Filmkritik | Salaryman Kintaro (Japan, 1999)

Salaryman KintaroSalaryman—diese so englisch klingende Wortschöpfung der Japaner—bezeichnet den kleinen Angestellten, den man in Japan überall antreffen kann. Kaum zu glauben, dass eine solch alltägliche Figur in Japan in den 80er und 90er Jahren einen kultigen Heldenstatus erlangte und Zentrum vieler Manga und Serien wurde. Salaryman Kintaro war also ursprünglich ein Manga für Erwachsene von Motomiya Hiroshi, der sich großer Beliebtheit erfreute, da die Figur des Kintaro bei den Angestellten für viel Identifikationsstoff sorgte.

Der junge Kintaro (Katsunori Takahashi), ehemaliger Chef einer Motorradgang, geht einer geregelten Arbeit nach, ist nebenbei Alleinerzieher und steht für seine moderne Weltanschauung ein. Er widersetzt sich dem eingefahrenen, oft nicht fairen Gefüge, kämpft für Gerechtigkeit und widerspricht den Vorgesetzten. In Takashi Miikes Verfilmung arbeitet Kintaro für eine Baufirma und wird versetzt, um seinen neuen Chef, der nur noch Augen fürs Saufen und Spielen hat, unter die Arme zu greifen. Als die Firma keine Aufträge mehr bekommt, findet Kintaro heraus, dass alles ein abgekartertes Spiel ist, bei dem jeder schön den Mund hält. Kintaro will das nicht so stehen lassen. Er will die dunklen Machenschaften aufdecken und kämpft für eine ehrliche Vergabe der Aufträge. Dadurch gerät er bald in Gefahr, denn die örtliche Yakuza-Gang will ihn zum Schweigen bringen. Als sein Sohn ins Visier der Gangster gerät, ist das Maß voll. Kintaro entsinnt sich seiner Motorradgang und holt zum Gegenangriff aus.

Wie man es von Takashi Miike eigentlich nicht gerade gewohnt ist, wächst sich Salaryman Kintaro überraschend zum ernsthaften Erwachsenenfilm aus. Mindestens die erste Hälfte mutet wie ein (leider etwas zu lahm inszenierter) Wirtschaftsthriller an. Bis zum Finale mit Motorrädern und Schlägerei muss sich der Zuschauer, der einen verrückten, wilden Miike-Film erwartet hat, also gedulden. Dadurch wird Salaryman Kintaro zum Großteil zurückhaltender und konventioneller als viele andere Filme unter der Leitung von Takashi Miike. Die Story ist nicht zu überdreht und relativ realistisch gehalten, die Charaktere sind gediegen, es fehlt an Abartigkeiten und Gewalt. Das macht Salaryman Kintaro tatsächlich zu einem von Miikes besseren, reiferen Werken. Im Ansatz jedenfalls.

Die Inszenierung stört leider trotzdem auf dem Weg zu einer richtig guten Bewertung. Ist in den Manga und anderen Interpretationen Kintaro zu Beginn in der Regel noch bei der Motorradgang und muss erst langsam in die Rolle des »braven« Angestellten hineinwachsen, hat sich Takashi Miike leider dazu entschlossen, das Thema mit Kintaros Hintergrund erst einmal völlig unter den Tisch fallen zu lassen. Somit geht ein ausschlaggebender Teil Kintaros verloren, der im vorliegenden Werk bereits als recht angepasster Arbeiter (der freilich für seine Prinzipien einsteht) nicht sonderlich auffällt. Kintaro bleibt folglich blass, was übrigens auch für die restlichen Figuren gilt. Eine verrückte Frisur einer grauhaarigen Frau macht noch lange keine verrückte Persönlichkeit und der spielsüchtige Chef bleibt zu unnahbar und nebensächlich, als dass man ihn gut porträtiert nennen könnte.

Der Teil des Wirtschaftsthrillers schippert auch meist ohne nennenswerte Höhen oder Tiefen vor sich hin. Zu Beginn rettet Kintaro auf dem Weg zur Arbeit zufällig ein Kind aus einem brennenden Haus und wird zum Held, aber wenn es um seine Arbeit und die Versammlungen zur Vergabe von Aufträgen geht, bleibt das Ganze leider ziemlich dröge, selbst wenn Kintaro gegen den Strom schwimmt. Ein bisschen Spannung mag zwar aufkommen, vor allem, wenn dann endlich die Yakuza in Aktion treten, aber bis dahin ist es ein steiniger Weg. In einer peppigeren Verfilmung hätte die schwierige Thematik einfach besser und lebendiger gewirkt. Dafür hält sich Salaryman Kintaro dann auch noch mit zu viel Belanglosigkeiten auf. Die Story von einer Sängerin, die in Kintaro verliebt ist, ist völlig unwichtig und bremst die Geschichte unnötig aus. Auch dass seine Kollegin zufällig die versprengte Tochter von Kintaros neuem Chef ist, passt nicht so recht ins Bild und würde eher in eine Seifenoper passen.

Das Finale mit Motorradgang ist leider ziemlich überzogen, passt stilmäßig überhaupt nicht zur ersten Hälfte des Films und wirkt außerdem lächerlich. Da trommelt Kintaro seine ehemalige Mannschaft zusammen, die in einer Szene gefühlsmäßig etwa 2000 Leute ausmacht, doch im Endeffekt greift neben Kintaro schließlich nur ein einziges weiteres Gangmitglied in das Geschehen ein. Die beiden Teile von Salaryman Kintaro—also die erste Hälfte rund um Wirtschaft und der abstrusere zweite Teil, in dem Kintaros Gang miteinbezogen wird—fügen sich nie zu einem runden Gesamtbild zusammen. Wären die beiden Ideen von Anfang an nebeneinander her gelaufen, hätte man aus Salaryman Kintaro sicherlich einen viel besseren Film machen können.

So bleibt Salaryman Kintaro nichts Halbes und nichts Ganzes. Wirtschaft ist an sich schon ein sehr spezielles Thema, das sehr schnell langweilig werden kann. Wer sich gar nicht für Wirtschaft interessiert, wird sich an Miikes Werk den ein oder anderen Zahn ausbeißen, und wer sich dafür interessiert, wird immerhin daran zu nagen haben. Für einen guten Wirtschaftsthriller hätte man sich nämlich viel tiefer in die Materie graben müssen, für einen Actionfilm passiert einfach viel zu wenig (und das in relativ lächerlicher Form), für ein Drama entwickelt der Film zu wenig emotionale Tiefe, für eine Komödie ist er nicht überdreht genug. Trotz allem ist Salaryman Kintaro wohl einer von Takashi Miikes besseren Filmen, der meist akzeptabel bleibt, auch wenn er nicht immer überzeugen mag. Übers klassische Mittelmaß kommt Miikes Verfilmung zu Salaryman Kintaro leider, leider nicht hinaus.

© Shaoshi, 17. April 2009
6/10

サラリーマン金太郎 | Sarariman Kintaro
Japan • 1999 • 110 Min. • FSK 16 • Thriller
Regie | Takashi Miike
Drehbuch | Naoko Harada, Kenji Nakazono
Darsteller | Kanako Enomoto, Michiko Hada, Naoki Hosaka, Toshiaki Megumi, Miki Mizuno, Yoko Saito, Katsunori Takahashi, Tsutomu Yamazaki

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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