Filmkritik | Mein Nachbar Totoro (Japan, 1988)

Mein Nachbar TotoroTotoro, das ist ein großes plüschiges Fantasiewesen, das in Asien bei Kindern ungefähr so bekannt und beliebt ist wie hierzulande die klassischen Disney-Figuren. Dass der Kult um dieses gutmütige Wesen einmal solche Ausmaße annehmen würde, das dachte 1988, zur Entstehungszeit des Animé Mein Nachbar Totoro, bei Ghibli wohl noch niemand. Tatsächlich hatte man sogar eher Bedenken, ob die Figur bei den Zuschauern überhaupt ankommen würde. Wer hätte also gedacht, dass der füllige Totoro sogar einmal zum Markenzeichen der Ghibli-Studios avancieren würde.

Grundschülerin Satsuki und ihre vierjährige Schwester Mei ziehen zusammen mit ihrem Vater aufs ländliche Idyll, um näher an dem Krankenhaus zu wohnen, in dem ihre Mutter seit Langem bleiben muss. Bald trifft Mei beim Spielen auf ihren freundlichen Nachbarn—es ist der große plüschige Waldgeist Totoro, der in einem riesigen Baum wohnt und nur von Kindern gesehen werden kann. Er kann nicht sprechen, aber die Menschen verstehen, und da er mehr als gutmütig ist, hilft er den beiden Mädchen bald schon über die schwierige Zeit hinweg.

Selten erlebt man einen Zeichentrickfilm, der so einfühlsam und kindgerecht produziert wird wie Mein Nachbar Totoro. Die überall angepriesenen Abenteuer mit dem gutmütigen Baumgeist bleiben zwar aus, denn der Film ist sehr auf Realität bedacht und schildert eher das Leben zweier kleiner Mädchen, die ohne ihre Mutter aufwachsen müssen. Dabei wird um Kitsch und Klischees ein großer Bogen gemacht, so dass der Film die meiste Zeit einen sehr realistisch gehaltenen Ton anschlägt, was sich schon in der superben Charakterzeichnung der Figuren niederschlägt. So ist Satsuki die große Schwester, die darauf bedacht ist, stark und vernünftig zu sein, so lange ihre Mutter im Krankenhaus bleiben muss. Sie verrichtet ohne zu murren Hausarbeiten, ist aber auf der anderen Seite auch ein waschechtes Kind. Zusammen mit ihrer Schwester, der vierjährigen Mei, die ebenfalls versucht stark und mutig zu sein, haben die beiden im neuen Haus, das von Rußgeistern (die uns in ähnlicher Form in Chihiros Reise ins Zauberland wiederbegegnen sollen) bevölkert ist, viel Spaß. So sind die beiden Schwestern die meiste Zeit sehr fröhlich, kichern kindisch und verrichten alles im hyperaktiven Sauseschritt. Es gibt aber auch die traurigen Momente, in denen geweint wird, weil die Enttäuschung, dass ihre Mutter entgegen aller Versprechungen doch noch nicht aus dem Krankenhaus entlassen wird, allzu groß wird. Die Art und Weise wie mit der Krankheit der Mutter und dem derweil alleinerziehenden Vater und seinen beiden Töchtern umgegangen wird, ist dabei so feinfühlig, dass es selbst einem erwachsenen Zuschauer durchaus mal die Augen feucht werden lässt.

Richtig tragisch ist es dann, als Mei nach einem Streit wegläuft und sich Satsuki mehr als Sorgen um ihre kleine Schwester macht. Dies ist der Höhepunkt von Mein Nachbar Totoro. Und obwohl man ahnt, dass es ein Happy End geben muss, fiebert man doch bei der Suche nach Mei mit, wenn einem auffällt, wie sehr einem die beiden Mädchen ans Herz gewachsen sind.

Zugegeben, die Geschichte, die wie ein Drama (aber mit kindgerechtem Humor) daherkommt, hätte vermutlich auch ohne Totoro funktioniert. Der Waldgeist Totoro, dem überraschend wenig Screentime zugestanden wird, kommt aber dermaßen sympathisch rüber, dass er nicht nur Satsuki und Mei ablenkt, sondern auch den Zuschauer zum Schmunzeln anregt. Es ist schon süß zu sehen, wie Totoro tagelang wie etwas besonders Kostbares den Schirm mit sich herumträgt, den ihm Satsuki bei einem Wolkenbruch gegeben hat, oder wie grenzdebil er bei allen möglichen Gelegenheiten übers ganze Gesicht grinst. Seltsam und fantasievoll wird es dann sogar noch, wenn er im lebendigen, zwölfbeinigen Katzenbus fährt, der auch den Kindern hilft, des nachts Bäume sprießen lässt oder auf einem Kreisel über die Felder fliegt, um Wind zu produzieren.

Neben tollen Charakteren und einer einfühlsamen Erzählweise besticht der Animé noch durch erstklassige Synchronstimmen und seinen herkömmlich gehaltenen Zeichenstil, der überraschend zeitlos ist. Dass der Film aus den 80ern stammt, hätte man so nämlich nicht gemerkt. Nette Figuren und detailreiche Ausschmückungen der Hintergründe sorgen für ein schönes Animé-Erlebnis. Lediglich die Mimiken der Menschen sind für die Geschichte teilweise etwas zu simpel ausgefallen.

Mein Nachbar Totoro richtet sich zwar mehr als offensichtlich an die ganz kleinen Zuschauer, doch auch Erwachsene können dem Film durchaus etwas abgewinnen. Die Handlung ist—mit Ausnahme der fantastischen Totoro-Elemente natürlich—sehr realistisch gehalten. Als hätte Regisseur und Drehbuchautor Hayao Miyazaki hier eigene Kindheitserfahrungen verarbeitet. Selten erlebt man einen Kinderfilm, der so einfühlsam und ohne Kitsch das Schicksal zweier Mädchen beleuchtet, die in der Regel zwar sehr aufgeweckte fröhliche Kinder sind, aber eben doch auch mit etwas so Schlimmen wie der kranken Mutter umgehen müssen. Neben den Kindern besticht auch eine überaus sympathische, menschliche Vaterfigur, wie sie sich wohl jedes Kind wünschen würde, und natürlich der gutmütige, gemütliche Totoro, der sich im Grunde ganz schön im Hintergrund hält. Mein Nachbar Totoro ist für alle großen und kleinen Animé-Fans und solche, die es noch werden wollen, absolut empfehlenswert. Tipp!

© Shaoshi, 22. Januar 2008
9/10

となりのトトロ | Tonari No Totoro
Japan • 1988 • 86 Min • FSK o.A. • DRAMA [ANIMÉ]
Regie | Hayao Miyazaki
Drehbuch | Hayao Miyazaki

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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