Filmkritik | Blues Harp (Japan, 1998)

Blues Harp war der erste Film von Takashi Miike, den ich so um die Jahrtausendwende gesehen habe. Damals verstand ich natürlich noch nicht, was an dem japanischen Kultregisseur so verrückt oder polarisierend sein sollte, ist Blues Harp doch eines seiner konventionelleren Werke. Gut fand ich den Film allerdings schon, weshalb er auch all die Jahre auf einer alten VHS-Kassette überdauert hat.

Blues HarpTakashi Miike, der japanische Kultregisseur mit dem Ruf mehr als seltsame Filme zu drehen, ist bei Blues Harp mal recht handzahm geworden und präsentiert uns ein langsam erzähltes Außenseiterdrama, ja fast schon eine Milieustudie rund um Bandenrivalitäten der Yakuza.

Chuji (Mickey Curtis) ist Sohn eines schwarzen US-Soldaten und einer japanischen Hure. Beide Elternteile hat er längst aus den Augen verloren. Ziellos irrt er durch sein Leben, auf der Suche nach seinem Vater, den er in einem Obdachlosen vermutet, und nach dem Sinn in seinem Leben. Er fühlt sich unnütz und ohne Halt. So gerät er eher unfreiwillig an seinen Job als Drogendealer, den er sozusagen nebenbei ausübt, da er eigentlich jeden Abend in einer Bar als Barkeeper arbeitet. Als er eines Tages in der Gasse vor der Bar den blutüberströmten Kleinganoven Kenji trifft, nimmt er ihn bei sich auf, bis es ihm wieder besser geht. Zwischen den beiden Männern entsteht so etwas wie eine leise Freundschaft, die seitens Kenji zunächst zwar wohl eher auf seiner Ehre als Yakuza begründet ist.

Der insgeheim schwule Kenji möchte Chef seiner Bande werden, und das heißt, erst einmal seinen eigenen Boss aus dem Weg zu räumen. Er ersinnt einen Plan mit einem anderen Gangster aus einer verfeindeten Bande—ausgerechnet dem Typen, der Chuji ins Drogengeschäft eingeführt hat. Chuji, der inzwischen eine schwangere Freundin hat und zudem in seiner Bar mit seinem Mundharmonikaspiel überzeugt, will endlich ein normales Leben führen. Doch Kenjis Plan hat längst große Wellen geschlagen, in denen bald auch Chuji unterzugehen droht.

Schon der Vorspann besticht durch seine Optik. In wilden Schnitten und treibender Musik werden hier schon leidenschaftlich aneinandergereiht Einblicke in den Film gewährt, auch wenn man da noch gar keine Ahnung hat, was das alles soll. Danach aber wird die Handlung von Blues Harp meistens recht ruhig und behäbig erzählt, was hie und da kleinere Längen aufweist, doch das machen die Spannung, die einfühlsamen Charakterzeichnungen und eine rundherum gelungene Atmosphäre wieder wett.

Musik spielt bei Blues Harp eine große Rolle. Nicht nur untermalt sie diverse Szenen einfach perfekt, für Chuji stellt sie außerdem einen Hoffnungsschimmer bereit, das alte schäbige Leben endlich hinter sich lassen zu können. Die Musik, die dabei meist von den Bands, die in der Bar auftreten, getragen wird, reicht von rockigen Nummern über Hip-Hop bis hin zum Blues. Alles auf Japanisch und mehr als lässig. So stilsicher wie der ganze Film eben. Auch Chujis Mundharmonikaspiel reiht sich hier qualitativ perfekt in den Rest der Musik ein.

Die Gewaltdarstellungen halten sich sehr zurück. Am Anfang eine Verfolgungsjagd mit Schlägerei, zwischendrin mal eine Messerstecherei und zum Schluss, als Finale sozusagen, eine Schießerei in einem Mietshaus. Aber das war es auch schon. Takashi Miike setzt bei Blues Harp eindeutig andere Prioritäten, und das äußerst gelungen.

Die Geschichten von Chuji und Kenji werden eigentlich fast parallel erzählt und überschneiden sich nur hin und wieder kurz, ehe sie am Ende doch endlich gekonnt zu einem großen Ganzen zusammenlaufen. Chuji ringt immer damit, ein anständiger Bürger zu sein. Er liebt seine Freundin und hat Spaß an der Musik, weiß dabei aber nie, wohin sein Leben mal führen soll. Er bekommt vom Zuschauer ganz klar die meisten Sympathiepunkte zugeschrieben, und das, obwohl er im Grunde dank Drogenhandel ja auch ein kleiner Krimineller ist. Kenji hingegen ist der lakonische Kleinganove, der sich fast gänzlich im Yakuza-Milieu herumtreibt (warum müssen die bei der Mafia eigentlich alle ihre Haare nach hinten gelen?), der weiß was er will und für seine Ziele bis zum Schluss einsteht. Aber er hat in Chuji auch einen Freund gefunden, und das bringt sein Weltbild zum Ende hin ins Wanken—als es schon fast zu spät ist. Auch mit Kenji kann man mitfühlen, und sein fast schon edler Zug am Schluss, Chujis Glück mit einem anstehenden Plattenvertrag über alles andere zu stellen, zeugt von einem nicht völlig verdorbenen Charakter. Was ihn ebenfalls irgendwie sympathisch erscheinen lässt.

Mal abgesehen von ein paar kleinen Längen ist Blues Harp richtig gut. Perfekte Stimmung, gute Musik, realistisch gezeichnete Figuren und jede Menge Yakuza, die sich teilweise leider ein bisschen der üblichen Mafiaklischees bedienen, bilden ein stilvolles Ganzes, das sich lohnt und mitreißt. Ein absolut empfehlenswerter Genre-Beitrag.

© Shaoshi, 15. Dezember 2007
8/10

Blues Harp
Japan • 1998 • 107 Min. • FSK 16 • Actiondrama
Regie | Takashi Miike
Drehbuch | Toshihiko Matsuo, Toshiyuki Morioka
Darsteller | Mickey Curtis, Daisuke Iijima, Hiroyuki Ikeuchi, Akira Ishige, Atsushi Okuno, Saori Sekino, Bob Suzuki, Seiichi Tanabe

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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