Filmkritik | Das Mädchen, das durch die Zeit sprang (Japan, 2006)

Das Mädchen, das durch die Zeit sprangMakoto hält sich für einen ganz gewöhnlichen Teenager—bis zu dem Moment, an dem sie feststellt, dass sie durch die Zeit springen kann. Und dieses neue Talent nutzt sie schnell zu ihren Gunsten: verhaut sie in der Schule einen Test, springt sie einfach ein paar Tage in der Zeit zurück und schreibt ihn nochmal; gefällt ihr der Verlauf eines Gespräches nicht, versucht sie es in der Vergangenheit zu korrigieren; ist sie zu schusselig, will sie die peinliche Situation beim zweiten Versuch umgehen. Nur leider ist die Gabe nicht ganz fehlerfrei. Makoto muss erkennen, dass oft andere leiden müssen, wenn sie den Lauf der Zeit zu ihren Gunsten ändert. Das geht sogar so weit, dass plötzlich das Leben ihres guten Freundes auf dem Spiel steht—und ihr Zeitsprungkontingent ist auch fast aufgebraucht.

Auffällig ist bei der Handlung schnell, dass es sich trotz der Gabe plötzlich beliebig in der Zeit herumspringen zu können um keine großen Zeitreisen dreht, wie man vielleicht vermutet hätte. Auch muss weder die Welt gerettet werden noch irgendeine andere große Mission erfüllt werden. Die freche Göre Makoto ist da ein typischer ichbezogener Teenager und reist höchstens ein paar Tage zurück, um für die Welt unbedeutende Alltagsmomente zu ihren Gunsten zu ändern. Dadurch bleibt Das Mädchen, das durch die Zeit sprang auf den ersten Blick eine eher bodenständige Highschool-Komödie, die ihre Handlung recht pragmatisch abhandelt. Das könnte für den unbedarften Zuschauer bereits ein großer Knackpunkt sein—denn so ein Leben an der Highschool dürfte wohl nur von der eigentlichen Zielgruppe des Animés (12- bis 15-jährige Mädchen) von stärkerem Interesse sein, zumal es sich dann zeitweise auch nur um die Frage »Willst du mit mir gehen?« (bzw. wer soll mit wem gehen?) zu drehen scheint.

Allerdings ist Das Mädchen, das durch die Zeit sprang weit mehr als nur ein Highschool-Film. Themen wie Freundschaft, Verantwortungsbewusstsein und sogar der Tod bekleiden recht zentrale Rollen im Film und sprechen nicht nur Jugendliche an, sondern regen auch den ein oder anderen Erwachsenen zum Sinnieren an. Für Jüngere ist die Handlung vermutlich zu wirr, da jeder Zeitsprung, bei dem die Vergangenheit (also eine Szene, die wir so ähnlich schon mal im Film gesehen haben) geändert wird, auch in der Gegenwart etwas ändert. So halbherzig nebenbei kann man Das Mädchen, das durch die Zeit sprang also nicht sehen, wenn man nicht die Übersicht verlieren will, auf welchem Geschehnisstand sich Makoto und ihre Freunde gerade befinden.

Neben der geforderten Aufmerksamkeit und dem daraus resultierenden Anspruch ist es auch noch spannend zu sehen, wie sich die Lage immer weiter zuspitzt. Außerdem präsentiert man uns ein durchdachtes Ende, das längst nicht so unbeschwert ausfällt, wie man zu Beginn des Films vielleicht noch erwartet hätte. Aufgelockert wird das Ganze mit etwas zu kindischem Humor (was dann wieder zeigt, an welche Zielgruppe sich der Animé richtet). Nervig ist hier z.B. die Tatsache, dass Makoto jedes Mal, wenn sie von so einem Zeitsprung zurückkommt, wie der größte Dussel überhaupt auf den Boden oder gegen harte Gegenstände knallt.

Die Figuren selbst sind übrigens ganz nett profiliert, allen voran die kurzhaarige Makoto als vorlauter Teenager, die nach ihrem anfänglichen jugendlichen Egoismus dann doch noch anfängt auch an andere zu denken. Vor allem auch bei den Szenen auf dem Baseballplatz, der für Makoto und ihre Freunde Kosuke und Chiaki einen wichtigen Freizeittreffpunkt darstellt, hält man sich an realistisches Teenager-Geplänkel. Trotzdem muss man zugeben, dass man auf dem Sektor der Charakterbildung in vergleichbaren Animé schon einige bessere Ergebnisse abgeliefert hat.

Auch der Zeichenstil nimmt sich relativ schlicht aus, fällt aber immerhin realistisch aus. Vor allem bei den Figuren kommt die Schlichtheit zu tragen, die mit ihren simplen Schuluniformen nicht gerade für viel Abwechslung sorgen. Für die Hintergründe hat man sich schon mehr Mühe gegeben, kommen diese doch oft recht detailliert und anschaulich daher. Ein zeichnerisches Meisterwerk sieht trotzdem anders aus.

Das Mädchen, das durch die Zeit sprang aus dem Hause Madhouse ist insgesamt betrachtet kein schlechter Animé, aber auch kein richtig guter. Dafür ist zunächst der Zeichenstil zu unspektakulär und der Inhalt zu stark aufs recht begrenzte Zielpublikum zugeschnitten. Auch das Profilieren der Figuren bleibt hier sehr an der Oberfläche und oft läuft es inhaltlich zu banal ab. Animé-Fans dürften Das Mädchen, das durch die Zeit sprang vermutlich um einiges mehr abgewinnen können als (vor allem erwachsene) Zuschauer, die aus Interesse mal reingeschaut und etwas anderes erwartet haben.

© Shaoshi, 25. Juli 2010
5/10

時をかける少女 | Toki O Kakeru Shojo
Japan • 2006 • 98 Min. • FSK 12 • [Animé]
Regie | Mamoru Hosoda
Drehbuch | Satoko Okudera

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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4 Gedanken zu “Filmkritik | Das Mädchen, das durch die Zeit sprang (Japan, 2006)

  1. Ich würde den Film eher mit einer 7/10 bewerten, aber ich bin auch Animefan. Dennoch war ich, als ich den Film da erste Mal sah, positiv von dem Storyverlauf überrascht.

    1. Dann haut mein Fazit also hin 🙂
      Gegen Anime hab ich übrigens auch nix, nur habe ich zu wenige gesehen, um mich da als Fan bezeichnen zu können. Mich zieht es doch eher zu Realfilmen.

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