Filmkritik | Pom Poko (Japan, 1994)

Pom PokoEigentlich entstand der Öko-Animé Pom Poko bereits im Jahre 1994, doch dank langjährigem Desinteresse der Deutschen an japanischem Zeichentrick, das sich vor gar nicht allzu langer Zeit langsam in verhaltene Akzeptanz wandelte, gibt es eine deutsche DVD-Auswertung erst seit wenigen Jahren. Aktuell bleibt das Thema von Pom Poko aber nach wie vor: Umweltzerstörung und schwindender Lebensraum wilder Tiere ist heute vielleicht sogar noch akuter als Mitte der Neunziger.

Tokio wächst, die Menschen brauchen Platz. Viel Platz. Ein neues Viertel auf bis dahin unberührter Natur soll die Wohnungsprobleme lösen. Rücksichtlos beginnt man also mit der Erschließung neuen Baugebiets. Das hat natürlich drastische Folgen für die ansässigen Tiere, deren Lebensraum zunehmend knapper wird. Zumindest die Marderhunde, waschbärähnliche Geschöpfe, wollen das nicht so hinnehmen. Sie schließen sich zusammen und bereiten sich fleißig auf den geplanten Rundumschlag gegen die rücksichtslosen Menschen vor. Neben den Füchsen und Katzen sind Marderhunde in der japanischen Mythologie für ihre Verwandlungskünste bekannt und genau diese fast schon verlorengeglaubte Fähigkeit wollen sich die Marderhunde nun wieder zu eigen machen. Nach intensiver Vorbereitung sind sie also in der Lage, sich in Menschen oder Brücken zu verwandeln und können die Bauarbeiten so zumindest zeitweise boykottieren. Für einen langfristigen Sieg reicht das aber nicht und so muss eine neue Strategie her, um den Menschen ein für allemal das schmutzige Handwerk zu legen. Doch können die Tiere diesen Kampf gewinnen?

Man nennt Pom Poko schon mal das Watership Down Japans. Ein Vergleich, der durchaus passt, auch wenn Watership Down um einiges atmosphärischer, brutaler und intelligenter eine dystopische Parabel erzählt. Pom Poko erzählt zwar eine ebenso ernste Geschichte, allerdings ist der Film vordergründig als Komödie ausgelegt.

Ghiblis Marderhunde besitzen jenseits ihrer wiedererlangten Verwandlungskünste bereits zwei Erscheinungsformen. Da wären die auf vier Beinen laufenden Tiere, die realistisch und sehenswert gezeichnet sind, und da wäre ihre aufrechte Form, teilweise sogar mit Kleidung, irgendwo so eine Mischung aus Glücksbärchis und Ewoks. Diese zweite Form ist es, in der wir die Marderhunde die meiste Zeit zu sehen bekommen und diese Form sorgt dann wohl auch dafür, dass der Film vorschnell als Kinderfilm abgestempelt wird. Denn die antropomorphe Form der Marderhunde mutet doch ziemlich kindisch an. Da wird getanzt und gesungen und überhaupt scheinen die munteren Geschöpfe nicht mit allzu viel Grips gesegnet zu sein. Für jüngere Zuschauer dürfte da so mancher Brüller drin sein, ernsthaften Erwachsenen dürfte das bunte Treiben weniger gefallen.

Dabei ist Pom Poko gar kein Kinderfilm, richtet sich sogar ganz offen an ein älteres Publikum. Das schlägt sich schon in der Erzählweise nieder, die oftmals dokumentarische oder nachrichtensprecherhafte Züge annimmt und auch nicht mit dort anheimischen Vokabeln geizt, die Kinder sowieso nicht verstehen. Viele kritisieren außerdem die ausgeprägten Hoden der Tiere, welche sich von den aufrecht gehenden Männchen nach Belieben schon mal zu einem Schiffssegel oder einer Picknickdecke dehnen lassen, als nicht kindgerecht. Da diese herrliche Skurrilität aber in der japanischen Mythologie so verankert ist, muss man es eben so hinnehmen oder lieber einen Disney-Film gucken.

Ebenfalls lieber zum Disney-Film greifen sollte, wer von japanischer Mythologie und Symbolik nichts versteht und sich daran stört, dass ihm so manche Szene in Pom Poko deshalb verschlossen bleiben wird. Durch die Verwandlungs- und später generelle Zauber- und Geisterbeschwörungskunst der Marderhunde nämlich wird vor allem im letzten Drittel des Films durch einen Geisterumzug viel Mythologie in den Film gewebt. Eigentümlich und sehenswert bleibt die nächtliche Gespensterparade, welche die Marderhunde an einer Stelle in der Stadt inszenieren, aber trotzdem. Von der symbolreichen Bildersprache der Geister dürfte man sich außerdem gerne mal an Chihiros Reise ins Zauberland erinnert fühlen.

Zuletzt könnte man sich dann noch an dem unbefriedigenden Ende stören. Ein richtiges Happy End gibt es nämlich nicht. Immerhin zeichnet man das Ende aber realistischer als eine Disney-Verfilmung, in welcher die Tiere vermutlich über den Menschen triumphiert hätten. So fällt das Ende zwar eher depressiv aus, regt aber umso mehr zum Nachdenken an.

Pom Poko besticht, wie bei Ghibli so üblich, mal wieder durch wunderbare Zeichnungen, die hier alle noch handgemacht sind. Liebenswerte Details, teils schon fast experimentelle Bilder und natürlich herzige Hauptfiguren machen Pom Poko zu einem Zeichentrickvergnügen ganz nach Ghibli-Art. Isao Takahatas Animé mag zwar nicht der Vorzeigefilm der Ghibli-Studios sein, ist aber trotzdem eine sehr solide Arbeit, die im oberen Drittel der Studios mitspielt.

Ein bisschen verständlich ist es ja schon, dass eine deutsche Auswertung von Pom Poko so lange auf sich warten ließ. Viel der Symbolik und Mythologie, die in Japan jedem Kind bekannt sein dürften, bleibt dem Durchschnittszuschauer hierzulande wohl verschlossen. Die Öko-Parabel, die der Animé (stellenweise etwas zu pathetisch) erzählt, ist aber universalgültig. So spricht der Film die fortschreitende Umweltzerstörung an, und dabei nicht nur den Krieg von Mensch und Natur, sondern durchaus auch den von Tradition und Moderne. Verpackt ist das eher tragische Thema allerdings als Komödie, wobei der Humorgehalt hauptsächlich vom simplen Gemüt der knuffigen Marderhunde getragen wird. Obwohl die Albernheiten der Marderhunde oft an einen Kinderfilm denken lassen, richtet sich Pom Poko an ein älteres Publikum. Als Erwachsener sollte man allerdings Toleranz gegenüber weniger ernsthafter Szenen mitbringen, um Pom Poko aufrichtig genießen zu können. Wer sich außerdem gut in der japanischen Kultur und Mythologie auskennt, wird es sogar noch einfacher haben. Das liebevoll gezeichnete Pom Poko mag zwar nicht Ghiblis Vorzeigefilm sein, ist aber ein sehr solides Werk, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt.

© Shaoshi, 10. Juli 2011
7/10

平成狸合戦ぽんぽこ | Heisei Tanuki Gassen Pompoko
Japan • 1994 • 114 Min. • FSK 6 • Abenteuer [Animé]
Regie | Isao Takahata
Drehbuch | Isao Takahata

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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