Filmkritik | Kidnap (China, 2010)

KidnapSchauspieler Kris Gu wollte auch mal einen Film drehen und schuf mit Kidnap eine Komödie, die zwar Potenzial gehabt hätte, aber merkwürdig unbefriedigend ausfällt. Als Satire aufs Showbiz—das Genre, in welches der Film manchmal gesteckt wird—ist sie sowieso der große Verlierer.

Icecream Lin (Jelly Zhao) wäre gern eine berühmte Sängerin. Bis jetzt hat es mit der Karriere allerdings nicht geklappt. Ihre einstmals beste Freundin Nana (Ye Yiqian) ist stattdessen der große Star. Nur liegt Nana seit einer Weile im Koma und ihr Manager Zhang Tiansheng (Chapman To) sieht in Icecream das perfekte Double. Icecream nimmt widerwillig an, doch als sie von dem vom Unglück gebeutelten Textilfabrikanten Wang Yituo (Wu Gang) gekidnappt wird, scheint der Traum vom echten Starsein nah: Yituo möchte sie groß rausbringen, wenn sie im Gegenzug nicht nur als Werbeikone für seine Stofffabrik arbeitet. Das trifft sich prima, zumal sowieso gerade an die Öffentlichkeit gedrungen ist, dass sich hinter Nana zur Zeit nur eine Doppelgängerin verbirgt.

Chaotisch und verrückt wie ein Japanfilm fängt Kidnap an, weshalb man anfangs noch eine durchgedrehte, einzigartige und unterhaltsame, wenn auch leicht merkwürdige Komödie vermutet. Doch schon nach kurzer Zeit flaut der Drive und die Craziness ab. Was bleibt ist ein mittelmäßiges Chinaprodukt, das zwar nach außen hin (schöne Farbfilter und Bildkompositionen) gefällig wirkt, zuletzt aber doch nur absolut uninspirierte Filmware ist, die keiner braucht. Schade.

Das fängt schon bei der Handlung an, die nicht so recht weiß, wohin sie eigentlich will. Bissige Satire aufs Showbiz? Dafür ist sie viel zu lasch. Komödie über die Beziehung zwischen einem Kidnapper und seinem Opfer? Nö. Soll Icecream, ihr Wunsch nach Ruhm und ihre komplizierte Beziehung zu Nana im Mittelpunkt stehen? Fehlanzeige. Und welchen Sinn macht es denn, Icecream erst einmal als Double für einen todkranken Star einzusetzen, was ohnehin schiefläuft und dann nicht mehr von Bedeutung ist? Obendrein sehen Nana (Ye Yiqian) und Icecream (Jelly Zhao) sich ja noch nicht mal richtig ähnlich. Besser wäre es gewesen, sich gleich auf das Kernthema zu besinnen (»wir stümpern uns einen Star zusammen«) und auch dem Zuschauer mehr Zeit zu geben, die Personen kennenzulernen. Das hätten die Figuren nämlich dringend nötig gehabt, bleiben sie so doch so merkwürdig flach, dass man sich kein bisschen für sie interessiert. Dabei wäre Jelly Zhao als leicht verschrobener Teenie durchaus lebendig, nur erfahren wir in einer Rückblende einzig, dass sie mal mit Nana ganz dicke war. Und selbst das nimmt man ihr im Film nicht so richtig ab, folglich lässt es mich kalt, wenn sie nervlich am Ende Chips in sich reinstopft. Einzig ganz zum Schluss des Films, wenn sie Nana ihre aufgenommene CD vorbeibringen will, ist der Zuschauer mal zwei Sekunden lang gerührt. Selbiges gilt für Yituo, dessen Firma kurz vor der großen Pleite steht. An und für sich könnte auch er ein interessanter Typ sein, aber er bleibt wieder so fremd, dass uns sein Schicksal ziemlich egal ist.

Anfangs ist es immerhin noch witzig, wenn Yituo seinen Low-Budget-Star mit disharmonischen Straßenmusikern unterstützen will oder sich selbst für einen großen Sänger hält, doch zieht sich der Humor bald zugunsten unnötigerer Dinge in den Hintergrund. Schade. Im Mittelteil wird nämlich hauptsächlich in Zusammenschnitten gezeigt wie Icecream singt, übt, sinnlos die Freizeit totschlägt oder tatsächlich in Yituos Stofffabrik arbeiten muss. Und das sind in ihrer Langweiligkeit nicht gerade Szenen, die den Film besser machen. Der erste Gig im Einkaufszentrum geht dann schief, weil’s die Musik schon im Internet gibt und selbst das folgende Dilemma ist absolut uninteressant. Am Ende klappt’s dann doch noch mit der Karriere, aber daran hat auch niemand gezweifelt.

Aus dem Stoff hätte man eine witzige Komödie machen können, hätte man sich eingehender mit der Beziehung zwischen Yituo und Icecream beschäftigt und sie in eine vernünftige Handlung gesteckt. So wirkt ihr ganzes Vorhaben nämlich wenig motiviert und nur mäßig interessant. Kidnap fällt quasi in allen Bereichen durch, was ein anschauliches Beispiel dafür ist, dass eine gute Idee allein noch keinen guten Film macht.

© Shaoshi, 27. September 2012
3/10

绑架冰激凌 | Bang Jia Bing Ji Ling
China • 2010 • 90 Min • Komödie
Alternativtitel | The Kidnap; The Kidnap Collaboration
Regie | Kris Gu Yu
Drehbuch | Cha Muchun, Rong Xueying
Darsteller | Wu Gang, Jelly Zhao Meitong, Chapman To Man-Chak, Sun Xing, Qu Ying, Liu Lei, Ye Yiqian, Li Feier, Wang Wenlin, Su Qing, Lin Yuan

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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