Buchkritik | Tod am Rashomon Tor (Ingrid J. Parker)

Ingrid J. Parker - Tod am Rashomon TorDa man sich im Westen zwar für Japan interessiert, sich der Literaturgeschmack jedoch viel zu oft auf Krimi/Thriller beschränkt, ist es ein geschickter Schachzug von US-Autorin Ingrid J. Parker, ihre Kriminalhandlungen einfach im alten Japan anzusiedeln. So lassen sich gleich zwei Interessentengruppen abspeisen. Neu ist diese Idee freilich nicht. Ihre Kollegin Laura Joh Rowland hat bereits dreizehn Bände ihrer Japan-Krimis veröffentlicht, Ingrid J. Parker erst sechs, von denen (bis jetzt) aber nur drei auf Deutsch erschienen sind. Tod am Rashomon Tor wurde hierzulande als ihr erstes Buch ausgewertet.

Im Japan des 11. Jahrhunderts lebt und arbeitet der kleine Justizbeamte Sugawara Akitada in der Kaiserstadt Heian Kyo (das heutige Kyoto). Als ihn sein alter Freund Hirata darum bittet, erpresserischen Machenschaften an der Universität, an der Hirata unterrichtet, nachzugehen, will ihm der gutmütige Akitada freilich helfen. Fortan arbeitet Akitada also selbst als Professor an der Universität und kommt dabei nicht nur mit Erpressung, sondern auch mit Neid, einer lebhaften Gerüchteküche und sogar Mord in Berührung. Akitada, in seinem Privatleben eher wenig erfolgreich, hat zum Glück ein besonderes Gespür für Verbrechen. Mit Hilfe seines Dieners, dem ehemaligen Straßenräuber Tora, will er den Fall um die finsteren Machenschaften an der Universität lösen. Doch damit nicht genug—zusätzlich wird nicht nur die Leiche einer jungen Musikerin im Park gefunden, auch einer seiner Schüler, der kleine Fürst Minamoto, Enkelsohn des verschwundenen Prinzen Yoakira, vertraut bei seinem Problem ebenfalls auf die Fähigkeiten des Hobby-Detektivs Akitada.

Da Akitada in Tod am Rashomon Tor gleich mehreren Fällen nachgeht, bleibt es für den Leser bis zum Schluss spannend, da einem immer wieder neue Ansätze und neue Vorkommnisse hingeworfen werden. Weil Ingrid J. Parker ihre pragmatische Krimihandlung erfreulicherweise mit fernöstlichem Aberglauben würzt, bekommt die Geschichte um Hobby-Kommissar Akitada eine besonders interessante Note. Man liest hier keinen Standardkrimi, sondern einen Unterhaltungsroman, der über dieses Genre hinausragt—jedenfalls manchmal, wenn etwa Geister anwesend zu sein scheinen oder die buddhistische Denkweise auch mal ein übersinnliches Wunder zulässt. Vorrangig geht es aber ganz klassisch um die Aufklärung diverser Morde. Lediglich die Geschichte um den angeblich verschwundenen Großvater des kleinen Fürsten Minamoto weicht hier etwas ab. Da von Prinz Yoakira keine Leiche gefunden wurde, geht es hier etwas mysteriöser zur Sache. Allerdings birgt aber gerade dieser recht groß angelegte Handlungsstrang um den verschwundenen Prinzen das erste große Problem. Hier dreht es sich nämlich um eine Intrige innerhalb der Kaiserlichen Familie, doch im Buch erhält die Geschichte, wie sich Akitada und sein Diener Tora mit dem jungen Fürsten Minamoto anfreunden und den angeblich übersinnlichen Vorkommnissen auf den Grund gehen, nur den Rang eines Nebenplots. Außerdem sind die paar historischen Anhaltspunkte, die man in Tod am Rashomon Tor findet, einfach viel zu vage. Nach dem Lesegenuss des Krimis ist man sich immer noch nicht sicher, ob es das »Yoakira«-Komplott denn nun wirklich einmal gegeben hat oder wie der Rest bloße Erfindung der Autorin ist.

Am störendsten dürfte allerdings die viel zu hip geratene Übersetzung sein, die mit ihren flapsigen Sätzen überhaupt nicht in die Zeit der Romanhandlung passt und damit das ganze Flair vom alten Japan zunichte macht. Das macht die Geschichte zusätzlich unglaubwürdig. Den Japan-Kontext nimmt man Tod am Rashomon Tor einfach nicht ab. Man hat nie das Gefühl, eine Geschichte, die im alten Japan spielt, vor sich zu haben, sondern eine, die gern im alten Japan spielen würde. Fast schon wie das Hobbygeschreibsel eines japanversessenen Teenagers, nur etwas professioneller ausgeführt. Parker hat zwar offensichtlich recherchiert, erwähnt für Japan typische Speisen oder Feste, ordnet das Leben Akitadas einer bestimmten Epoche unter und doch bleibt all das viel zu oberflächlich.

Ein weiteres Manko dürfte die Hauptfigur Akitada sein. Bei seinen Nachforschungen ist Gutmensch Akitada viel zu freundlich, zu naiv und zu nachsichtig mit Verbrechern, um interessant zu sein. Etwas mehr Profil hätte hier nicht geschadet. Auch in Akitadas Privatleben sieht es nicht besser aus. Unglücklich verliebt sind seine Gedanken und Sorgen eher auf Teenagerniveau, obwohl er in Tod am Rashomon Tor einen 30-jährigen Mann darstellt. Sprich: auch hier ist er wieder zu naiv und einfallslos gezeichnet, auch wenn er offensichtlich eine verkorkste Jugend hinter sich gebracht hat. Besser gefällt da die Nebenfigur Tora. Ursprünglich ein Gauner von der Straße findet er auch jetzt als Akitadas Diener schnell Zugang zu Gaunern und einfachen Leuten, ist abergläubisch und greift auch mal auf unkonventionellere Methoden zurück, womit er meist auch mehr Erfolg hat als der langweilige Akitada.

Zu guter Letzt wird in Tod am Rashomon Tor auch noch auf Ereignisse angespielt, die zeitlich vor dem Roman spielen. Nicht nur wird angedeutet, wie Tora in den Dienst Akitadas trat, auch ein von Akitada bereits gelöster Fall wird erwähnt, den man aber zumindest auf Deutsch nirgends nachlesen kann, weil Tod am Rashomon Tor im deutschsprachigen Raum als erster Band der Krimi-Reihe ausgewertet wurde.

Ingrid J. Parkers Japan-Krimi Tod am Rashomon Tor um den lahmen Hobby-Detektiv Akitada bietet zwar nicht gerade viele historische oder kulturelle Fakten und ist insgesamt viel zu oberflächlich und zu »modern« geschrieben, so dass kein echtes Japan-Flair aufkommen mag. Dafür bleibt das Buch aber von der ersten bis zur letzten Seite unterhaltsam und vor allem spannend und darauf kommt es letztlich an. Tod am Rashomon Tor ist wohl am ehesten für Leute mit Asien-Faible geeignet, die Krimis sonst nicht so gerne lesen. Aber auch Krimi-Fetischisten können recht bedenkenlos in den anspruchslosen Unterhaltungsroman reinlesen.

© Shaoshi, 18. November 2009
7/10

Ingrid J. Parker
Tod am Rashomon Tor
OT: Rashomon Gate
AtV, 2002, 506 Seiten
ISBN: 978-3746619989

TEILE (bei Veröffentlichung wurde die Chronologie der Bände nicht eingehalten)
1. Band: The Dragon Scroll [2005 • nicht auf Deutsch erschienen]
2. Band: Tod am Rashomon Tor [2002 • »Rashomon Gate«]
3. Band: Black Arrow [2006 • nicht auf Deutsch erschienen]
4. Band: Der Prinz von Satoshima [2004 • »Island Of Exiles«]
5. Band: Der Schatzmeister des Tenno [2003 • »The Hell Screen«]
6. Band: The Convict’s Sword [2009 • nicht auf Deutsch erschienen]

Und wie gefällt Euch der Krimi?

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