Retrospektive | Der frühe chinesische Film

Diese Filme haben wir bereits besprochen:

1922 | Laborer’s Love
1929 | An Orphan
1929 | Poor Daddy
1933 | Greedy Neighbours
1934 | Shen Nü – Die Göttliche
1934 | Song Of The Fishermen


2012 mauserte sich die chinesische Filmindustrie nach jahrzehntelanger, politisch bedingter Flaute endgültig zur zweitgrößten der Welt. Doch schon in den 1930er Jahren hat China diesbezüglich ein goldenes Zeitalter erlebt und genau dieses (+/- ein paar Jahre davor und danach) wollen wir in einer kleinen Reihe etwas genauer beleuchten. Zunächst einmal ein geschichtlicher Umriss:

Die Anfänge

Shanghai gilt als die Wiege des chinesischen Films. Im August 1896 machen die Gebrüder Lumière auch in der internationalen Stadt Halt, um im Xu-Vergnügungspark der französischen Konzession ihre gerade mal ein Jahr junge Erfindung zu präsentieren – das Medium Film. 1908 eröffnet in Shanghai das Hongkew-Cinema als erstes Kino der Stadt seine Pforten. Daraufhin schießen die Lichtspielhäuser wie Pilze aus dem Boden. 1929 sind es schon ganze 53 Kinos allein in Shanghai. Gezeigt werden anfangs hauptsächlich Filme aus dem Westen. Zunächst sind das Werke aus Europa, die mit dem ersten Weltkrieg von den bis heute berühmten Hollywood-Produktionen abgelöst werden.

Das Filmgeschäft in Shanghai floriert schon früh: man profitiert vom Geld und technischen Wissen der dort ansässigen Ausländer und hat auch einfachen Zugang zu importierten Geräten. 1909 gründet der Amerikaner Benjamin Polaski mit dem chinesischen »comprador« Zhang Shichuan [chinesischer Mittelsmann, der bei Geschäften zwischen Chinesen und Ausländern vorgeschrieben war] und dem chinesischen Theaterstar Zheng Zhengqiu die »Asia Film Company«. Zusammen drehen sie nach dem Sturz des letzten Kaisers mit der 45-minütigen Parodie Ehepaar in der Not (1913) den ersten richtigen chinesischen Spielfilm. Damit ist der Beginn des chinesischen Films eingeleitet. Neben Unterhaltungszwecken wird das Medium auch früh dazu genutzt, patriotische oder gesellschaftskritische Ansichten auszudrücken (z.B. mit Unschuldiger Geist in der Opiumhöhle, 1916).

Zhang und Zheng gründen bald die Mingxing-Filmgesellschaft und eine anhängige Schauspielschule, die sich neben der Tianyi-Filmgesellschaft und Dazhonghua Baihe als eine der drei wichtigsten Filmgesellschaften in China etablieren kann. Nach anfänglichen Komödien (etwa dem Charlie Chaplin-Abklatsch The King Of Comedy Visits China (1922) oder Laborer’s Love (1922), dem ältesten noch existierenden chinesischen Film) versuchen sie sich auch an Sozialdramen (»shenghui pian«). Das erste dieser Art ist das Familiendrama Orphan Rescues Grandfather (1923), mit dem die »Mingxing Film Company« der kommerzielle Durchbruch gelingt. Das Filmgeschäft boomt nicht nur für Mingxing. Bis 1926 werden allein in Shanghai 145 Filmgesellschaften gegründet, auch Actionfilme erleben ihre Blütezeit.

Nachdem jedoch die Kuomintang unter Führung von Chiang Kai-Shek in China die Macht an sich reißen, sieht sich das chinesische Kino erstmals Zensur ausgesetzt. Beispielsweise ist die Darstellung von Schwertkampf oder Übersinnlichem wie Geistern und Göttern in Filmen verboten. Viele Filmstudios, die sich auf diese Genres spezialisiert haben, gehen nach wenigen Produktionen wieder Bankrott. Mit dem Ende der 20er Jahre scheint deshalb der Niedergang der chinesischen Filmindustrie eingeläutet. Doch dieser Einbruch hält nur kurze Zeit an, denn in den 30er Jahren soll die chinesische Filmindustrie ihre Blütezeit erleben.

Die goldene Ära

In den 30er Jahren ist Shanghai geprägt von Dekadenz und Luxus. Die Bewohner sind besessen vom Privatleben der Prominenten; Zeitungen und Magazine widmen sich ausführlich Filmen und ihren Darstellern. Anfang der 1930er Jahre dominiert Mingxing endgültig den Markt. Nur die noch junge Lianhua-Filmgesellschaft, die vom »Vater des Hongkong-Kinos« Li Minwei (besser bekannt unter seinem kantonesischen Namen Lai Man-Wai) gegründet wird, kann Mingxing das Wasser reichen.

Mitte der 30er Jahre werden Mingxing und Lianhua zu den wichtigsten Produzenten linkspolitischer Filme. Das Medium Film ist nicht länger nur zur Unterhaltung gedacht, sondern soll auch lehrreich sein und Missstände in der Gesellschaft ansprechen. Viele Filmemacher fokussieren sich in dieser Zeit auf soziale Probleme wie die allseits vorherrschende Armut oder die Unterdrückung der Frauen. Dabei bedienen sie sich oft den krassen Gegensätzen von schlecht gestellten Menschen, die in der schillernden Metropole Shanghai ums Überleben kämpfen. Frauen spielen nicht selten eine zentrale Rolle. Ihr Leiden im Film soll so manches Mal nicht nur den Schrei nach Gleichberechtigung, sondern wie z.B. in Wu Yonggangs Drama Shen Nü – Die Göttliche, in dem Ruan Lingyu eine Prostituierte mimt, gleich die Unterdrückung ganzer Bevölkerungsschichten symbolisieren. Filme wie Cai Chushengs preisgekröntes Drama Song Of The Fishermen (1934) widmen sich dem harten Los der Unterschicht, pro-feministische Filme wie Cai Chushengs New Women (1934) oder Yuan Muzhis Drama Street Angel (1937, mit Zhou Xuan und Zhao Dan) machen auch immer wieder auf das tragische Leben der Frauen aufmerksam. Nachdem die Japaner 1931 Shanghai zum ersten Mal überfallen haben, färbt auch eine patriotische Einstellung und zunehmend anti-japanisches Sentiment die Werke der Zeit wie z.B. Lianhuas The Big Road (Regie: Sun Yu, 1934).

Berühmte Schauspieler dieser Zeit sind etwa Zhao Dan oder »der Rudolph Valentino Shanghais« Jin Yan. Schauspielerinnen wie Ruan Lingyu oder Zhou Xuan sind nicht zuletzt auch durch ihr tragisches Privatleben unvergessen.

Der Niedergang

Als die Japaner Shanghai besetzen, fliehen viele Filmemacher nach Chongqing oder Hongkong. 1937 muss die Mingxing-Filmgesellschaft schließen. Lianhua trifft es nicht besser. Nachdem im Krieg zahlreiche ihrer Betriebe zerstört werden und sie mit jedem Film viel Geld verlieren, schließt Lianhua im selben Jahr die Tore. Die weiterarbeitenden Filmschaffenden sind in den Konzessionen Shanghais zwar in relativer Sicherheit, doch wandern mit ihren Werken auf einem schmalen Grat. Denn die Japaner haben auch die Filmindustrie an sich gerissen und kontrollieren diese erbarmungslos. Besonders bemerkenswert ist hier vielleicht der Film Mulan Joins The Army, der 1939 in den Wirren des Krieges entsteht und mit seinem Inhalt ganz klar auf die japanische Invasion abzielt. Als die Japaner 1941 die ausländischen Konzessionen ebenfalls besetzen, ist die goldene Ära des chinesischen Films endgültig zu Ende.

Nach 1945 erholt sich die chinesische Filmindustrie wieder, doch nach einer kurzen erneuten Blütezeit, in welcher die Filmemacher ihren Unmut über den Krieg und die aktuelle politisch Situation in Werken wie dem Zweiteiler The Spring River Flows East (1947) oder Crows And Sparrows (1949) äußern, findet die zweite goldene Ära mit der Machtübernahme der Kommunisten ein jähes Ende. Als letzter wichtiger Film dieser Zeit gilt das romantische Drama Spring In A Small Town (1948), der heute als der beste chinesischsprachige Film aller Zeiten gilt.

Bis zum Ende der Kulturrevolution in den späten 70er Jahren kommt die Filmproduktion in China fast gänzlich zum Erliegen. Die Filme, die noch gedreht werden, verstehen sich als künstlerisch wertlose Propagandawerkzeuge. Frühere Filme werden zum größten Teil verboten, viele Filmschaffenden für ihre Werke verfolgt. Mit deren Tod stirbt auch der frühe chinesische Film.


Ab sofort wollen wir immer montags einen alten chinesischen Film in einer kleinen Reihe vorzustellen, da diese Filme viel zu selten Beachtung finden und doch ein wichtiges Zeitzeugnis darstellen. Wer Genaueres zur Geschichte des chinesischen Films nachlesen möchte, kann dies z.B. auf den unten angegebenen (englischen) Quellen tun.

Quellen: Wikipedia.org, College Of Arts And Sciences, Ohio, The Chinese Mirror, The University of Edinburgh

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2 Gedanken zu “Retrospektive | Der frühe chinesische Film

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