Serienkritik | Chinese Paladin (China / Taiwan / Singapur, 2005)

Chinese PaladinComputerspielverfilmungen sind ja so eine Sache für sich, aber die Serienverfilmung des gleichnamigen chinesischen Rollenspiels Chinese Paladin zeigt, dass man durchaus ein sehenswertes Werk auf die Beine stellen kann. Im vorliegenden Fall haben sich China, Taiwan und Singapur (und indirekt Hongkong) zusammengetan und steuerten bekannte Darsteller, nette Kulissen und tonnenweise verrückter Ideen bei, die einen leckeren Cocktail aus Eastern, Fantasy, Komödie und Drama ergeben.

Li Xiao Yao (Hu Ge) ist ein einfach gestrickter junger Mann, der sich grenzdebil kichernd für einen Frauenheld hält. In einem historischen Setting lebt er in einem kleinen Dorf bei seiner Tante, mit der er ständig im Clinch liegt und außerdem ein schlecht laufendes Gasthaus betreibt. Als drei Anhänger der mächtigen Mondsekte bei ihnen einkehren und die Tante krank wird, muss Xiao Yao nach Divine Island fahren, um von den Elfen eine heiß begehrte Universalpille zu erhalten. Dort trifft er die schöne Ling’er (Crystal Liu), die glaubt ihn von früher zu kennen, und sich schlagartig in ihn verliebt. Nach einer überhasteten Hochzeit fährt Xiao Yao nach Hause, um seine Tante zu heilen, vergisst aber auf seiner Überfahrt alles Vorgefallene. Als er wenig später wieder auf die inzwischen von der Mondsekte entführte Ling’er trifft, erkennt er sie nicht mehr. Trotzdem verlieben sich die beiden bald aufs Neue und tun sich zusammen, um ihrer Großmutter den letzten Willen zu erfüllen: Ling’er soll zurück nach Nan Zhao, ihrer Heimat, denn Ling’er ist die Tochter des dortigen Herrschers—und nicht nur das: Ling’er ist quasi die Reinkarnation der schlangenähnlichen Gottheit Nuwa—eine Tatsache, die schon ihrer Mutter das Leben gekostet hat.

Auf ihrer (je nach Ausstrahlungsgebiet 34 oder 38 Episoden umfassenden) Reise treffen Xiao Yao und Ling’er auf allerhand Figuren—da wären die streitsüchtige Yue Ru (Ady An), die sich ihnen bald anschließt, sowie ihr wohlerzogener Cousin Jin Yuan (Bryan Wang), der Xiao Yaos Kampfgeist unbedingt nacheifern möchte, die überdrehte, nur ans Essen denkende Freundin von Ling’er, Ah Nu (Esther Liu), und deren Freund Tang Yu (Eddie Peng), aber auch der ständig besoffene Martial-Arts-Künstler Drunken Sword Immortal (Tse Kwan Ho), von dem Xiao Yao erst die Schwertkampfkunst erlernt. Mal reisen sie gemeinsam, mal getrennt, mal laufen sie sich wieder über den Weg—aber alle nichts anderes als Figuren im bösen Spiel des garstigen Sektenführers Bai Yue (schön hinterhältig: Elvis Tsui), der die Welt beherrschen bzw. zerstören will und im Grunde der Menschheit beweisen will, dass wahre Liebe nicht existiert (eben weil er in seinem Leben selbst nie geliebt worden ist).

Chinese Paladin fängt unbeschwert und vor allem witzig an, wird dann aber immer spannender und ernster und gegen Ende richtig dramatisch, wenn es sogar Verluste in den eigenen Reihen zu beklagen gibt. Das hätte man zu Beginn sicherlich nicht in einem solchen Ausmaß erwartet, was aber auch zeigt, dass sich die Serie in ihrem Verlauf stark entwickelt. Das schlägt sich auch in den Figuren nieder. So wie sich die Serie wandelt, entwickeln sich auch die Charaktere. Xiao Yao (beeindruckend spielfreudig: Hu Ge), anfangs noch der selbstverliebte Tunichgut, in dem man kaum einen verantwortungsbewussten mutigen Helden sehen kann, wird bald genau das. Durch Schicksalsschläge und neugewonnene Erfahrungen wird er erwachsen, bleibt seinen Wurzeln aber treu. Die Prinzessin Ling’er (etwas zu steif: Festland-Schönheit Crystal Liu) wandelt sich vom verwöhnten unbeschwert herumtollenden Mädchen zur verantwortungsbewussten Frau, die sich, von ihrem eigenen Schicksal als Göttin erschlagen und gewillt dies so lange wie möglich geheimzuhalten, etwas zu reserviert verhält. So bleibt sie aber leider eine etwas zu blasse und steife Figur.

Die kampferprobte Yue Ru (eindringlich: Ady An) mag zu Beginn ihres Erscheinens noch nerven, da sie mit Xiao Yao in einer Tour streitet, doch die gemeinsam bestandenen Abenteuer schweißen die beiden zusammen und ihre innige Beziehung wird bald tiefer und ernster. Yue Ru wird dann bald sympathischer und ist im Gegensatz zu Ling’er eine viel interessantere Frauenrolle. Auch Ah Nu (wieder mal zu überdreht: Taiwan-Göre Esther Liu) wird nach dem ein oder anderen Schicksalsschlag ruhiger. Und obwohl man sich das fast die ganze Serie über gewünscht hat, da ihre grimassenschneidende quietschende Überdrehtheit ganz schön nerven kann, wird sie gegen Ende doch tatsächlich zur eher langweiligen Nebenfigur. Bryan Wang spielt den zurückhaltenden, distinguierten und gebildeten Studenten Jin Yuan überzeugend und elegant. Obwohl nur eine Nebenfigur, die streckenweise ganz verschwindet, wird Jin Yuan zum mutigen Märtyrer, dem leider etwas zu wenig Gewicht beigemessen wurde. Auch Drunken Sword Immortal (überzeugend: Tse Kwan Ho), der anfangs hier und da mal als mysteriöser Suffkopf auftaucht, wird irgendwann näher beleuchtet und bekommt eine ausführliche Vergangenheit zugeschrieben, die sein Schicksal, sein Handeln und seine Verbindung mit den anderen Hauptfiguren eingehend erklärt.

Die Grundhandlung von Xiao Yao, der Prinzessin Ling’er sicher nach Hause bringen soll, wird oft fast gänzlich aus den Augen verloren. Die Serie nimmt sich Zeit für Nebengeschichten und (teilweise viel zu lange) Rückblenden, die durchaus mal fast eine ganze Folge umspannen können, der Serie aber durchaus epischen Charakter einhauchen können. Immer wieder gibt es außerdem kleinere Nebengeschichten, in denen Xiao Yao und Co. gegen buntgeschminkte Dämonen, Zombies und Geister anstinken müssen, deren Herkunft aus einem Computerspiel man immer wieder anmerkt. Leider sind bunte Schmetterlingsfeen (in einem besonders sinnlosen Nebenplot um Jin Yuan) oder in fellene Ganzkörperkostüme gekleidete Fuchsdämonen oder gammelige Zombies nie bedrohlich, auch nicht poetisch, sondern meistens unfreiwillig komisch bis lächerlich. Das gilt übrigens auch für die zahlreichen CGI-Effekte, die so schlecht sind, dass es dem Zuschauer in diesen Szenen richtig unangenehm aufstößt.

Ansonsten lässt sich an der Ausführung von Chinese Paladin aber kaum etwas bemängeln. Der Humor ist schön albern, Spannung ist immer präsent. Die Handlung ist durchdacht, auch wenn die einzelnen Handlungsstränge in fast unüberschaubar viele Einzelteile zerfallen. Das Drama überwiegt in der letzten Hälfe zwar ziemlich deutlich, doch insgesamt halten sich Humor, (etwas primitiv inszenierte) Action, Spannung, Romantik/Kitsch, Tragik und Fantasy gut die Waage. Hier und da unterstreichen zwar (vor allem inhaltlich) unpassende Popsongs die Szenen, aber insgesamt ist der Soundtrack ebenfalls sehr gelungen und auch die Popsongs, sofern man auf Schmusesongs steht, durchaus eigenständig hörenswert. Die Macher beweisen außerdem eindrucksvoll, dass man in Asien einfach mehr Fantasie als im Westen hat—da reitet man auf fliegenden Weinflaschen und surft auf Schwertern, Ah Nu wächst zur Strafe immer wieder mal ein Bart, da wird die Magie mystisch bis witzig, da meditiert man stehend auf Wasser, bindet sich mit unsichtbaren Fäden aneinander oder ist durch bimmelnde Glöckchen aneinander gebunden, man fällt in bodenlose Löcher, man pflanzt Steine wie Samen, zerfällt zu Staub und weiß auch noch mit einer intelligenten (!) Zeitreise aufzuwarten.

Zu bemängeln wäre höchstens noch, dass es sich in Chinese Paladin, eigentlich ja eher eine Abenteuerserie, zu sehr um das Thema Liebe dreht. Alle sind von Liebe bzw. Liebeskummer getrieben, selbst die menschenmordenden Monster, und sogar Oberbösewicht Bai Yue mit seinen Weltbeherrschungs- und –zerstörungsgedanken will im Grunde nur beweisen, dass es keine wahre Liebe gibt—und wird von unseren Helden natürlich eines besseren belehrt.

Die groß angelegte internationale Zusammenarbeit am schön gefilmten Chinese Paladin hat sich gelohnt. Die Computereffekte sind zwar grottenschlecht, aber alles andere ist überaus sehenswert. Hier und da merkt man zwar deutlich, dass sich die Serie an einem Computerspiel orientiert hat (vor allem in den ersten Folgen ist das (unfreiwillig?) komisch spürbar), doch nehmen sich die Macher genügend Zeit für jede einzelne Figur, um ihnen Tiefe und Charakter einzuhauchen, um ihre Gedanken und Beweggründe zu erforschen—was übrigens auch für sämtliche bekämpfte Dämonen gilt. Die Darsteller sind in Spiellaune und die unterschiedlichsten Rollen prominent besetzt. Neben den bereits angesprochenen Namen aus China, Taiwan und Hongkong gibt es in Nebenrollen auch noch namhafte Leute wie Cheng Pei-Pei, Patrick Tam oder Joanne Zang zu sehen. Wer auf historisch ausgelegte Fantasy-Abenteuerserien mit verrückten Einfällen steht, dürfte mit Chinese Paladin gut beraten sein. Man sollte aber nicht vergessen, dass die Serie eher aufs (junge) weibliche Publikum zugeschnitten ist.

© Shaoshi, 1. Mai 2009
8/10

仙劍奇俠傳 | Xian Jian Qi Xia Chuan
China | Taiwan | Singapur • 2005 • Fantasy | Eastern [Serie]
Alternativtitel | The Magic Sword & The Chivalrous Youth | The Sword And The Fairy
Episoden | Je nach Ausstrahlungsgebiet 34 oder 38 Episoden
Regie | Wu Jin Yuan, Liang Shen Zhi, Mai Guan Zhi
Drehbuch | Deng Li Qi, Huang Hao Lan, Zhong Zheng Long
Darsteller | Hu Ge, Crystal Liu Yifei, Ady An, Eddie Peng Yu-Yan, Esther Liu, Bryan Wang, Tse Kwan Ho, Tsui Kam Kong, Deng Li Min, Sun Li, Loretta Lee, Cheng Pei-Pei, Ben Wong, Cheung Sai, Patrick Tam, Jiang Xin, Sam Lee, Lynn Poh, Guo Liang, Joanne Zeng, Achel Chang, Zhou Lan, Yang Ming Na

Und wie gefällt Euch die Serie?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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