Serienkritik | Dicey Business (Hongkong, 2006)

Dicey BusinessCasino-Serien bzw. –Filme sind eine Sache für sich, da sie stark polarisieren. Wer mit dem Thema Casino und Glücksspiel nichts anfangen kann, hat klar das Nachsehen. Was für eine Freude also, dass sich die Hongkong-Serie Dicey Business besonders auf die für TVB üblichen Zutaten wie Freundschaft, Verrat, Intrigen, Gier nach Reichtum und Macht, Liebe und ein bisschen Wirtschaftsdrama verlässt. Um Pokerwettbewerbe, den Arbeitsalltag von Croupiers und spielsüchtige Gäste kommt man zwar nicht herum, doch bleibt auch für den geneigten Soap-Liebhaber genügend Resthandlung, um sich nicht durchgängig zu langweilen. Die ausufernde Story macht’s möglich, und die liest sich so:

In den 80er Jahren gilt der damals noch blutjunge Chai Foon-Cheung (Bobby Au) als vielversprechendes Pokertalent. Doch als er sich ausgerechnet in die Freundin seines Gegenspielers Kiu Ching-Cho (Michael Miu) verliebt und sein kleiner Bruder in Las Vegas verschwindet, ist es mit der Karriere zu Ende. Von der eigenen Familie verstoßen und völlig abgebrannt irrt er um Geld spielend auf den Philippinen herum, wo er sich mit dem nicht minder erfolglosen Chau Fuk-Wing (Hui Siu-Hung) anfreundet. Mitte der 90er stoßen die beiden wieder auf Cho, der sich inzwischen als CEO für das große Casino mit dem wenig kreativen Namen »Onisac« auf den Philippinen eine goldene Nase verdient. Die Feindschaft von damals ist schnell vergessen und die drei Männer wachsen zu einer engen Freundschaft zusammen.

Die eigentliche Handlung spielt allerdings im Jetzt, d.h. so ca. 2006, wo die drei Freunde bereits gereifte Männer sind. Cheung, der den Verlust seines kleinen Bruders vor zwanzig Jahren nie überwunden hat, will nach Hongkong reisen, um seine Eltern ein letztes Mal um Vergebung zu bitten. Dort angekommen, steht er nur noch vor den Ruinen seines einstigen Lebens. Zum Glück läuft ihm die spielsüchtige Lei Ching-Wan (Jessica Hsuan) über den Weg, die er bereits im »Onisac« kennen gelernt hat und die zufällig einen Schlafplatz für ihn hätte, d.h. falls Cheung gewillt wäre mit einem autistischen Messie eine kleine Wohnung zu teilen. Wie sich herausstellt (und jeder Zuschauer bereits ahnt), ist dieser autistische junge Mann ausgerechnet Cheungs lange verschollener kleiner Bruder Fu (Bosco Wong). Cheung kümmert sich fortan um seinen Mitbewohner, verschweigt ihm aber vorsichtshalber erst einmal seine wahre Identität. Als sich dann herausstellt, dass Fu ein ganz besonderes Talent, was das Kartenspielen angeht, besitzt, fahren zuletzt alle zurück auf die Philippinen, wo Cheung als Sicherheitsmann für »Onisac« arbeitet und Fu endlich unter die Menschen kommt, als er eine Ausbildung als Croupier anfängt und sich in Kollegin Mimi (Tavia Yeung) verliebt.

Das Glück währt allerdings nicht lange, als Cho ins Visier eines verrückten Gangsters (Kwok Fung) gerät, für den er einen Casino-Überfall inszenieren muss, bei dem Cheung zuletzt als der Bösewicht dasteht. Die Ereignisse verdichten sich, als sich auch noch Triaden in das Casino einkaufen wollen und Cho immer mehr den Weg der Ehrlichkeit aus den Augen verliert. Auch seine Freundschaft zu Cheung und seine Liebesbeziehung zu Wan nehmen bald irreparablen Schaden. Das Chaos im Kampf um das Casino und bald sogar auf Leben und Tod zieht immer weitere Kreise.

Dicey Business hat in seiner Vielfältigkeit einige sehr interessante Ansätze vorzuweisen. Besonders beliebtes Thema scheint das Sitzen zwischen den Stühlen zu sein. So stehen alle wichtigeren Personen vor großen Entscheidungen: Cho muss sich zwischen der kriminellen geldgierigen Seite und seinen Freunden entscheiden; Fu steht vor der Wahl lieber in die Fußstapfen seines Bruders Cheung oder doch lieber in die seines heißgeliebten Mentors Cho zu treten; Wan weiß nicht so recht, ob sie nun lieber Cho oder Cheung lieben soll; Mimi liebt Fu, hätte aber lieber einen reichen Mann wie Playboy Ronald (Eric Li), seines Zeichens Sohn vom kränklichen Casino-Besitzer Yung Hon-Cheung (Law Lok Lam); Wing ist durch die Feindschaft seiner beiden besten Freunde hin- und hergerissen; und Cheung würde am liebsten mit allen harmonisch zusammenleben, muss aber mit ansehen, wie sein Weltengefüge immer mehr zerbröckelt und irreparable Schäden annimmt.

Die Freundschaft zwischen Cheung, Cho und Wing, die immer mehr in Feindschaft umschlägt, führt wie ein roter Faden durch die Serie. Die beste Figur der drei macht aber ausgerechnet Hui Siu-Hung als Wing, der sich bald zwischen den Fronten befindet und verzweifelt versucht, auch dann noch die Freundschaft zu den beiden inzwischen befeindeten Männern aufrechtzuerhalten, als es schon längst zu spät ist. Mit viel Witz und Intensität spielt Hui Siu-Hung eine sympathische, tragische Rolle mit herzzerreißendem Abgang. Schade, dass er nur eine Randfigur ist, der man viel zu wenig Beachtung schenkt. Hauptfiguren sind nämlich ganz klar Cheung und Cho.

Cheung führt uns als der sympathische Dicke durch die Handlung, der arg schicksalsgebeutelt ist. Gerade im ersten Drittel der Serie fiebert man mit ihm mit und freut sich wahnsinnig für ihn, dass er seinem kleinen Bruder nach zwanzig Jahren endlich wieder gegenüberstehen kann. Dementsprechend nahe geht einem auch Fus Schicksal, der als licht- und menschenscheuer Messie in einer zugemüllten Wohnung haust und sich am liebsten in einer dunklen Ecke verkriecht und kein Wort spricht. Rückblickend sind dies mit die stärksten Szenen, die intensiv und einfühlsam die vorsichtige Annäherung der beiden Männer und Fus tragische Vergangenheit beleuchten. Leider wird all das schlagartig zunichte gemacht, wenn Fu sich praktisch mit dem Gang zum Friseur in einen integrierten, nicht länger verhaltensgestörten Mitbürger verwandelt, der sich nicht nur in der Ausbildung als Croupier wie zu Hause fühlt und sich in Mimi verliebt, sondern ausgerechnet Cho als Mentor auserwählt und Cheung immer mehr den Rücken kehrt. Cheung, der seinen Bruder jedoch nicht ziehen lassen will, spielt sich immer mehr als gluckenhafte Mutter auf, wodurch er trotz aller guten Absichten auch dem Zuschauer ganz schön auf die Nerven gehen kann.

Unter Fus Wandlung leidet die Figur auch selbst. Sobald Fu nämlich in die Gesellschaft integriert ist, wird er zum gesichtslosen Typen, der Cho blind hinterherläuft, Kartenspielen lernt und als Spielball missbraucht wird. Interessant dürfte er höchstens noch für alle Fans von Bosco Wong sein, da er doch recht viel Screentime zugestanden bekommt und dann auch noch Tavia Yeung an die Seite gestellt bekommt. Die muss nur leider eine lispelnde, dümmliche Tussi spielen, die nur dem Geld nachrennt, sich aus Ego-Gründen die Brüste vergrößern lässt und auch sonst nicht gerade zum Publikumsliebling gewählt werden kann. Im Grunde ist ihre Rolle sowieso überflüssig.

Auch Cho wandelt sich zum Schlechten. In seinem Fall wird er vom aalglatten CEO zum immer skrupelloseren Kriminellen—eine Wandlung, die man trotz ausgelegter Fallen wohl schon hätte verhindern können. Der Bösewicht steht Michael Mui ganz gut, auch wenn seine Figur teilweise so extrem reagiert, dass es schon direkt lächerlich wirkt, etwa wenn er in seiner Verzweiflung einem illegal praktizierenden Arzt sämtliche benötigte Operationsgeräte auf einem Karren herbeirollt—einfach nur, weil er reich ist und das nötige Kleingeld besitzt, um all das teure Gerät zu kaufen.

Die letzte wichtige Rolle spielt Wan, die eingangs als spielsüchtige, aufgedrehte Frau nervt, später kurz mit Cho zusammen ist, dann als Fotografin durch China reist (was auch nervt) und plötzlich irgendwie mit Cheung eine Beziehung eingeht—wohl einfach nur, um ihrem Charakter noch eine Daseinsberechtigung zu geben. Das wirkt aber eher peinlich bemüht, so dass man als Zuschauer ständig das Gefühl hat, dass Cheung und Wan durch die idiotische Beziehung auch noch ihre Freundschaft aufs Spiel setzen.

Und so scheitert Dicey Business schon allein durch seine Figuren, die zwar in teilweise interessanten Konstellationen stehen, sich insgesamt aber meist in eine nervtötende Richtung entwickeln. Auch am Handlungsverlauf hapert’s, der eingangs interessant und dicht ist, im Mittelteil aber zum Gähnen langweilige Passagen aufweist und erst in den letzten Folgen noch einmal so richtig aufdreht, wenn sich die Serie dank der skrupellosen Arbeit der Triaden um Chan Kwok-Kuen (Felix Lok) zu einem Beinahe-Wirtschaftsthriller verdichtet.

Hinzu kommt noch, dass die Serie oft mit allzu naiven, verblendeten Weltansichten verstört: Da gilt Kartenspielen als seriöse Wissenschaft und erstrebenswerter Hauptberuf; und wer ein guter Spieler, der ist auch gleich eines hohen Postens im Casino würdig. Da steht man nach einer Nierentransplantation (übrigens ein weiteres Szenario mit Hasspotential) gleich am nächsten Tag wieder frisch-fröhlich auf der Matte und schmuggelt sich ohne Papiere erfolgreich ins Passagierflugzeug. Dabei gilt man auch noch als ausreichend unerkannt, wenn man sich mit Hut und Sonnenbrille »verkleidet«. Man wird als vermeintlicher Casino-Einbrecher, welcher dieses angeblich um ein paar Millionen erleichtert hat, angeklagt, aber ebenso schnell freigesprochen wie der Verbleib des Geldes und des echten Täters nicht mehr interessiert; und wer anfangs noch als autistischer Messie im dunklen Kämmerlein haust, legt schlagartig sämtliche Verhaltensstörungen ab, sobald man ihm nur eine ansehnliche Frisur verpasst.

Dicey Business wäre aber keine richtige Casino-Serie, wenn man nicht hin und wieder um Leben und Tod pokern müsste und so darf man schon das ein oder andere Mal breitgetretenen Wettbewerben zusehen. Dummerweise lässt sich Kartenspielen einfach nicht spannend inszenieren, auch nicht, wenn man die Szenen mit dementsprechender Musik unterlegt. Egal, ob man nun die Regeln der Kartenspiele kennt oder nicht—bei diesen Szenen dürfte wohl ein jeder Zuschauer Däumchen drehen.

In 35 Folgen à 40 Minuten erzählt Dicey Business eine Geschichte, bei der man sich zu Recht gerne mal an die US-Serie Las Vegas erinnert fühlen könnte. Dicey Business kann zwar mit interessanten Facetten und spannenden, emotionalen Momenten aufwarten, doch im Mittelteil hängt die Story zu sehr durch und verliert sich immer mehr in übertriebenen, unrealistischen Lächerlichkeiten. Die Figuren verhalten sich oft viel zu nervtötend und wer am Besten wegkommt—Hui Siu-Hung nämlich—ist leider nur Randfigur. Die Schauplatzwechsel zwischen den exotischen Philippinen mit Urlaubsflair und den weniger repräsentativen Teilen Hongkongs tun gut und Konflikte und Wendungen in der Handlung sorgen dafür, dass man trotz aller Ärgernisse zuletzt doch noch ganz gut am Ball bleiben kann. Eine richtig gute Serie sieht zwar anders aus, aber Dicey Business besitzt immerhin genügend Suchtpotential, um darüber hinwegzutäuschen, dass man beim Gucken das ein oder andere Mal doch den angestauten Ärger ins Sofakissen beißen musste.

© Shaoshi, 5. März 2011
6/10

賭場風雲 | Do Cheung Fung Wan
Hongkong • 2006 • 35 Episoden (je ca. 40 Min) • Drama [Serie]
Produzent | Nelson Cheung
Regie | Man Wai-Hung
Drehbuch | Chan Suk-Yin, Kwan Ho-Yuet
Darsteller | Bobby Au Yeung, Michael Miu Kiu-Wai, Hui Siu-Hung, Jessica Hsuan, Bosco Wong, Ha Ping, Kwok Tak-Shun, So Yun-Chi, Karen Lee, Yu Tze-Ming, Kitty Lau, Bruce Li, Chan On-Ying, Lee Kwok-Lun, Yvonne Lam, Tavia Yeung, Stephen Hyunh, Law Lok-Lam, Cheung Bui-Sin, Joseph Yeung, Chan Wing-Kei, Gordon Siu, Mak Ka-Lun, Rachel Kan, Siu Chuen-Yung, Cheng Ka-Sang, Russell Cheung, David Do, Summer Joe, Ivy Ng, Jackeline Cheung, Kwok Fung, Florence Kwok, Savia Tsang, Felix Lok, Deno Cheung, Eileen Yeow, Akina Hong, Leanne Li, Sin Ho Ying, Chow Chung, Lily Leung, Oscar Chan, Gill Mohindepaul Singh, Oscar Leung, Cha Cha Chan, Lily Li, Catherine Chau, Gigi Wong, Queenie Chu, Hui Bek Kei, Ho Lam, Ling Lai Man, Lai Sau Ying, Wong Man Piu, Yu Mo Lin, Lee Gong Lung, Chan Dik Hak, Eddie Lee, Chalk North, Wong Wai Tak, Hui Ming Ji, Luk Chun Kwong, Coson Ning, Chiu Shek Man, Chung Kin Man, Ko Jun Man, Daniel Kwok, Chung Kin Ming, Tsang Yuk Guen, Reyan Yan, Gun Kwok Wai, Lee Tsi Kei, Koo Ming Wa, Wu Kei Fung, Chan Yu Hei, Kwong Chor Fai, Steven Ho, Peter Pang, Kau Cheuk Nung, Chan Min Leung, Natalie Choi, Ho Jun Hin, Cheung Kwok Hung, Cha Cha Chan, Lau Cheuk Chi, Lam Man Yi, Tsang Yuen Sa, Dik Siu Lun, Chan Kin Man, Fu Kim Hung, Wong Fung King, Brian Burrell, Leung Kin Ping, Wasa Tse, Jim Tang, Bryant Mak, Law Kwan Chor, Poon Koon Lam, Eric Chung, Gregory Charles Rivers, Chan Sek Gong, Candy Chu, Chiu Lok Yin, Jason Lam, Mikako Leung, Candy Cheung, Simon Lo, Jacky Yeung, Lai Ming Nok, Lee Kai Kit, Martin Tong, Ho Man Git, Wong Jen San, Icy Leu, Lam Ying Hung, Jim Sau Gwan, Helena Wong, Ng Man Sang, Hui Man Kiu, Cheung Kwok Wai, Marco Loo, Tong Jin Wai, Nok Si, Ho Hing Fai, Cheung Dat Lun, Lau Tin Lung, Adam Ip, Yeung Ying Wai, Evergreen Mak, Fanny Yip, Eric Li, Dennis So, Roy Po, Wong Kei Sen, Wong Ji Wai, Yeung Ching Wa, Siu Cheuk Hiu, Lily Liu, Law Tin Chi, Cheung Han Mo, Cheung Siu Chin, Yetta Tse, Billy Kong, Chiu Man Tung, Raymond Chiu

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Cover-Quelle: movie.douban.com

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