat es Takashi Miike geschafft, dem Gangsterfilm so unverkennbar seinen Stempel aufzudrücken, dass man ihn als eigenständigen Film akzeptieren kann. Da sich Miike mit Gewalt und ätzenden Szenen zurückgehalten hat, dürfte der Film einem relativ großen Publikum zugänglich sein und sorgt nicht zuletzt dank seines (teilweise etwas zu plump eingesetzten) Soundtracks für coole Momente. Von einem Meisterwerk ist City Of Lost Souls aber weit entfernt—der Film kann die Erwartungen des rasanten Anfangs leider nicht aufrecht erhalten und spult dabei fast nur altbewährte Klischees ab. Zwar einer von den besseren Miike-Filmen, aber auch nicht so richtig rund, der Streifen.

© Shaoshi, 13. November 2009
6/10

漂流街 | Hyoru Gai
Japan • 2000 • 103 Min. • FSK 16 • Action
Regie | Takashi Miike
Drehbuch | Ichiro Ryu, Seishu Hase
Darsteller | Teah, Michelle Reis, Patricia Manterola, Mitsuhiro Oikawa, Koji Kikkawa, Ren Osugi, Akaji Maro, Anatoli Krasnov, Sebastian DeVicente, Terence Yin, Atsushi Okuno, Akira Emoto, Eugene Nomura, Marcio Rosario, Ryushi Mizukami

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s