Serienkritik | Rock Baby (Taiwan, 2010)

Rock Baby

Löblich, dass eine taiwanesische Serie mal etwas anderes ist als eine überdrehte romantische Komödie. Tatsächlich setzt sich Rock Baby fürs Erste mit einem ernsten Thema auseinander—nämlich dem der Leihmutter, die in Taiwan bis heute illegal ist. Schade nur, dass Rock Baby dieses Thema nicht stark genug aufarbeitet. Denn im Grunde liegt der Fokus doch auf etwas anderem.

Grob lassen sich die fünf Folgen der Serie in zwei Teile aufspalten:

Zunächst also lernen wir Lu Yun Ru (Yang Wen Wen) und ihren Ehemann Lu Zhi Fan (Ma You Xing) kennen, denen das Glück des Elternwerdens verwehrt bleibt, nachdem sich Yun Ru nach einer Fehlgeburt in tiefe Depressionen stürzt. Doch Yun Ru gibt nicht auf. Sie will ein leibliches Kind, mit allen Mitteln. Ihr letzter Ausweg ist das Finden einer passenden Leihmutter. Weil die in Taiwan illegal sind, sucht sie offiziell nach einem Kindermädchen—und wird in der jungen Rockmusikerin Xiao Yu (Wei Ru Yun) fündig. Die hat nebenbei ihre eigenen Probleme. Nachdem ihr Freund, Songwriter Luo Jie (Qian Wei Da), im Suff einen Mitmenschen überfahren hat, lebt er auf Bewährung und hat einen Berg Schulden abzutragen. Um ihn finanziell zu unterstützen, wagt Xiao Yu schließlich den Schritt und ist bereit für Yun Ru und Zhi Fan ein Kind auszutragen.

In der zweiten Hälfte (die etliche Jahre später stattfindet) lernen wir dann das Mädchen Xiao Yu (Wu Zhao Xian) kennen, das in dem Bewusstsein heranwächst, dass sie aus dem Bauch ihrer Mutter Yun Ru stammt. Trotzdem bemerkt der Zuschauer schnell Züge an ihr, die stark ihrer Namensgeberin ähneln. Auch die kleine, rund zehn Jahre alte Xiao Yu liebt Rockmusik und hat in ihrer Grundschule mit Freunden längst eine Band gegründet, mit der sie für einen großen Auftritt bei einem Talentwettbewerb ihrer Schule übt. Außerdem trägt sie gern Schwarz und verhältet sich ganz schön unabhängig. Als sie für eine Zeit bei ihrer schlecht gelaunten Großmutter Ah Xue (Lu Xue Feng) unterkommen muss, findet sie nur langsam Zugang zu der schrulligen Alten und kommt zuletzt auch dem Geheimnis ihrer Eltern auf die Spur.

Im Grunde wäre es um einiges besser gewesen, hätte man aus dem Stoff von Rock Baby zwei eigenständige Serien—oder noch besser zwei Filme—gemacht. Das bietet sich auch an, wenn die Geschichte so zweigeteilt wie im vorliegenden Fall erzählt wird. Die erste Hälfte rund um Rockgöre Xiao Yu, ihre Schwangerschaft und das Familiendrama im Hause Lu ist nämlich ein tolles Drama, wenn es auch einige Anlaufschwierigkeiten hat. Recht vielschichtig wird hier die Beziehung zwischen Yun Ru und ihrem Mann Zhi Fan ausgeleuchtet; aber auch die Beziehung, die sich zwischen der erwachsenen, fest entschlossenen Yun Ru und der beinahe noch so kindlichen Leihmama Xiao Yu entwickelt, rückt schnell ins Zentrum. Als dritte Generation handelt man auch noch die Probleme von Zhi Fans Eltern ab. Zwar wirkt das zu Beginn noch etwas überflüssig, aber wenn man weiß, dass Oma Ah Xue in den letzten Folgen eine wichtige Figur ist, ist es schon richtig, ihr Leben bereits zu Beginn zu beleuchten. Außerdem gelingt es der Serie so, ein Gesellschaftsportrait zu zeichnen, das drei Generationen umfasst. Da ist die junge Generation, die versucht ihr Leben frei und wild zu leben; da ist die zweite Generation aus der oberen Mittelklasse, deren Leben mit Auto, IKEA-Einrichtung und Musikstudio dem im Westen ähnelt, und da ist die Generation der Alten, die abseits und traditionell leben und bereits mit einfachster Einrichtung und einem alten Fahrrad zufrieden sind und im Falle von Oma Ah Xue als Lehrerin für taiwanesische Oper sich stark dafür einsetzen, dass alte Kunstformen des Landes auch dann nicht untergehen, wenn sich die junge Generation nur noch für moderne Musik interessiert. Ein sehr guter Ansatz also, der in seinen besten Momenten so wahnsinnig gut funktioniert, dass man fast schon meinen könnte, man sähe ein preisgekröntes taiwanesisches Familiendrama wie z.B. Yi Yi.

Leider sind diese Momente dann doch zu selten. Noch dazu verhält sich Xiao Yu nicht so wie man es von einer Rocksängerin erwarten würde. Statt wildem Rockluder ist sie im Grunde doch nur ein (teils ziemlich kindischer) Teenager und ist fast schlagartig das schwangere Heimchen, sobald sich ihr Bauch zu wölben beginnt. Schade. Zumal es die Macher nicht lassen konnten und in all dem Drama, das durch Depressionen, Scheidung, Affäre, Auseinanderleben und Beziehungsstress bereits genug gesättigt wurde, auch noch eine schlimme Krankheit mit ins Script bringen mussten.

Nach einem Zeitsprung von rund zehn Jahren ist also das kleine Mädchen, das aus der Schwangerschaft entstand und ebenfalls Xiao Yu heißt, Mittelpunkt der Geschichte. Leider dauert es viel zu lange, bis man das kleine Pummelchen ins Herz schließt. Die Kleine verhält sich nämlich nicht gerade so, wie man sich das wünscht. Die Beziehung zu ihren Eltern wird kaum vertieft, da die Eltern bald für den Rest der Serie auf Geschäftsreise gehen und ihr heißgeliebtes Kind zur Oma geben. Man könnte nun denken, ein Kind, das so tolle Eltern hat, würde perfekt erzogen und wohlgehütet, doch merkt man schnell, dass dem nicht so ist. Denn Xiao Yu ist ganz ihrer Namensvetterin nachgeschlagen—trotzig, musikversessen und listig, wenn es ums Lügen geht. Und dabei schon vor der Pubertät so aufmüpfig, dass man der Kleinen hin und wieder gerne eine kleben möchte. Zumal sie für ihr Alter oft auch viel zu klug daherredet und zuletzt als Kupplerin, von der alle noch was lernen können, auf den Plan tritt. Was hier aber gefällt, ist die Beziehung zwischen Xiao Yu und der Großmutter, die inzwischen allein und verbittert lebt und froh ist, durch Xiao Yus Besuch endlich wieder am Familienleben teilnehmen zu können. Xiao Yu hingegen ist nicht gern bei ihrer Großmutter—sie spricht größtenteils Taiwanesisch, was Xiao Yu kaum versteht, ihr Kochstil schmeckt Xiao Yu nicht und streng und bissig ist die Oma obendrein. Als die beiden aber schließlich herausfinden, dass Xiao Yu eventuell gar nicht das Kind von Yun Ru und Zhi Fan ist (Oma Ah Xue hat damals doch auch eine ominöse schwangere Frau im Haus ihres Sohnes gesehen), machen sich die beiden auf die Suche nach der Wahrheit. Und das schweißt zusammen und gefällt. Wenn Oma kräftig in die Pedale tritt und Enkelin freudestrahlend auf dem Gepäckträger sitzt, hat man wieder einen dieser wunderbaren Momente, von denen man sich mehr gewünscht hatte.

Mit einfachen Mitteln und offensichtlich keinem allzu großen Budget hat die TV-Serie das Beste herausgeholt. Das ist löblich, vergleicht man die Serie mit all den schrillen Idol-Dramas aus Taiwan. Rock Baby hat durchaus die ein oder andere Qualität, mit den großen Dramen Taiwans mitzuhalten, nur leider orientiert man sich an einer viel zu jungen Zielgruppe, der coole Rockmusik und der zugehörige Way of Life (oder das, was die taiwanesische Jugend darunter versteht) wichtiger ist als sensibles Drama. Rock Baby will jedoch beide Seiten bedienen und das ist oftmals eine Gratwanderung, die mitunter ganz schön wackelig ist.

Rock Baby ist im Ansatz extrem gut und hätte in der Form zweier eigenständiger Filme um so viel besser wirken können, zumal die Serie sowieso schon ziemlich zweigeteilt daherkommt. Eingangs ein Beziehungs- und Familiendrama, das bisweilen richtig gut ist, später dann ein Drama rund ums Großwerden und Selbstfindung. Dabei erzählt man die Geschichte einfühlsam und durchaus auch mit Witz. Über einige Logiklöcher und die ein oder andere Inkonsequenz kann man hinwegsehen. Unterm Strich spielt Rock Baby im oberen Bereich der Mittelklasse. Man hätte höher punkten können, hätte man den Stoff anders aufgezogen, aber da Klischees großteils außen vorgelassen werden und man sich auf Charakterentwicklung und keine berühmten Gesichter verlässt, schafft man es letztendlich, eine Geschichte zu erzählen, die (die meiste Zeit) auf dem Teppich bleibt und ein realistisches Bild von Familienproblemen in Taiwan zeichnet.

© Shaoshi, 10. Juni 2011
7/10

摇滚保姆 | Yao Gun Bao Mu
Taiwan • 2010 • Drama [Serie]
Episoden | 5 Episoden à ca. 50 Min.
Alternativtitel | Nanny Rock
Darsteller | Wei Ru Yun, Yang Wen Wen, Ma You Xing, Qian Wei Da, Lu Xue Feng, Wu Zhao Xian, Chen Yong Xu, Wei Zhi Chun, Hou Xin Jie, Wang Si Yong, Li Mei Ying

Und wie gefällt Euch die Serie?

Cover-Quelle: movie.douban.com

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