Filmkritik | Lost In Time (Hongkong, 2003)

Lost In TimeAls Minibusfahrer Man (Louis Koo) bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, hinterlässt er seinen Sohn Lok Lok (Daichi Harashima) und seine Verlobte Siu Wai (Cecilia Cheung). In ihrer Verzweiflung erwirbt Siu Wai den demolierten Minibus (in dem nicht nur ihr Verlobter umgekommen ist, sondern in dem sie ihn damals auch kennen gelernt hat) und beschließt fortan selbst als Minibusfahrerin zu arbeiten. Schnell vernachlässigt sie den Haushalt und auch Mans Sohn wird ihr bald zuviel, weshalb sie den Kleinen lieber im Kinderheim abliefern würde. Obendrein hat sie es als Busfahrerin auch nicht leicht, da ihr die Triaden die Kundschaft streitig machen. Unterstützung erhält sie lediglich von Mans Kollege Dai Fai (Lau Ching-Wan), der nicht nur als erster am Unfallsort zugegen war, sondern auch sein ganz eigenes Päckchen zu tragen hat.

Cecilia Cheung, die im echten Leben nicht nur für positive Schlagzeilen sorgt, gelingt es ganz wunderbar, in Lost In Time die vom Schicksal gebeutelte, junge Frau zu geben. Eingangs mag man das Treiben vielleicht für etwas zu emotionslos oder steif halten, aber schnell merkt man, dass alles nur Fassade ist. Ist Siu Wai nämlich allein, brechen schon mal die Dämme. Ihre Einsamkeit und ihr Verlust sind so überzeugend, dass man gerne mal mit ihr mitheulen möchte. zu Recht hat Cecilia Cheung für diese Leistung mehrere Awards als beste Schauspielerin gewonnen.

Lau Ching-Wan tritt zunächst als der selbstlose Mr. Nice Guy auf den Plan, der aber durchaus seine eigenen Beweggründe dafür hat. Es ist nicht die Liebe—für so eine Behauptung schmeißt Dai Fai schon mal mit Stühlen—auch wenn die irgendwie, ganz verhalten mal dazwischenfunkt. Warum er Siu Wai und dem liebgewonnenen Lok Lok helfen will, offenbart er recht spät im Film und bekommt dadurch eine Tiefe, die ihn nicht länger zu dem etwas platten Gutmenschen macht, der in jeder Lebenslage mit Rat und Tat zur Seite steht.

Freilich schrammt Lost In Time gelegentlich am Kitsch vorbei, doch überwiegt das sensible Drama, das überzeugend inszeniert ist und gerade in seinen kleinen Momenten gefällt—etwa, wenn Siu Wai im Nebenzimmer hört, wie Lok Lok mit seinem Vater telefoniert (d.h. seine Stimme auf dem Anrufbeantworter hört und dann zu ihm spricht), oder wenn Siu Wai und Dai Fai händchenhaltend durch die nächtliche Straße laufen wie schüchterne Teenager.

Das Ende mit seinen Versprechen und Metaphern stellt dann ebenfalls zufrieden. Lost In Time ist nämlich keineswegs ein Liebesfilm sondern handelt vom Loslassen und der Bereitschaft zu einem Neuanfang.

Lost In Time ist ein überraschend ernsthaftes und erwachsenes Drama aus Hongkong, das nicht nur mit den Schauspielleistungen von Cecilia Cheung und Lau Ching-Wan glänzt, sondern auch in der Darstellung von Schicksalen und zwischenmenschlichen Beziehungen punkten kann. Derek Yee (One Nite In Mongkok, Protégé) hat nicht nur mit Lost In Time bewiesen, dass er zu den ernstzunehmenderen Filmemachern der ehemaligen Kronkolonie zählt und nicht nur im Thrillergenre sondern auch im durchdachten Drama bestehen kann. Kein Wunder also, dass man Lost In Time guten Gewissens als kleine Perle bezeichnen kann.

© Shaoshi, 24. Mai 2012
8/10

忘不了 | Wang Bu Le
Hongkong • 2003 • 109 Min. • Drama
Regie | Derek Yee Tung-Sing
Drehbuch | James Yuen Sai-Sang, Jessica Fong Ching, Clarence Lee
Darsteller | Lau Ching-Wan, Cecilia Cheung Pak-Chi, Daichi Harashima, Louis Koo Tin-Lok, Paul Chun Pui, Bau Hei-Jing, Elena Kong Mei-Yi, Johnny Chen (Lu Sze-Ming), Edmond So Chi-Wai, Chan Wai-Man, Lee San-San, Jamie Luk Kin-Ming

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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