Filmkritik | Verführerischer Mond (China / Hongkong, 1996)

Verführerischer Mond1993 schuf der chinesische Regisseur Chen Kaige mit seinem preisgekrönten Lebewohl, meine Konkubine einen Hit, der auch international begeisterte. Sein drei Jahre späteres Werk Verführerischer Mond hatte es da schon schwerer, da die kryptische Erzählweise einem Großteil des westlichen Publikums verschlossen blieb und der Inhalt des Films, der zwar subtil aber deutlich spürbar Kritik an Chinas Gesellschaft übt, zum Aufführverbot in China führte.

China, Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz nachdem der letzte Kaiser abgedankt hat. Die wohlhabende Familie Pang kommt mit der neuen chinesischen Republik nicht zurecht. Während Shanghai als Hochburg für westliche Modernisierung aufblüht, hält man im Palast der Pangs irgendwo in der Nähe von Shanghai eisern an alten Werten und Traditionen fest und frönt weiterhin der Opiumsucht. Nicht nur der »Alte Meister« Pang, der der Familie vorsteht, preist das Gift in den höchsten Tönen, auch seine beiden Kinder sind längst der Sucht verfallen. Zhongliang, der dank seiner Schwester (He Caifei), welche den ältesten Pang-Sohn Zhengda (Zhou Yemang) geheiratet hat, in den Palast kommt, in der Hoffnung, hier eine Ausbildung und sozialen Aufstieg zu genießen, wird bald schon zum Sklaven der dekadenten Familie degradiert und muss nicht nur regelmäßig Zhengdas Opiumpfeife vorbereiten, sondern wird auch noch seelisch misshandelt und gedemütigt. Aus diesem Grund flüchtet er sich schon bald nach Shanghai, wo er in einer Triade aufgenommen wird.

Inzwischen befinden wir uns in den 20er-Jahren. Als der alte Patriarch Pang stirbt und sein Sohn Zhengda nur noch ein totenblasses, menschliches Wrack ist, soll seine anmutige Tochter Ruyi (Gong Li) der Familienvorstand werden. Trotz der zunehmenden Verwestlichung der Gesellschaft gelten bei den Pangs die alten Traditionen, weshalb man Ruyi den entfernten Verwandten und unscheinbaren Duanwu (Kevin Lin) zur Seite stellt, der Ruyi unterstützen und im Grunde bevormunden soll. Doch weil er in sie verliebt und ihr wie ein Diener treu ergeben ist, lässt er sie mit all ihren Entscheidungen gewähren, womit er immer wieder den Zorn der Familienältesten auf sich zieht. Zhongliang (Leslie Cheung) ist in der florierenden Metropole Shanghai indes zum lasziven Gigolo herangewachsen, der mit seiner Masche erst verheiratete Frauen verführt und sie dann erpresst. Bei seinem Triadenboss (Xie Tian), der ihn wie einen Sohn verehrt, steht er deshalb hoch im Kurs. Als Zhongliang vom Tod des »Alten Meister« Pangs erfährt, kehrt er noch einmal in jenen Palast zurück, in welchem seine Kindheit zerstört und ihm die Fähigkeit zu lieben für immer genommen wurde. Ruyi, die inzwischen alle ihre Konkubinen entlassen und das nun so menschenleer anmutende Haus fast zu einem Geisterhaus verkommen ließ, verliebt sich in den so eleganten, westlich orientierten Zhongliang, und auch Zhongliang beginnt eine Hassliebe für Ruyi zu empfinden, die ihn jedoch nur weiter zerstört.

Zugegeben, Verführerischer Mond ist keine leichte Kost und seine Erzählweise manchmal so kryptisch und verworren, dass einem manche Szenen verschlossen bleiben mögen, passt man nicht genau auf. Auch das langsame Erzähltempo verlangt vom Zuschauer viel Ausdauer, doch die Geduldigen werden belohnt: Denn hinter all dem, was so manchen Zuschauer verschrecken dürfte, entwickelt sich eine unglaublich emotionale Tiefe, und das, obwohl sich die Protagonisten eher distanziert verhalten. Leslie Cheung und Gong Li porträtieren superb und intensiv zwei tragische, selbstzerstörende Figuren, gefangen in ihrem sturen Handeln und Fühlen. So wie der Verfall der Familie Pang unweigerlich fortschreitet, so steuern auch Zhongliang und Ruyi geradewegs aufs Verderben zu.

Verführerischer Mond fällt überraschenderweise optisch längst nicht so opulent aus wie all die anderen chinesischen Filme der letzten Jahre. Und das ist gut so. Die rohe Bodenständigkeit der Bilder, die dank Wong Kar-Wais Lieblingskameramann Christopher Doyle so meisterhaft in Szene gesetzt wurden, machen Platz für Wichtigeres—die schwierigen Beziehungsgeflechte der Figuren—und tragen ganz nebenbei auch noch toll zu der bedrückenden Atmosphäre des Filmes bei. Der Verfall der Familie Pang und der der einzelnen Figuren wird immer spürbar—sei es, wenn Ruyi beinahe verängstigt durch menschenleere, vollgestopfte Räume ihres großen Hauses irrt, während sie eingangs noch als Kind im lebhaften Trubel des Hauses für Chaos sorgte, oder wenn Zhongliang im lauten Gedränge eines modernen 20er-Jahre-Shanghais voller Jazzmusik und Hosenträgern seine kriminelle Frauenverführungsnummer durchzieht und erst dann eine Antwort auf die immer wieder gestellte Frage findet, wenn es bereits zu spät ist: »Liebst du mich?«

In warmen Farben und herrlich bedrückenden Bildern erzählt Chen Kaiges Verführerischer Mond vom Verfall der Familie Pang, von einer unglücklichen Liebesgeschichte, an deren tragischem Ausgang man keine Sekunde zweifelt. Das fast schon hypnotische Spiel von Gong Li und Leslie Cheung fesselt und begeistert restlos. Nur darf nicht vergessen werden, dass der Film mitunter sehr schwierig ist und viele Szenen sich einem nicht so ganz erschließen lassen wollen. Auch die Laufzeit von über zwei Stunden (im Director’s Cut) und das langsame Erzähltempo dürften nicht jedermanns Sache sein. Wer es aber schafft, bis zum Kern von Verführerischer Mond vorzudringen, dem offenbart sich ein kleines cineastisches Meisterwerk voll unterdrückter Emotion, leiser Gesellschaftskritik und großer Tragik.

© Shaoshi, 8. November 2009
8/10

風月 | Feng Yue
China | Hongkong • 1996 • 127 Min. • FSK 12 • Drama
Alternativtitel | Temptress Moon
Regie | Chen Kaige
Drehbuch | Chen Kaige, Shu Kei
Kamera | Christopher Doyle
Darsteller | Leslie Cheung Kwok-Wing, Gong Li, Kevin Lin, Caifei He, Chang Shih, Liankun Lin, Xiangting Ge, Xian Xie, David Ng, Yemang Zhou, Lei Ren, Ying Wang, Lin Ge, Zhou Xun

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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