Filmkritik | The Host (Südkorea, 2006)

The Host»Nicht noch so ein Monsterfilm« mag man sich denken, wenn man hört, dass The Host mal wieder von einem mutierten Vieh handelt, das die Menschheit dezimieren will, nur diesmal eben in Seoul anstatt in einer X-beliebigen amerikanischen Kleinstadt. Doch was nach Trash klingen mag, gestaltet sich als überaus gut inszeniert. Nicht zu Unrecht wurde The Host in Korea zu einem Überraschungs-Hit und selbst in Deutschlands Kinos war man begeistert.

Warum, mag man am einfach gestrickten Anfang gar nicht so recht verstehen, wenn der böse Ami in einem Forschungslabor in Korea seinen Gehilfen der Einfachheit halber dazu anstiftet, die alten Chemikalien doch direkt im nächsten Fluss zu entsorgen. Schon haben wir den (zugegeben wenig kreativen) Grund, warum eine Kaulquappe zu einem großen, gefräßigen Monster mutiert, das sich im Fluss durch Seoul tummelt und sein Quartier samt Vorratskammer in der Kanalisation aufgeschlagen hat. Auch die zerrüttete Familie Park ist mittendrin im entstehenden Chaos, allen voran der leicht beschränkte Kang-Du (Song Kang-Ho), dessen Tochter Hyun-Seo von dem Monster verschleppt wird. Wie viele andere gerissene Opfer wird auch sie für tot erklärt, doch Kang-Du will das nicht glauben und macht sich samt altem Vater, dem schnöseligen, saufenden Bruder und seiner Schwester (Bae Doona als Bogenschützin, die das letzte Turnier eben vergeigt hat) auf die Suche.

Was also nach wenig Story klingt und wie gesagt nicht sonderlich innovativ beginnt, wächst sich schnell zu einem atmosphärisch dichtem Thriller aus—Horror wäre dann doch zu viel gesagt—der auch vor einigen Schmunzelmomenten nicht Halt macht. Besonders positiv sticht nämlich heraus, dass man sich Zeit genommen hat, die wichtigsten Personen genau zu charakterisieren, so dass sie nicht einfach nur in eine Standardschablone passen, sondern individuell und lebendig gezeichnet werden. Das vermisst man sonst ja in mindestens 99% aller Monsterfilme. So wird der Zuschauer also an die Protagonisten gebunden, wird mitgerissen im Geschehen, das in einem koreanischen Film weit weniger durchschaubar ist als es in den zahllosen, trashigen Biesterhorrorstreifen aus dem Westen der Fall ist.

Dass es Regisseur und Drehbuchschreiber Bong Joon-Ho versteht, Spannung und Atmosphäre aufzubauen, hat er ja bereits mit Memories Of Murder bewiesen und auch bei The Host versteht er es, Spannung aufzubauen und den Zuschauer an den Film zu binden. Das liegt natürlich auch ein bisschen daran, dass man viel vom hässlichen und überaus agilen Amphibienmonster zu sehen bekommt—und zwar nicht nur gliedmaßenweise, sondern komplett. Das Vieh ist technisch einwandfrei animiert, so dass man ein »glaubwürdiges«, tolles Monster hat, das zwar einer Kaulquappe kaum ähnelt, sich aber lässig an Brückenbauten entlang hangeln kann, ein gefräßiges Maul hat und seinen Schwanz wie einen Fangarm einsetzen kann.

Ein wenig störend ist allerdings, dass das Ganze zeitweise zu einem Outbreak-Verschnitt mutiert, als bekannt wird, dass die Kaulquappe angeblich einen ansteckenden Virus in sich trägt—was zeigt, dass es sich die Regierung immer so hinbiegen kann, wie sie möchte. Auch Familie Park wird in Quarantäne gesteckt und selbst, wie sie da wieder rauskommen, fesselt dann wieder an die Mattscheibe. Wie vor allem auch die Szenen in der Kanalisation, wo die kleine Hyun-Seo (zu Beginn noch eine Nervensäge, aber so verdreckt, in Todesangst und tapfer dann doch sympathisch) ums Überleben kämpft.

Freilich ist fraglich, warum sich nur eine einzige Kaulquappe in einen tierischen Hulk verwandelt hat, warum sich fast alle einen Dreck um das Biest scheren oder warum man das angebliche Virus mit einem Mittel bekämpfen möchte, das viel gefährlicher als das Virus selbst scheint. Aber solche Fragen darf man sich nicht stellen. Eine Jagd nach einem riesigen Monster gestaltet sich bekanntlich ja selten nach den Gesetzen der allgemein anerkannten Logik. Trotzdem macht The Host einfach Spaß—und das trotz des Themas einmal ganz ohne Trash. Die Koreaner machen jedenfalls eindrucksvoll vor, dass das durchaus geht.

Trotz einer altbewährten Story überzeugt der Thriller auf ganzer Linie, wenn man die üblichen Logiklöcher mal außer Acht lässt. Obwohl das Monster nicht einmal allzu viele Opfer fordert, stößt das beim Tierhorror-Fan nicht negativ auf, da das Außenrum einfach stimmt. Für das Schicksal der markanten Familie Park gibt es auch noch einen Pluspunkt und das Ende wartet mit einem Korea-typischen Schuss an Melodramatik auf. Präsentiert sich der Streifen dann auch noch in satter Optik und wird so solide erzählt, kann einfach nichts schief gehen. Das ist saubere Arbeit. Nicht umsonst wurde The Host der koreanische Überraschungs-Hit in Sachen Biesterhorror.

© Shaoshi, 1. Dezember 2008
8/10

괴물 | Goemul
Südkorea • 2006 • 115 Min. • FSK 16 • Monsterfilm
Regie | Bong Joon-Ho
Drehbuch | Baek Cheol-Hyeon, Bong Joon-Ho, Ha Joon-Won, Joo-Byeol
Darsteller | Song Kang-Ho, Byeon Hee-Bong, Park Hae-Il, Bae Doona, Ko Ah-Seong, Lee Jae-Eung, Lee Dong-Ho, Yoon Je-Moon, Lim Pil-Seong, Kim Roi-Ha, Yoo Yeon-Soo, Oh Dal-Soo (vertonte das Monster)

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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