Filmkritik | Lost In Thailand (China, 2012)

Chinese Zodiac/ZC12Wenn ein Film ein Überraschungshit wird, ist es nicht verwunderlich, wenn dem bald ein Nachklapp folgt. Jüngst geschehen zum Beispiel bei der Komödie Lost On Journey, die 2010 mit sympathischen Figuren, intelligentem Witz und einer gelungenen Erzählweise seine Zuschauer begeisterte. Die stimmige Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Xu Zheng und Wang Baoqiang sollte zwei Jahre später in einem indirekten Nachfolger noch einmal bemüht werden. Lost In Thailand heißt das Ergebnis, das inzwischen als kommerziell erfolgreichster chinesischer Film aller Zeiten gilt. Sieht man sich den Streifen jedoch an, wird schnell klar, dass dieser Erfolg noch vom Hype des Vorgängers herrühren muss. Denn Xu Zheng, der Lost In Thailand produziert, geschrieben und gedreht hat und zudem die Hauptrolle übernommen hat, bedient sich an primitivem Slapstick und tumbem Humor, wie jede durchschnittliche China-Komödie. Wo ist die Intelligenz von Lost On Journey, wo dessen Charme geblieben?

Xu Zheng schlüpft in seinem Film wieder in die Rolle des Geschäftsmanns. Als Xu Lang hat er einen Treibstoff für die Zukunft erfunden und sieht sich schon im Reichtum schwimmen. Zu seinem Glück fehlt nur noch eine Vollmacht von seinem Boss Zhou. Als Xu Lang herausfindet, dass dieser gerade zum Meditieren in einem thailändischen Tempel ist, macht er sich sofort auf die Reise, und riskiert damit, den Scheidungstermin mit seiner Frau An An (Tao Hong) zu verpassen. Xu Langs Kollege Gao Bo (Huang Bo) hätte den Supertreibstoff gern für seine eigenen Zwecke und reist seinem Konkurrenten hinterher. Die Reise wird für Xu Lang bald beschwerlich, denn im Flugzeug lernt er den verrückten Wang Bao (Wang Baoqiang) kennen, mit dem er den Rest der Reise verbringen muss.

Lobenswert ist immerhin, dass man nicht die Gags und Elemente des Vorgängers recycelt, sondern ein eigenständiges Werk kreiert hat, das sich nur in seinem Gerüst (ein ungleiches Paar auf chaotischer Reise) ähnelt. Auch der Settingwechsel vom winterlichen China ins exotische Thailand funktioniert eigentlich ganz gut. Vor schönen Urlaubskulissen wird nun also gejagt, geflohen, sich verlaufen, geschrien, gestritten und versöhnt. Und das in durchaus unterhaltsamem Tempo. Huang Bo als Konkurrenz bringt sogar noch frischen Wind ins Roadmovie-Konstrukt und der unfreiwillige Ausflug in Thailands Unterwelt wirft eine neue Facette auf. Die Situationskomik funktioniert gelegentlich treffsicher und der Thai-Boxing-Showdown rundet die Komödie mit akzeptabler Action ab.

Sehen wir uns die Hauptfiguren einmal genauer an. Waren es im Vorgänger Geschäftsmann (Xu Zheng) und Bauer (Wang Baoqiang), die sich auf ihrer Reise zusammenraufen mussten, ist die Konstellation in Lost In Thailand weitaus weniger interessant. Konnte man Lost On Journey den Figuren mit Klassenunterschied noch so etwas wie subtile Gesellschaftskritik unterjubeln, arbeitet man in der Urlaubsvariante mit plumperen Mitteln. Gesetzter Geschäftsmann gegen einen schrillen Verrückten, der mit Kaktus im Schlepptau nach Thailand reist, um vermeintliche Flitterwochen mit einem Filmstar zu verbringen. Wang Baoqiang agiert zwar genauso laut wie damals als Bauer, aber wo er es geschafft hat, das ungehobelte Benehmen eines einfachen Bauern so authentisch bis sympathisch rüberzubringen, übertreibt er es als blondierter Verrückter gnadenlos. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass er noch nie eine so substanzlose Rolle wie in Lost In Thailand gespielt hat. Auch Xu Zheng, der in seiner ersten Rolle einfach nur heim zum Familienfest wollte, übertreibt den geldgierigen Geschäftsmann in Thailand auf negative Weise und Chinas Comedy-Größe Huang Bo mimt einen simple Bösewichtfigur wie man sie auch in einer kindischen Super-RTL-Komödie antreffen könnte. So verlieren die Figuren nicht nur an Tiefe, sondern gewinnen ein ungeheures Nervpotential. Schon allein deshalb wird der Film zur Geduldprobe, denn das ewige Gekeife, der oft bemüht wirkende Humor – es nervt einfach auf Dauer!

Nachdem der indirekte Vorgänger Lost On Journey ein herrlich witziges Gesellschaftsbild Chinas zeigte, ist es direkt enttäuschend zu sehen, was für eine plumpe Komödie Lost In Thailand geworden ist. Wer Roadmovies mit primitivem Humor und schrillen Figuren etwas abgewinnen kann, der könnte eventuell Spaß an Lost In Thailand haben. Ich fand den Film allerdings wenig originell, kaum lustig und in seiner Oberflächlichkeit einfach enttäuschend. Lieber würde ich noch zehnmal Lost On Journey sehen als noch einmal den absolut mäßigen Nachfolger.

© Shaoshi, 22. April 2013
4/10

人再囧途之泰囧 | Ren Zai Jiong Tu Zhi Tai Jiong
China • 2012 • 104 Min • Komödie
Regie | Xu Zheng
Drehbuch | Xu Zheng, Shu Huan, Ding Ding
Darsteller | Xu Zheng, Wang Baoqiang, Huang Bo, Tao Hong, Iola Xie, Fan Bingbing, Wang Yufei

Und wie gefällt Euch der Film?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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